Vater des Liberalismus

Der Greifswalder Theologiestudent Ernst Moritz Arndt wechselte 1793 zu Johann Gottlieb Fichte nach Jena. Der Philosoph des „absoluten Ich“ behagte dem spekulativ unbegabten Rüganer nicht. Trotzdem wirft der Aufenthalt an der Saale ein symbolisches Licht auf Arndts Vita – geriet er doch ins Umfeld eines studentischen Kreises, der sich „Bund der freien Männer“ nannte. Unter ihnen spielte Arndts „Urfreund“ Karl Schildener eine so aktive Rolle wie Johann Friedrich Herbart, der Nachfolger Kants, Johann Smid, späterer Bürgermeister und Übervater der Hansestadt Bremen, oder der Philosoph August Ludwig Hülsen, dessen Scheidebrief an den zur „Restauration“ abdriftenden August Wilhelm Schlegel („Man muß den Menschen erst vergessen, wenn man in Rittern und Herren noch eine Größe finden will“) Walter Benjamin in eine im Exil edierte Anthologie aufnahm.

Ein „freier Mann“ wollte der Sohn eines nur wenige Monate vor seiner Geburt entlassenen Leibeigenen zeitlebens sein. Das ist der Grundimpuls der 200 Schriften, die sein publizistisches Lebenswerk ausmachen. Deswegen rühmten ihn Geister wie Friedrich Engels, Carl von Rotteck oder Karl Liebknecht als den „Vater des Liberalismus und des Freisinns“. Das war zugleich die Triebfeder des heute als „berüchtigt“ geltenden Befreiungsnationalismus des „Franzosenhassers“ Arndt, für den die Weltordnung sich in der Verschiedenheit souveräner Völker konstituierte.

Um diesem „wahren Arndt“ historische Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und jenen neudeutschen Ideologen Paroli zu bieten, die partout der pommerschen Alma mater nicht mehr den Namen ihres Patrons gönnen wollen, hat ein Trupp Greifswalder Gelehrter eine den „Flugschriften“ des „teutschen Sängers“ kongeniale Broschüre veröffentlicht. Dirk Alvermann, Karl Ewald Tietz, der nun entschieden im Arndt-Lager stehende Romanist Reinhard Bach und Irmfried Garbe, sekundiert von Reinhard Staats (Kiel), kompensieren damit auf der Basis stupender Textkenntnis und einer schon altmodisch anmutenden, doch unverzichtbaren Kunst des „Verstehens“ das ausgerechnet von ihrem Kollegen, dem Neuhistoriker Thomas Stamm-Kuhlmann, verkörperte intellektuelle schwarze Loch (JF 5/10) in schier endloser Debatte.

Wer noch vor der am 17. März zu fällenden Senatsentscheidung zum Greifswalder Namensstreit  ohne Blamagegefahr mitreden möchte, sollte sich zuvor in diese „Drucksache Arndt“ (im Internet abzurufen unter https://arndtag.wordpress.com ) vertiefen.

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