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Rezension
 

Ins Schwarze getroffen

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„Er ist wieder da“: Porträt unserer Mediendemokratie Foto: Bastei Lübbe

Er ist immer noch da. Hitler. Ein Untoter. Dabei sollte man ihn endlich mal ruhen lassen, denn zur Hitler-Langeweile kommt die Hitler-Lähmung hinzu: Eine Formulierung nationaler Interessen, die Zurückweisung maßloser Forderungen von Migrantenverbänden oder der Verzicht auf weitere Euro-Rettungs-Höllenritte fallen „wegen Hitler“ unter ein grundsätzliches „Autobahn“-Verdikt.

Neben dem Monsterhitler gibt es den Kasperhitler, von dem die Kabarettisten zehren. Wohlig lehnt man sich zurück und freut sich seiner moralischen Erhabenheit, oder man lacht schenkelklopfend über die Dummheit der Nazi-Spießer-Opas. Gut, daß wir nicht mehr so sind wie die damals!

Plötzlich ist er jedoch ganz anders „wieder da“; wir sitzen als Leser in seinem Kopf und ertappen uns dabei, wie wir beifällig nicken, wenn ein irritierend vernünftiger Adolf seine Gedanken zum heutigen Deutschland ausbreitet. Sehr einleuchtend, was er über verantwortungslose Parteipolitiker, den Kanzlerinnenwahlverein CDU, die FDP-Jünglinge, eine SPD, die es nicht mehr zu verbieten lohne, oder die Grünen, deren Ideologie ihm am ehesten zusage, mitzuteilen hat, nachdem er mitten in Berlin aus einer Art Winterschlaf erwacht ist und wieder „von vorne anfängt“. Auch die NPD kommt schlecht weg; der Erfinder dieses gar nicht so satirischen Hitler will ja nicht falsch verstanden werden.

Peinliches Porträt unserer Mediendemokratie

Insgesamt wird unsere Mediendemokratie peinlich zutreffend porträtiert: Die Bild-Zeitung ereifert sich zunächst über den geschmacklosen Komiker, arrangiert sich jedoch bald ganz gut mit ihm; einige Politiker und der Zentralrat der Juden protestieren etwas, aber seine scheinbaren Sketche werden von einer findigen Produktionsfirma hervorragend vermarktet; der Führer avanciert zum Medienstar, findet Anhänger, weil er den Nationalsozialismus offenbar so hintersinnig karikiert, und seine heutigen Fans, sympathische moderne Menschen, merken nicht, wie schnell sie ihm verfallen.

Timur Vermes, ein 1967 geborener Journalist und Ghostwriter, hat ein außerordentliches Buch vorgelegt, das auf den ersten Blick klar und einfach erscheint und doch in keine Schublade paßt. „Der Roman“ steht in dezenter roter Schrift auf dem minimalistischen Schwarzweiß-Cover mit stilisiertem Führerscheitel und dem bekannten Bärtchen, der von den vier Worten des Titels „Er ist wieder da“ gebildet wird. Nur diese Markenzeichen treten aus dem Nichts eines weißen Hintergrundes hervor, so unvermittelt, wie Hitler in ölverschmutzter Uniform wieder auftaucht.

Konfrontation mit einem ganz er selbst gebliebenen Hitler

Wie und warum letzteres geschieht, wird offengelassen; es geht nicht um eine romanhafte Narration, gar um eine Science-fiction-Geschichte von Hitlers Überleben (das man sonst in Südamerika oder der Antarktis imaginiert), sondern um die Konfrontation eines ganz er selbst gebliebenen, aber sich überraschend gut zurechtfindenden Hitler mit unserer Gegenwart.

Der übliche Zeigefinger-Moralismus des „noch fruchtbaren Schoßes“ ist Vermes fremd: Hitler und die Nazis sind gerade nicht die anderen, von denen sich jeder so unendlich weit entfernt glaubt – aber der Schauder, der einen erfassen müßte, wenn man Hitlers Erkundungen zu weiten Teilen zustimmt, stellt sich doch nicht wirklich ein. Der Autor begründet diese Verführung in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung mit dem „schleichenden Übergang von Vernunft zu Irrsinn“, der Hitler so gefährlich mache.

So recht mag man Vermes den Aufklärer 2.0, der sich von den leeren Ritualen staatlicher „Erinnerungskultur“ absetzt, aber nicht glauben, weshalb Götz Kubitschek das eigentlich Satirische nicht in der Behandlung Hitlers sieht, sondern in den „hintergründigen wie messerscharfen Bloßstellungen des lebenden politischen und medialen Personals unserer Republik“ (Sezession 52/2013). Man könnte das Buch folglich als Satire der Political Correctness lesen, wenn nur eins nicht wäre: eben die Tatsache, daß alle treffenden Bonmots, die nicht nur rechten Lesern ein zustimmendes Murmeln abnötigen, ausgerechnet von Hitler stammen.

Wenig humorvoller Ruf nach Gedankenüberwachung

So betrachtet, kann man den Roman auch umgekehrt interpretieren: als clevere Apologie der Alternativlosigkeit im Sinne der Herrschaftsphrase, „wer nicht für uns – die politische Klasse – ist, der ist kein Demokrat und letztlich irgendwie für Hitler“. Dazu paßt Vermes’ wenig humorvoller Ruf nach mehr Überwachung sogar unserer privaten Gedanken: Die Bewertung von Hitlers Denken „bleibt dem Leser überlassen, aber wer das für harmlos hält, den beobachtet hoffentlich schon der Verfassungsschutz“.

Dies könnte eine kalkulierte Verbeugung sein, aber es steht zu befürchten, daß sie ernst gemeint ist. Ungeachtet der sich wohl erst durch weitere Publikationen klärenden Intentionen des Autors macht dieses Changieren den Reiz des wunderlichen Buches aus. Man möchte es als schwarz oder weiß, politisch korrekt oder inkorrekt, Ulk oder Warnung, Hitler-Persiflage oder Kritik des heutigen Politbetriebs einsortieren, aber es entzieht sich jeder vorschnellen Zuschreibung.

„Warum ist dieses Buch immer noch auf der Eins?“

Wahrscheinlich tat sich deshalb das etablierte Feuilleton so schwer mit ihm und nicht allein wegen der verdrucksten Ängstlichkeit der Rezensenten, bloß nicht den richtigen Ton zu verfehlen, da es ja um Hitler geht und jeder Fehltritt den Job und das schmale Zeilenhonorar kosten kann. Über 400.000 Exemplare haben sich dennoch seit Herbst verkauft, bislang in 27 Sprachen wurde das Buch übersetzt, auch das Hörbuch, gelesen von Christoph Maria Herbst, ist ein Bestseller – und das alles ohne aufwendige Pressekampagne und begleitet von dem Unwillen des Feuilletons.

Der Spiegel kommentierte Vermes’ Spitzenplatz auch auf der Hörbuch-Bestsellerliste verärgert: „Hitlers Stimme, Deutschlands Geheimnis: Warum ist dieses Buch immer noch auf der Eins?“ Nun, offenbar traf dieses Roman-debüt ins Schwarze, indem es uns für sinnige 19,33 Euro einen freundlich-überzeugenden Hitler vorführt und mit unserer verschämten Dreiviertelzustimmung um so ratloser zurückläßt.

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JF-Buchtipp: Timur Vermes: Er ist wieder da. Der Roman. Eichborn Verlag, Köln 2012, gebunden, 396 Seiten, 19,33 Euro

JF 15/13

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