Christian Bale als Dick Cheney in Adam McKays Vice“ Foto: picture alliance/Everett Collection
„Vice“

Ein Monster namens Cheney

In seinem neuen Film widmet sich Regisseur Adam McKay der Lebensgeschichte des ehemaligen Vize-Präsidenten Dick Cheney. Doch trotz hochkarätiger Besetzung mit Christian Bale in der Hauptrolle ist dies weniger ein Film über Cheney als vielmehr ein hysterischer Angriff auf Konservative.

Erzählt im typischen Stil McKays, ein Wechsel zwischen Handlung und Kommentar, arbeitet sich der Film wie ein Wikipedia-Artikel am Leben Cheneys ab. Wir lernen ihn zunächst als Versager kennen, der dann Karriere als Assistent von Donald Rumsfeld macht und später unter anderem das Amt des Vize-Präsidenten unter George W. Bush innehat.

Lernen wir den Menschen dabei kennen? Kaum, denn McKay stellt den Staatsmann inkonsequent dar. Zuerst hungrig nach Macht, gibt er den Traum der Präsidentschaft nach unvorteilhaften Umfragewerten auf und sieht sich fortan als Diener des amerikanischen Staats. Woran er aber glaubt, was sind seine Maxime und sein Antrieb? Klar wird es nicht. Dieser Cheney ist ein Mann ohne Charisma und ohne Eigenschaften.

Der Rundumschlag ist wichtiger als Charakterzeichnung

Denn was McKay wirklich vermitteln will, ist seine geradezu haßerfüllte Sicht auf Cheney, und mit ihm die gesamte Partei der Republikaner. So wird Dick Cheney als Urheber allen denkbaren Übels dargestellt, von der Entstehung des IS über die Erfindung des Wortes „Klimawandel“, die derzeitige Migrationskrise, den Erfolg von Verschwörungstheoretiker Alex Jones und, seltsamerweise, Waldbränden in Kalifornien.

Andere historische Figuren werden verstaubten Klischees entsprechend als reine Karikaturen dargestellt, denen jede Tiefe versagt bleibt. So ist Sam Rockwell als George W. Bush nur ein planloser, grobschlächtiger Möchtegern und Steve Carrell als Donald Rumsfeld ein schmieriges Schlitzohr. Einzig Amy Adams als Lynn Cheney hat einen Ansatz von Charakter. Doch wird sich nicht nur an Politikern abreagiert, Fox News wird vorgeworfen, das Land „noch weiter nach Rechts gerückt“ und den politischen Diskurs vergiftet zu haben.

Irritierende Obsessionen

Geradezu besessen ist der Regisseur von „Unitary Executive Theory“ (UET), die jede Aktion des Präsidenten als legitim ansieht. Der Film suggeriert, daß diese Theorie von Cheney und seinem inneren Zirkel zuerst angewendet wurde, was aber eine mehr als steile These ist.

Die UET ist schon lange Bestandteil verfassungsrechtlicher Diskussionen und damit wenig geeignet für spannende Unterhaltung. McKay jedoch erklärt sie zur Grundlage von Cheneys Denken. Weiterhin läßt er den Zuschauer nie vergessen, daß Cheney eine lesbische Tochter hat und wie pikant das für einen konservativen Politiker ist. Besonders aber hegt der Filmemacher eine Faszination für die Herzprobleme des Staatsmanns, die er platt als Symbol für dessen Herzlosigkeit gebraucht. Jede große Herzattacke wird dokumentiert und der Umstand, daß Cheney durch ein Spenderherz „zehn Jahre gewann“, wird ohne Scheu bedauert.

Eine weitere Episode der Anti-Trump-Show

Was bald klar wird: „Vice“ ist vor allem ein weiteres Vehikel für Hollywoods irrationalen Haß auf Donald Trump. So ist es etwa eine Rede Lynn Cheneys vor Arbeitern, die den Beginn der politischen Karriere ihres Manns symbolisieren soll. Gepickt ist diese Rede mit Parolen gegen Minderheiten, Intellektuelle und die „Eliten“ in Washington. Der Zuschauer wird erinnert, daß „Make America Great Again“ schon ein Slogan der Reagan-Ära war und, so wird suggeriert, gerieten die USA unter Ronald Reagan zu einer Diktatur.

Gänzlich den Vogel schießt „Vice“ noch während des Abspanns ab. Denn hier macht der Film sich über diejenigen Zuschauer lustig, die dem Film einen „liberal bias“ unterstellen. Als einer der Darsteller in einer Gruppensitzung einen anderen bezichtigt, Hillary Clinton gewählt zu haben, bekommt sein Gegenüber einen Wutanfall. In diesem wird dann auch der „orangefarbene Pavian, den du gewählt hast“, benannt.

Politfarce mit Identitätsproblem 

Insgesamt ist „Vice“ ein ermüdendes Erlebnis – und das nicht nur wegen dem steten Bombardement mit „Fakten“ und Daten. Der Film gefällt sich selbst in einer sarkastischen Pose, aber wirkliche Lacher kommen nicht auf. Als Zuschauer ist man unschlüssig, was einem da nun vorgesetzt wird: Ist dies die Biographie einer der zentralen Figuren des „War On Terror“ oder eher eine Politfarce? So recht kann McKay sich da auch nicht entscheiden: Komische Szenen wechseln sich mit Darstellungen von Bombenangriffen und (realen) Folterszenen ab.

Dieses Ungleichgewicht zeigt sich vor allem bei der Hauptfigur: Mal ist Cheney der besagte „Mann ohne Eigenschaften“, dann wird er als Ungeheuer zu absurd pathetischer, unheilsschwangerer Musik präsentiert. Letztlich hat McKay kein Interesse an Dick Cheney. Er versucht nicht, sein „Objekt“ zu verstehen. Dem Regisseur müsste man absprechen, einen Film über den Politiker gemacht zu haben, sondern über eine von ihm kreierte Figur mit Namen „Dick Cheney“.

Man muß wahrlich kein Freund der Bush-Regierung gewesen sein, um „Vice“ als plump und hysterisch zu empfinden. Es ist nur ein weiteres Haßfest aus einem Hollywood, dessen ideologische Blase immer weniger Kontaktpunkte mit dem Rest des Landes findet – darauf aber auch noch stolz ist.

Christian Bale als Dick Cheney in Adam McKays Vice“ Foto: picture alliance/Everett Collection

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