Sühne

So vertrackt sich die politische und historische Komplexität der Nordirland-Frage nach über vierhundert Jahren Besatzungsherrschaft ausnehmen mag – an diesem einen Tag zumindest war die Front zwischen Gut und Böse messerscharf gezogen. Am 30. Januar 1972 schossen Angehörige eines britischen Fallschirmjäger-Bataillons in eine weitgehend friedlich demonstrierende Menge und töteten dreizehn zumeist junge Männer, vierzehn weitere wurden verletzt. Es war das irische Sharpeville oder Amritsar – „der größte Sieg, den die IRA jemals erringen wird“, wie der Parlamentsabgeordnete Ivan Cooper (James Nesbitt) als Mitorganisator der Kundgebung in Derry in Paul Greengrass’ filmischer Rekonstruktion der Ereignisse sagt. Tatsächlich sieht man zum Schluß, wie neue Rekruten bei der Untergrundorganisation Schlange stehen.

Was heutzutage mit unzähligen Mobiltelefonen fotografiert oder gefilmt und umgehend im Internet dokumentiert würde, ließ sich seinerzeit leichter vertuschen. Die Verantwortlichen jedenfalls bemühten sich nach Kräften, das drohende PR-Debakel zu verhindern und aus der Erschießung unbewaffneter Zivilisten einen erfolgreichen Schlag gegen den Terrorismus zu machen. Das zwei Tage später vom britischen Parlament eingesetzte Tribunal befand alle beteiligten Soldaten für unschuldig. 1998 rollte ein neuer Untersuchungsausschuß unter Lord Saville die Schuldfrage im Auftrag der Blair-Regierung und im ausdrücklichen Bemühen um eine „Stabilisierung des Friedensprozesses“ wieder auf; die mit über neunhundert befragten Augenzeugen und Kosten von 150 Millionen Pfund umfangreichste Ermittlung in der britischen Rechtsgeschichte soll im Laufe dieses Jahres endlich zum Abschluß gebracht werden.

In einem Kino läuft John Schlesingers Spielfilm „Sunday, Bloody Sunday“; ständig klingeln überall Telefone, die durch Mark und Bein schrillen: Von derart realistischen Kunstgriffen abgesehen erhebt der Film keinen höheren (und keinen geringeren) Anspruch, als zu erzählen – nein, zu berichten –, was in diesen Stunden geschah. Durch immer raschere Szenenwechsel zwischen der Kommandozentrale, den in Kriegsbemalung auf ihren Einsatzbefehl wartenden Soldaten und dem Demonstrationszug von Coopers Bürgerrechtsbewegung baut Greengrass stetig eine beklemmende Spannung auf. Daß diese sich früher oder später entladen muß, scheint so dramaturgisch schlüssig wie historisch unabwendbar. Die Handkamera, der beinahe brutale Verzicht auf konventionelle filmische Effekte wie Musik oder Beleuchtung rauben dem Zuschauer die Illusion, im schönen Schein des Spiels von Licht und Schatten der Wirklichkeit entfliehen zu können, und geben ihm die Illusion, hautnah am Geschehen teilzuhaben. Über die Hintergründe des Konflikts sagt der Film so gut wie nichts, eher setzt die britisch-irische Koproduktion von 2002, vier Jahre nach dem Karfreitagsabkommen, eine Art Sühnezeichen.

Wer Interesse am Thema hat, sollte sich auf keinen Fall Steve McQueens neuen Spielfilm „Hunger“ über den Hungerstreik der IRA 1981 im berüchtigten Belfaster Maze-Gefängnis entgehen lassen, der seit dieser Woche – zwar nur als britischer Import – ebenfalls auf DVD erhältlich ist.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles