Alles Antisemiten

Hans-Peter Raddatz zählt ohne Zweifel zu den führenden deutschen Islamexperten. Bücher wie „Von Gott zu Allah“, „Allahs Schleier“ oder „Von Allah zum Terror?“ haben maßgeblich dazu beigetragen, die bundesdeutsche Öffentlichkeit bezüglich der islamistischen Gefahr wachzurütteln. Um so größer dürften die Erwartungen an das jüngste Raddatz-Werk „Allah und die Juden“ sein.

Der erste Abschnitt des Buches bündelt die im Alten Testament erzählte Geschichte, wobei Raddatz auf seine  bewährte Methode zurückgreift – Altes und Neuestes immer wieder gegenüberzustellen.

Leider bedient er sich auch eines „hauseigenen“ Dialekts: Nach einem kurzen Dilettieren in den Bereich der Psychoanalyse entlehnt er dieser den „Narziß“-Begriff und wendet ihn dann in der sozial-psychologischen Analyse des Antisemitismus schlechthin an: „Weil seine auf infantiler Stufe verkümmerte Psyche die Wirklichkeit nicht bewältigen kann, sucht der Narzißt sie zu beseitigen, indem er seine Aggression auf ihre Träger projiziert.“ Folgerichtig werden quer durch das gesamte Werk all jene, die dem Druck des Islam auf das Abendland nachgeben und dessen Machtambitionen nebst antisemitischer Dramaturgie akzeptieren, als „Narzißten“ dargestellt – eine Semantik, die keinen sachlichen Bestand hat.

Minutiös beschreibt der Autor danach die Beziehungen Mohammeds zu den Juden, mit denen er zunächst nach seiner Flucht von Mekka nach Medina  paktierte. Das Massaker am jüdischen Stamm der Banu Quraiza in Medina im Jahr 627 dient dann als Ouvertüre zum wertvollsten Teil des Buches. Darin erläutert Raddatz die Entstehung des theologisch begründeten, universellen Machtanspruches des Islam.

Anschaulich wird an dieser Stelle die doktrinäre Grundlage des blutigen, ja blutgierigen heutigen Dschihadismus dargestellt. Hier sowie im Folgekapitel, das dem moslemisch-jüdischen Verhältnis in Spanien gewidmet ist, bewährt  sich die ganze Sachkompetenz des Autors. Die Conquista der iberischen Halbinsel hatte – mit Ausnahme  des „Modells von Cordoba“ und entgegen der allgemein akzeptierten Sicht – keine besonders ruhmreiche Entwicklung für das sefardische Judentum gebracht („sfarad“ ist die hebräische Bezeichnung für Spanien). Bemerkenswert ist Raddatz‘ Darstellung der großen jüdischen Persönlichkeiten Salomon ibn Gabirol, Jehuda Halevi und Maimonides.

Sobald der Autor aber das Mittelalter verläßt, verliert er seinen Leitfaden. Da geht es nicht mehr um die Beziehung des Islam zu den Juden, sondern vielmehr um den Antisemitismus des Abendlandes, besonders aber um den deutschen Antisemitismus. Was die „Verbalpogrome des Martin Luther“ oder der Judenhaß großer deutscher Denker von Kant über Fichte bis Marx mit der Beziehung des Islam zum Judentum zu tun haben, ist kaum nachzuvollziehen. Man kann allenfalls den Eindruck gewinnen, der US-amerikanische Politologe und Kollektivschuld-Apologet Daniel Jonah Goldhagen habe Raddatz Pate gestanden.

Einige „Motive“ gehen querbeet: Den (laut Raddatz narzißtischen) „Protokollen der Weisen von Zion“ – ein bis heute in der moslemischen Welt immer wieder neuverlegtes Machwerk eines Ohrana-Agenten aus dem 19. Jahrhundert – wird eine Schlüsselrolle bei der Entfachung des zeitgenössischen moslemischen Antisemitismus eingeräumt; Amin al Huseyni, der berühmt-berüchtigte Großmufti von Jerusalem, der sich Adolf Hitler zur Seite gestellt hatte, gewinnt im Buch die Dimension einer zentralen Figur, die das Geschehen in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts entscheidend mitgeprägt zu haben scheint – soviel Einfluß hatte der Mufti wahrlich nicht. Störend sind auch die wiederholten Ausfälle gegen den anerkannten Doyen der westlichen Islamexperten, Bernard Lewis.

Übermacht proislamischer Kräfte

Die Kritik des Autors gilt vor allem der unter dem Vorwand der Toleranz und des Multikulturalismus der „Narzißten“ vermeintlich immer klarer werdenden Übermacht proislamischer Kräfte im Abendland. Im Windschatten dieser Entwicklung – die der Autor weiter fortgeschritten sieht, als man sachlich feststellen könnte – floriere der neue abendländische Antisemitismus. Dies dient als Brückenschlag, um den eigenen Titel zu rechtfertigen. Dabei fällt Raddatz in eine selbstgestellte Falle: Er beschreibt die Beziehungen der Europäer zu islamistischen oder terroristischen Organisationen wie etwa Hisbollah oder Hamas, läßt aber völlig die Tatsache beiseite, daß Europäer wie Amerikaner nach dem Wahlsieg der Hamas eine Finanzblockade verhängt haben.

Seine Diagnose klingt im Licht der neuesten Entwicklungen, die er nicht voraussehen konnte – der Westen unterstützt den Gegenspieler von Hamas, den Fatah-Präsidenten Mahmud Abbas – völlig fehlgeleitet.

Zweifelsohne sind der Islam und der Islamismus auf dem Vormarsch, und kein überzeugter Europäer kann ihnen Vorschub leisten, wie es allenfalls Vertreter der deutschen Linken tun. Aber das bedeutet nicht, daß wir auf das Faktische verzichten sollten – die geistige Oberhoheit des Abendlandes wurde trotz aller Oskar Lafontaines und Claudia Roths noch nicht aufgegeben. Und wir haben zur Zeit noch ausreichende Abwehrmittel  in der Hand, um nicht Panik schüren zu müssen und auf den vermeintlichen Ruinen unserer Zivilisation derartige Klagelieder anzustimmen.

Raddatz versteht sich als Warner vor der islamischen Sintflut. Dabei unterlaufen ihm in der Hitze des Gefechts peinliche Sachfehler: Henry Morgen­thau war nie amerikanischer Außenminister (er war von 1934 bis 1945 Finanzminister); Joschka Fischer kann man bei aller Kritik nicht für das Ausstellen von drei Millionen (!) Einreisevisa verantwortlich machen; Winston Churchill hat den Literaturnobelpreis nach dem Erscheinen seines Monumentalwerkes „Geschichte der englischsprechenden Völker“ und für sein Gesamtwerk, nicht für die Kriegsmemoiren bekommen -und schließlich: Die Moslembrüder sind in zahlreichen arabischen und moslemischen Ländern vertreten, nicht aber in Saudi-Arabien.                 

Hans-Peter Raddatz: Allah und die Juden. Die islamische Renaissance des Antisemitismus. wjs Verlag, Berlin 2007, gebunden, 354 Seiten, 24,90 Euro

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