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Mythischer Harz
 

Endlich freier Blick

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Fichtenwald im Harz Foto: Wikipedia/Andreas Tille

Achtung! Bachmitte Grenze“: Gerade einmal gut zwanzig Jahre ist es her, daß Schilder des Bundesgrenzschutzes mit dieser Aufschrift ihre Berechtigung verloren haben. Bis dahin sollten sie den arglosen Harz-Wanderer davor warnen, bei seinem Weg durch das beschauliche Tal des Flüßchens Ecker, die deutsch-deutsche Realität zu vergessen, selbst wenn hier mitten im Wald nicht wie andernorts Stacheldraht, Mauer und Wachtürme weithin die tödliche Grenze sichtbar machten.

Auch der Harz war geteilt. Norddeutschlands höchstes Gebirge, knapp hundert Kilometer lang und etwa dreißig Kilometer breit, lag zu zwei Dritteln in der DDR und nur zu einem in der Bundesrepublik.

Zwar tat diese Teilung der deutschen Reiselust in den Harz keinen Abbruch – egal ob ins FDGB-Heim (Ost) oder in die Jugendherberge (West); aber die Sehnsucht nach dem jeweils anderen, dem unzugänglichen Teil schwang doch bei vielen Touristen mit. Sicher, die Durchlässigkeit von West nach Ost war gegeben. Aber der Gipfel, der Brocken, jenes mythenumwobene Wahrzeichen des Harzes, blieb für alle Sperrgebiet.

Bürgerliches Lebensgefühl

Wer vor der Wiedervereinigung im westlichen Harzvorland aufwuchs, bekam beim Blick auf diesen Eintausender eine Ahnung von dem, was für viele DDR-Bewohner eher alltäglich war: einen Ort zu sehen, der – obwohl zum Greifen nah – wohl nie betreten werden kann. Um so gewaltiger die Euphorie, als am 3. Dezember 1989 die Nachricht von der Gipfelöffnung die Runde machte: In den Tagen und Wochen danach zog sich ein Lindwurm an Menschen den Kolonnenweg hinauf, die auch das unbarmherzigste Wetter an der windumtosten, baumlosen Bergspitze nicht abhalten konnte: „Endlich!“

Der Harz, mittelhochdeutsch „Hart“ (Bergwald), ist eines der waldreichsten Gebiete Deutschlands, aufgebaut aus Gesteinen, die zu den ältesten der Erdkruste zählen. Er ist niederschlagsreich und hat trotzdem genügend Sonnentage; das Wasser prägt sein Gesicht mit zahlreichen Quellen, Bächen, Teichen sowie den (von Menschen angelegten) Wassergräben und Stauseen. Natur und Naherholung, Wandern und Wintersport machen das Mittelgebirge zu einem der beliebtesten Ziele der Deutschen.

„Das Selketal solle ja wundervoll sein, da gebe es sicher allerhandlei zu sehen“, beschreibt Walter Kempowski („Tadellöser & Wolff“) dieses bürgerliche Lebensgefühl. Daran hatten auch Kunst und Literatur ihren Anteil. Denn die sagenhafte „Blaue Blume“, Symbol aller Sehnsüchte des Romantikers, blühte höchstwahrscheinlich im Harz.

Der 1772 geborene Dichter Novalis (eigentlich Friedrich Freiherr von Hardenberg), der auf der Burg Falkenstein im Harz aufgewachsen war, hatte eine alte Harzsage von der wundertätigen Blume in sein Werk einfließen lassen. Auch andere romantische Künstler, Joseph von Eichendorff etwa, Ludwig Richter oder Caspar David Friedrich, verewigten die Landschaft – und weckten Reiselust. Daß die erste deutsche Staatsbahn (1843) nach Bad Harzburg führte, überrascht daher wenig. >>

In Freud und Leid, Höhen und Tiefen verdichtete sich die deutsche Geschichte im Harz wie unter einem Brennglas. Im frühen Mittelalter bildete er eine natürliche Grenze zur slawischen Welt. Karl der Große erklärte den Harz 775 zum Reichsbannforst, also zum alleinigen Jagdgebiet der Könige. Der Legende nach wurde Heinrich I. im Jahre 919 die deutsche Königswürde angetragen, als er im Harz gerade seinem Hobby, der Vogeljagd, nachging.

Heinrich II. errichtete in Goslar, das durch die dortigen Silbererz-Funde gerade an Bedeutung gewann, eine Kaiserpfalz. Der Bergbau brachte Reichtum und revolutionierte mit seinen Wasserkünsten die Technik. Aber er steht ebenso für entsetzliche Mühen, für das Elend der in den Schächten schuftenden Arbeiterkinder.

Im 16. Jahrhundert mußten die Welfen-Herzöge dann im großen Stil Bergleute aus dem Erzgebirge anwerben; denn fast zweihundert Jahre lang lag der Bergbau im Harz still, nachdem die Pest um 1348 fast das ganze Mittelgebirge entvölkert hatte. 1720 folgten Tiroler, die in den düsteren Fichtenwäldern angesiedelt wurden. Die fleißigen binnendeutschen „Arbeitsmigranten“ brachten nicht nur ihren Dialekt und ihr Brauchtum mit, sondern auch Kanarienvögel („Harzer Roller“) und Kräuterschnaps. Das Wort von der „Kulturbereicherung“, hier trifft es zu.

„Der Berg hat auch so etwas Deutschruhiges“

Leider ist die schlechte deutsche Angewohnheit, (eigene) Kultur gelegentlich zu zerstören,  im Harz genauso sichtbar: 1819 trugen die Bewohner den tausendjährigen Kaiserdom von Goslar als Steinbruch ab, um 150 Jahre später mit Bettenburgen aus Beton die Täler des Oberharzes zu verschandeln.

Auch der Zweite Weltkrieg schrieb ein Kapitel Harzgeschichte: Tiefe Stollen bargen hier Raketenbauteile und das Archiv des Auswärtigen Amts, sehr zur (späteren) Freude der Alliierten. In ein Kinderheim in Bad Sachsa wurden die Söhne und Töchter der Widerstandskämpfer des 20. Juli verbannt, und von einem noch traurigeren Jugendschicksal weiß der Ehrenfriedhof Oderbrück zu berichten: Dort liegen 99 meist minderjährige Soldaten der Wehrmacht, die im April 1945 in aussichtslosem Kampf die „Festung Harz“ verteidigen sollten.

Nicht fern von dort errichteten dann auf gegenüberliegenden Gipfeln die in Streit geratenen Sieger ihre Horchposten. Vom Brocken belauschte zudem die DDR-Staatssicherheit Gespräche westlicher Politiker, während der Sender Torfhaus Westfernsehen in die „Zone“ strahlte. So nahm jeder auf seine Weise Einfluß auf die deutschen Geschicke, ohne vorherzusehen, daß 1989 die Karten vollkommen neu gemischt würden.

Heute kommen wieder Scharen von Touristen in den Harz. Warum? Vielleicht weil wir sogar im Urlaub unbewußt danach suchen, was vor nicht ganz 200 Jahren Heinrich Heine bei seiner „Harzreise“ auf dem Brocken schilderte: „Der Berg hat auch so etwas Deutschruhiges, Verständiges, Tolerantes; eben weil er die Dinge so weit und klar überschauen kann.“

JF 31-32/10

Ahriman Verlag
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