Andacht und Auftrag

Wer die wohl berühmtesten Gemälde Sandro Botticellis, „Frühling“ und „Geburt der Venus“, in Augenschein nehmen will, wird zwar weiterhin die Uffizien in Florenz aufsuchen müssen. Was das Frankfurter Städel-Museum im Vorfeld des 500. Todestags des Künstlers Mitte Mai dieses Jahres zusammengeführt hat, ist gleichwohl sehenswert und zudem eine Pionierleistung für den deutschsprachigen Raum.

Die achtzig Botticelli oder seiner Werkstatt zugeschriebenen Exponate bieten dem Besucher nicht nur Einblicke in dessen verschiedene Schaffensperioden und die Vielfalt der Themen, mit denen er sich auseinandersetzte. Ihre Gegenüberstellung mit Werken von Zeitgenossen insbesondere der Florentiner Renaissance gibt zudem Hinweise darauf, wo er sich in die malerische Konvention fügte und wo er eigene Wege ging.

Die Zeitumstände boten dafür – und dies nicht allein ihm – günstige Bedingungen. Der Humanismus löste die bildende Kunst von der monothematischen Ausrichtung auf biblische Motive. Die antike Mythologie trat an die Seite der christlichen, ohne diese in den Hintergrund zu drängen. Der Machtwille der europaweit engagierten und überaus wohlhabenden Bankierfamilie Medici, die sich quasi als Dynastie an der Spitze der oligarchischen Republik Florenz zu etablieren trachtete, äußerte sich in der dritten Generation auch auf dem Gebiet der Kulturpolitik in prononcierter Weise: Lorenzo de’ Medici, selbst ein ambitionierter Dichter, wird nachgesagt, der Vision von einem neuen „Goldenen Zeitalter“, von Florenz als einem „neuen Athen“ angehangen zu haben.

Vom Boom der Aufträge zur Ausstattung des profanen wie des sakralen öffentlichen Raums profitierte auch Botticelli. Zu den unverbrüchlichen Parteigängern der Medici war er aber wohl genausowenig zu zählen wie zu den Anhängern des Dominikanermönchs Girolamo Savonarola, der von Endzeit­erwartung erfüllt ein kurzlebiges asketisches Regiment über Florenz errichtete und 1498 als Ketzer hingerichtet wurde. Beide Behauptungen, die über Jahrhunderte kursierten und ihn als ungefestigten Sonderling zeichneten, sind von der neueren Forschung zurechtgerückt worden. Sie sieht Botticelli als einen eher unpolitischen Auftragskünstler, der es verstand, zwischen den Parteiungen zu lavieren, und dessen Schaffenskraft zum Ende seines Lebens hin keineswegs unter der Last düsterer Häresien erlahmte.

Die Ausstellung führt darüber hinaus den Nachweis, daß die in der älteren Literatur oft kolportierte Behauptung, Botticelli habe über lange Jahre auf Distanz zu Kirche und Christentum gestanden, kühn und kaum zu halten ist. Der Themenblock „Andacht“ präsentiert religiöse Motive aus allen Lebensphasen, Madonna mit Kind, Christus als Schmerzensmann, aber auch die hier im Zusammenhang zu sehenden Darstellungen der Legende des Stadtheiligen Zenobius. So frappant die Ähnlichkeit mancher Madonnenbildnisse mit seinen Darstellungen griechisch-römischer Göttinnen, insbesondere der Minerva auch sein mag, sowenig läßt sich daraus aber auf eine sozusagen subversive Gleichsetzung christlicher und heidnischer Mythen schließen.

Viel plausibler erscheint, daß Botticelli die neuplatonische Überzeugung teilte, die Schönheit sei als Mittlerin zum Göttlichen anzusehen. Vom Idealbild weiblicher Schönheit hatte das Zeitalter im übrigen eine klare Vorstellung, die auch literarisch vielfältig überliefert ist und der er mit einer derartigen Konsequenz und Häufigkeit Ausdruck verliehen hat, daß seine Darstellungen von nymphenartigen Frauen mit frei flatterndem goldenem Haar, hoher Stirn, schmalen Augenbrauen und langem Hals für den heutigen Betrachter als sein „Markenzeichen“ gelten können.

Personifiziert wurde dieses Ideal durch die früh verstorbene Simonetta Vespucci, die durch Giovanni de’ Medici, Lorenzos 1478 einer Verschwörung zum Opfer gefallenen Bruder, im Stil mittelalterlicher Minne (oder auch darüber hinausgehend) verehrt worden war. Beide, Simonetta als Mythos des „neuen Athen“ und Giovanni als Märtyrer sowohl der Familie als auch der florentinischen Freiheit, stehen im Zentrum des Themenblocks „Bildnis“ der Ausstellung.

Der dritte Teil unter dem Stichwort „Mythos“ gruppiert sich um das ansonsten in den Uffizien ausgestellte Werk „Minerva und Kentaur“, mutmaßlich eine Allegorie auf die schließlich von Lorenzo de’ Medici gemeisterte Krise des Jahres 1478, flankiert durch Venus-Darstellungen aus Botticellis Werkstatt. Er ist schon qua seiner Quantität der am wenigsten aussagefähige. Wer dieser Facette Botticellis und ihren Ausdeutungsversuchen näherkommen möchte, so etwa der These, er habe die Malerei der Antike nachempfinden wollen, ist auf den Katalog angewiesen.

Die Ausstellung ist bis zum 28. Februar im Städel-Museum in Frankfurt am Main täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, Mi./Do. bis 21 Uhr, zu sehen. Der Katalog ist für 39,90 Euro erhältlich. Telefon: 069 / 60 50 98-0, Internet www.staedelmuseum.de

Foto: Sandro Botticelli: Bildnis des Giuliano de’ Medici, Weibliches Idealbildnis, Anbetung des Kindes

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles