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Wolf Jobst Siedler zum 85. Geburtstag
 

Der letzte Kronzeuge

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Wolf Jobst Siedler: Foto: Visiomedia

In Theodor Fontanes Roman „Der Stechlin“ heißt es über den alten Dubslav: „Er hatte noch das ganz eigentümlich sympathisch Berührende all derer, die ‘schon vor den Hohenzollern da waren’.“ Dubslavs Selbstgefühl kleidete sich in Humor und Selbstironie, „weil er seinem ganzen Wesen nach überhaupt hinter alles ein Fragezeichen machte. (…) Er hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und extremer, desto besser. Daß sich diese Meinung mit der seinigen deckte, lag ihm fern zu wünschen, im Gegenteil. Paradoxen waren seine Passion“, denn „unanfechtbare Wahrheiten“ gab es für ihn „überhaupt nicht, und wenn es welche (gab), so (waren) sie langweilig“.

Der Verleger und Publizist Wolf Jobst Siedler wird diese Sätze als Beschreibung des eigenen Lebensideals, als Kurzfassung seiner Wunschbiographie lesen. Anknüpfungspunkte dafür gibt es eine Menge. Zwar waren seine Vorfahren nicht gerade vor den Hohenzollern in Berlin, aber es befinden sich unter ihnen der Bildhauer Johann Gottfried Schadow, der die Quadriga auf dem Brandenburger Tor schuf. Ein anderer berühmter Ahne ist der Komponist und Dirigent Carl Friedrich Zelter, der mit Goethe mehr als dreißig Jahre lang korrespondierte und dessen „König in Thule“ er 1812 vertonte.

Siedler ist der 1926 in Berlin geborene Sohn eines ehemaligen kaiserlichen Diplomaten. Sein Onkel entwarf gegen Ende der Weimarer Republik den Erweiterungsbau der Reichskanzlei in der Berliner Wilhelmstraße. 1943/44 gerieten Siedler und sein Freund Ernst Jünger, der Sohn des berühmten Schriftstellers, durch eine Denunziation in Lebensgefahr. Mit Mühe konnte der Vater des Freundes das Todesurteil abwenden. Die beiden wurden zur Frontbewährung verurteilt. Jünger junior fiel, Siedler geriet verwundet in britische Kriegsgefangenschaft.

Siedlers Welt ist das arkadische Preußen

Diese Lebensstationen und Markierungen umreißen die wesentlichen Prägungen Siedlers. Die Welt, die er immer wieder eindringlich beschworen hat, ist das geistige, heitere, der Schönheit zugetane, das arkadische Preußen. Berlin als Ort liberaler Bürgerlichkeit im 19. und frühen 20. Jahrhundert sieht er als dessen Fortsetzung.

1955, da war Siedler noch nicht dreißig, wurde er Feuilleton-Chef des Berliner Tagesspiegel. Ab 1963 prägte er das Programm der Ullstein-Verlagsgruppe. 1980 gründete er einen eigenen, den Siedler-Verlag, der heute zum Bertelsmann-Konzern gehört, aber noch immer vom Renommee seines Gründers zehrt. Siedlers Bibliographie weist sechzehn Bücher aus, Essaybände und eine zweiteilige Autobiographie, seine Artikel und Aufsätze in der Presse sind nicht zu zählen. Manche davon sind klassisch-vollkommen.

In ihnen ist der Stilwille des Publizisten Friedrich Sieburg lebendig, der in Siedler einen Nachfahren im Geiste erkannte. Sein berühmtestes Buch, „Die gemordete Stadt“, erschien 1964. Er geht darin mit der fortgesetzten Zerstörung der deutschen Städte durch den Wiederaufbau ins Gericht. Den Architekten Le Corbusier nennt er einen „Bruder“ des britischen Luftmarschalls Arthur Harris. 

Traditionsbewußtsein muß für Neues offen sein

Siedler lebt in seinem Berliner Elternhaus, in einer guten Gegend natürlich, und damit eine Kontinuität, die in Deutschland selten ist. Unter dem früheren Regierenden Bürgermeister Richard von Weizsäcker hätte er Senator werden können. Ihn sich hypothetisch in der Mannschaft des plebejischen Klaus Wowereit vorzustellen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wowereit jedoch verkörpert die Gegenwart, während Siedler der letzte Kronzeuge einer Gesellschaft ist, die einmal „die gute“ genannt wurde, ohne diesem Anspruch immer gerecht geworden zu sein. Sie wurde aber durch keine bessere ersetzt.

Von Siedler kann man lernen, daß Urteilskraft eine fundierte kulturelle und historische Bildung voraussetzt. Traditionsbewußtsein muß für Neues offen sein, um nicht zu erstarren. Siedler nahm sich das Recht, gegen den Strich zu denken und zu schreiben. Andererseits war er stets darauf bedacht, Handlungen und Formulierungen zu vermeiden, die seine Gesellschaftsfähigkeit beeinträchtigen konnten. Die Grenzen der Gesellschaftsfähigkeit aber wurden in den letzten Jahrzehnten von antibürgerlichen Kräften neu abgesteckt. Auch deshalb steht Wolf Jobst Siedler im Ergebnis für den Bürger auf dem Rückzug. 

Den von der Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung (FKBF) in Kooperation mit der jungen freiheit verliehenen Gerhard-Löwenthal-Ehrenpreis, der ihm 2007 in Anerkennung für sein Lebenswerk zugesprochen wurde, persönlich entgegenzunehmen, sah er sich gesundheitlich nicht mehr in der Lage. Am 17. Januar nun kann er seinen 85. Geburtstag begehen.

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