AfD Alternative für Deutschland Wahlkampagne
Domtüren in Köln
Löwenköpfe bilden die Türklopfer am Kölner Dom Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres

Katholische Kirche und Mißbrauch
 

Böse Geister

Es ist was faul im Staate Pistorius. Im Reich von Simon Pistorius (Ulrich Tukur), dem hippen Herrscher der Odenwaldschule, leben Schüler und Lehrer in „Familien“ zusammen. Alle duzen sich, Rauchen ist erlaubt, Rauschgift toleriert und Noten sind verpönt. Lehrer, so die Devise des Direktors, sind „Persönlichkeiten, die Kinder stark machen und sie in ihrer Ganzheit wahrnehmen“.

Konkret heißt das: Lehrer Thomas geht mit Katja von der Schülervertretung ins Bett und sein homosexueller Kollege amüsiert sich mit einem Schüler nackt im VW-Bus. Alle sind so lässig, hip und cool, daß kein Platz ist für die Vorstellung, daß Pistorius sich an seinen Schutzbefohlenen systematisch vergeht. Und das ist das eigentlich Beklemmende an dem Film von Christoph Röhl: die dumme Trägheit der Lehrer- und Elternschaft, die sich opportunistisch wegduckt, als die neu an die reformpädagogische Einrichtung gekommene Biolehrerin Petra Grust (Julia Jentsch) dem perversen Treiben auf die Spur kommt.

Die ARD-Degeto-Produktion „Die Auserwählten“ von 2014 ist einer der seltenen Glücksfälle des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Als wollte eine höhere Macht den Begriffsstutzigen in unserem Land auf die Sprünge helfen, koinzidiert die Woche der Wiederaufführung des Films in der ARD (Wiederholung auf ONE am 2. Juli) mit dem abgelehnten Rücktrittsgesuch des Münchner Erzbischofs Reinhard Marx. Die Krise, schrieb der Kardinal, sei „auch verursacht durch unser eigenes Versagen, durch unsere Schuld“.

Vagheiten, Halbheiten, Allgemeinplätze

Wer jedoch wissen will, worin denn dieses Versagen besteht, wo genau jemand Aufklärung blockiert und wer das konkret ist, spürt sogleich, wie sich eine bleischwere Decke der Verdunkelung und Abstraktion über ihn senkt. Der öffentlich gemachte Brief des Kardinals bildet da keine Ausnahme. Dabei muß einer wie er, einer, der Einfluß hat im Vatikan, doch konkreter werden, der Öffentlichkeit mehr liefern können als Vagheiten, Halbheiten, Allgemeinplätze.

„Mitverantwortung für die Katastrophe des sexuellen Mißbrauchs“ wolle er tragen, schrieb Marx, doch weder ging seine Buße so weit, seine (pekuniären) Privilegien als Kardinal gegen die Schlichtheit und Abgeschiedenheit einer kargen Klosterexistenz zu tauschen, wie sie Franziskus’ Namensgeber Franz von Assisi vorlebte, noch machte er Vorschläge, wie der homosexuelle Sumpf trockengelegt werden könnte, über den Franziskus I. sich vor genau acht Jahren beklagte. Wo noch so viel zu tun ist, kann ein Erzbischof nicht einfach abtreten. Zwei Drittel der dokumentierten Mißbrauchsfälle sind gleichgeschlechtlich. Von „mächtigen Seilschaften auf der Grundlage sexueller Abhängigkeiten“, berichtete die Deutsche Welle.

Mit der bornierten Hörigkeit des Kollegiums in „Die Auserwählten“ vor Augen ergibt sich auf einmal ein klares Bild von dem pathogenen Siebziger-Jahre-Klima, in dem Mißbrauch und Perversion so prächtig gediehen und sich so erschreckend auswuchsen, daß nun das Entsetzen groß ist. Oswald-Kolle-Aufklärungsfilme, Helmut-Kentler-Sexualpädagogik, Kreuzberger Falckenstein-Keller, Kinderläden und die Pädophilen-Fraktion bei Grünen und AL vervollständigen das Bild. Überall tobte sich, genährt vom Hedonismus der Hippiekultur, derselbe verderbliche Ungeist aus. Die Tabubrüche von damals und seine digitalen Erben von heute, Kinderpornographie und Pädosexualität im Darknet: das alles ist ein und derselbe Komplex menschlicher Verkommenheit.

Propagandagemälde

Als der emeritierte Papst Benedikt XVI., mit über 90 noch bei klarerem Verstand als die meisten deutschen Kirchenlehrer, kurz vor dem Großfeuer von Notre-Dame eine Denkschrift vorlegte („Zurück zu Gott!“), in der er genau diesen Zusammenhang entlarvte zwischen Mißbrauch und sexuellem Sittenverfall, in dessen Sog auch die universitäre Theologie geriet, konnten seine Gegner gar nicht schnell genug Zeter, Mordio und Sakrileg schreien.

