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Einkaufsstraße in Wernigerode in Sachsen-Anhalt
Einkaufsstraße in Wernigerode in Sachsen-Anhalt Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Matthias Bein

Friedrich-Ebert-Stiftung
 

„Mitte-Studie“: Rechtsextreme Einstellungen in der Gesellschaft rückläufig

BERLIN. Offen rechtsextreme Einstellungen sind einer Studie zufolge in der deutschen Gesellschaft zurückgegangen. Der Anteil der Befragten, die den Nationalsozialismus verharmlosen, sank von 2,5 Prozent auf 1,4 Prozent, ergab die „Mitte-Studie“, die von Wissenschaftlern der Universität Bielefeld im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt und am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde.

Auch sanken antisemitische Haltungen im Punkt „Rechtsextreme Einstellungen“ von 3,3 Prozent auf 1,7 Prozent. In der Kategorie „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ untersuchte die Studie zum einen den klassischen Antisemitismus, der von 4,2 auf 7,5 Prozent anstieg. Zum anderen nahm sie den israelbezogenen Antisemitismus in den Blick. Dieser wiederum sank von 23,3 auf 13,4 Prozent. Die Autoren wiesen hierbei auf den gestiegenen Anteil im Graubereich hin, der beim klassischen Antisemitismus von 8,3 auf 13,7 Prozent und beim israelbezogenen Antisemitismus von 27,5 auf 30 Prozent stieg. Auch die Fremdenfeindlichkeit nahm der Erhebung zufolge von 3,3 auf 4,5 Prozent zu.

Als größte Bedrohung werteten die Befragten den Rechtsextremismus und den Klimawandel (beide 69,6 Prozent), gefolgt von sozialer Spaltung (61,5 Prozent), der Coronapandemie (60,5 Prozent), Vereinsamung (53,8 Prozent), Linksextremismus (35 Prozent) und Islamismus (38,9 Prozent).

Die seit 2006 zweijährig durchgeführte „Mitte-Studie“ befaßt sich mit der Frage: „Wie verbreitet sind rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in der Mitte?“ Mit den Ergebnissen möchten die Wissenschaftler eine Zustandsbeschreibung der demokratischen Gesellschaft und Kultur erbringen. Je mehr Personen aus der gesellschaftlichen Mitte rechtsextreme Einstellungen verbreiteten oder mit ihnen sympathisierten, umso gefährdeter sei ihrer Ansicht nach die Demokratie.

73 Prozent sehen sich als „überzeugte Demokraten“

Als positiven Trend führte die Studie auf, daß sich die „Mitte“ als demokratisch verstehe, sich gegen Haß und Hetze wende und Rechtsextremismus als Bedrohung erkenne. Immerhin rund 73 Prozent der 1.750 Befragten sagten laut der Studie von sich selbst: „Ich bin ein überzeugter Demokrat“. Etwa zehn Prozent der Studienteilnehmer stimmten der Aussage jedoch nicht zu.

Als negativ bewerteten die Autoren einen neuen antidemokratischen Populismus, mit dem die Mitte konfrontiert sei und der zudem „Einfallstore zum Rechtsextremismus“ öffne. Zudem stimme die Mitte in Teilen selbst offen für antidemokratischen Populismus oder extrem rechte Meinungen und sei anfällig für Antisemitismus. Eine Gefahr sehen die Wissenschaftler in „populistischen Akteuren, die gezielt Mißtrauen in staatliche Institutionen, öffentlich-rechtliche Medien und die etablierte Wissenschaft schürten“.

Immer mehr „teils/teils“-Antworten

Rechtspopulistisch-Orientierte seien nach Ansicht der Studienautoren „Personen mit politischen Vorstellungen und Machtinteressen, die weniger kollektiv als individualistisch ausgerichtet seien, und die einer individualisierten Protest- und Haßkultur nicht ablehnend gegenüberstünden“. Auch seien sie in der Lage, ihre „individuellen Freiheiten lautstark einzufordern, auch gegen solidarisches Rücksichtnehmen, wie sich aktuell an den Coronaprotesten ablesen lasse“.

Auffällig sei darüber hinaus, daß in fast allen Bereichen der Befragung die eindeutigen Zustimmungswerte zurückgingen und es mehr „teils/teils“-Antworten gebe. „Das kann bedeuten, daß die Mitte weniger diskriminierende Einstellungen vertritt und sich der Gefahr bewußter wird. Das kann aber auch bedeuten, daß die Mitte in Teilen abwertend eingestellt ist und sich in den Graubereich flüchtet“, ist der Studie zu entnehmen.

Deshalb forderten die Autoren von der gesellschaftlichen Mitte, sich in diesen Fragen deutlicher zu positionieren, auch gegen Antisemitismus. Desgleichen solle sie sich an einem „rationalen Grundkonsens und der Wissenschaft“ orientieren sowie die „Politische Bildung und Kultur“ stärken. Die Friedrich-Ebert-Stiftung schloß sich der Forderung auf Twitter an: „Unser Fazit: die Mitte ist gefordert, sich zu positionieren.“

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(hl)

Anmerkung: In einer früheren Version hatte es geheißen, der Antisemitismus gehe zurück. Tatsächlich bezog sich dies auf die Kategorie „Rechtsextreme Einstellungen“. Der klassische Antisemitismus in der Mitte nahm laut Studie zu.

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