Nur dezent islamisch

Die in diesem Buch versammelten zwölf Texte beschreiben die Kultur der Tuareg, ihre Traditionen, Rituale und Kulte, aber auch das alltägliche Leben in den Nomadenlagern, die Rolle der Frauen, den Ablauf der Feste, die Arbeit des Weidens und die Überlebensstrategie eines Volkes in der Wüste, die sich trotz zahlreicher Anfeindungen seit Jahrhunderten bewährt haben. Hèléne Claudot-Hawad, Anthropologin und Forschungsdirektorin am Forschungsinstitut über die Arabische und Muselmanische Welt in Aix-en-Provence, legt mit „Tuareg – Porträt eines Wüstenvolkes“ ein Werk vor, das von intimen Kenntnissen der Kulturtradition einschließlich Sprache und Schrift, sozialer Struktur und Geschlechterrollen, Geschichte und politischer Probleme der postkolonialen Epoche geprägt ist.

Darüber hinaus konzentriert sich ihre Arbeit auf das Wertesystem der Tuareg, das nicht nur auf einer bestimmten Vorstellung von Ehre und Moral basiert, sondern in der Praxis auch zu einer festen Verbindlichkeit von Pflichten und Rechten führt. Die Autorin befaßt sich mit der Kosmogenie der Tuareg, die die Welt mit allen ihren Elementen als in immerwährender Bewegung sieht. In dieser Sicht schließt sich jedes Wesen, jeder Gegenstand, jedes Element, der kleinste Partikel und das kleinste Atom der ewigen Kreisbewegung aller an, bis alles im kosmischen Fluß verschmilzt. So gilt den Tuareg bis heute ein ostentatives Bekenntnis zum Islam als „schlechtes Benehmen“.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Tuareg-Gesellschaft ein hierarchisches Gebilde aus mehreren Stammeskonföderationen, das aus Noblen, Religionsführern, Tributpflichtigen, Handwerkern, Freigelassenen und Sklaven bestand. Ihre Aufsplitterung begann mit der französischen Kolonisierung der Sahara. Die Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten in den sechziger Jahren besiegelte diesen Vorgang endgültig. Mit der Schaffung dieser neuen Staaten wurde das Tuareg-Gebiet unter fünf Staaten aufgeteilt: Algerien, Libyen, Mali, Niger und Burkina Faso. An dieser Spaltung waren die Tuareg allerdings durch innere Kämpfe selbst nicht ganz unschuldig.             

Hèléne Claudot-Hawad: Tuareg. Porträt eines Wüstenvolkes. Horlemann Verlag. Bad Honnef 2007, broschiert, 253 Seiten, 14,90 Euro

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