„Zu den Freiheiten, die die Revolution von 1968 erkämpfen wollte, gehörte auch diese völlige sexuelle Freiheit, die keine Normen mehr zuließ“, schrieb Benedikt und ließ den Skandalsatz folgen: „Zu der Physiognomie der 68er Revolution gehörte, daß nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde.“ Daß „homosexuelle Clubs“, Pornos im Priesterseminar und Promiskuität an den theologischen Lehranstalten sich positiv auf die Entwicklung sittlicher Normen und die Pflege von Keuschheitsregeln in der nachwachsenden Priestergeneration ausgewirkt haben, wird wohl auch Kardinal Marx nicht glauben. Aber warum sagt er es dann nicht?

Weil er zu den Befürwortern des LGBT-affinen „Synodalen Wegs“ gehört, die ein Zerrbild zur Legitimation ihrer postchristlichen Reformagenda benötigen. Dieses Propagandagemälde zeigt die katholische Kirche als von Krebsgeschwüren durchsetzten Organismus: überall verknöcherte Konservative, Vertreter der Spezies alter weißer Mann, die man sich am besten vorstellt wie den Inquisitor Bernardo Gui aus Umberto Ecos „Der Name der Rose“.

Beträchtliche Unschärfen

Sie kleben an überkommenen Machtstrukturen um ihrer selbst willen, sind zu schlimmsten Schandtaten fähig und stehen deren Aufklärung im Weg, weil das die zementierten Strukturen bröckeln ließe, die ihren Status sichern. Als Vertreter einer doppelten Moral sind sie in Wahrheit böse Unholde ohne Ethos. Die Lösung besteht in einer modernen humanistischen Aufklärungsethik, die „Wir sind Kirche“, „Maria 2.0“ und andere populistische Bewegungen innerhalb der Kirche auf synodalem Wege zu erreichen hoffen. Streiche: Bibel, setze: Kirchenparlamentarismus. Dieses Allheilmittel bewirbt wie in einer billigen Postwurfsendung auch der vermeintlich reuige Kardinal.

Das Zerrbild vom bösen Inquisitor und den guten Kräften der Aufklärung harmoniert so blendend mit dem Credo der von deutschen Leitmedien vertretenen säkularen Orthodoxie, daß man es eine zeitgenössische Ikone nennen könnte, eine Ikone freilich, wie das bei Ikonen so ist, mit beträchtlichen Unschärfen. Ist das Absegnen von abwegigem Sexualverhalten ein hilfreiches Signal im Kampf gegen übergriffige Paraphilie? Wie sind unkeusche Homosexuelle im Priesteramt zu verhindern? Wenn das Zölibat und der Ausschluß von Frauen aus dem Priesteramt sexuellem Mißbrauch Vorschub geleistet haben, warum gab es dann analoge Mißbrauchsfälle in der EKD? Das alles bleibt unklar.

Wie schwer es ist, den Verstand wachzuhalten, wenn einem die Gewißheit, voll im Trend zu sein, mit zur Avantgarde einer neuen Ära zu gehören, ein berauschendes Überlegenheitsgefühl verleiht, das zeigt „Die Auserwählten“: Eine blöde Horde rennt einfach dem Bock hinterher, der am lautesten blökt. Damit entlarvt der Film ein zeitloses Phänomen, das sich in jeder Generation in neuem Gewand wieder einstellt. Ist er nur gut genug verkleidet, merkt auch niemand, wenn es – wie aktuell beim populistischen „Synodalen Weg“ – der Teufel ist, der angeheuert wurde, um den Beelzebub auszutreiben.

Zerstörte Menschen, zerstörte Seelen

Denn es war der hemmungslose Hedonismus der Achtundsechziger, den die politisch infizierten Zauberlehrlinge in den Priesterseminaren erst riefen und dann nicht mehr loswurden, ein böser Geist, der überall wirbelte, nicht nur wirbelte, sondern, wie in Goethes berühmter Ballade, auch zerstörte: Menschen zerstörte, Seelen zerstörte, eine ganze Kirche zerstörte. „O du Ausgeburt der Hölle!“ beschrieb Goethe den Kontrollverlust in Versen. „Ein verruchter Besen, der nicht hören will! Stock, der du gewesen, steh doch wieder still!“

Christlicher Glaube – das war einmal der Glaube an eine souveräne Gottheit, vor der auch die geheimste Sünde nicht verborgen bleiben kann. Es spricht vieles dafür, daß die Geister, die verantwortungslose Geistliche gerufen haben, indem sie diesen Gott zur bloßen Chiffre für ein humanistisches Vernunft-Ethos degradierten, bis heute für Chaos und Verwüstung sorgen.

Man kann der Kirche nur wünschen, daß sie wie Goethes Zauberlehrling am Ende zur Besinnung kommen und sich wieder der Gnade des „alten Meisters“ anbefehlen. „Nur der Gehorsam und die Liebe zu unserem Herrn Jesus Christus kann den rechten Weg weisen“, mahnt Benedikt XVI. in „Zurück zu Gott!“ – Stimme eines Rufers in der Wüste.

Löwenköpfe bilden die Türklopfer am Kölner Dom Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres
AfD Fraktion NRW Stellenausschreibung Inneres
Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
aktuelles