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Sinnstiftung am roten Faden des Schmerzes

Wer von Ernst Jünger redet, darf über das Umschreiben seiner Frühwerke nicht schweigen. Vor allem „In Stahlgewittern“ befriedigt mit sieben Versionen germanistische Spekulationsgelüste. Jünger verglich diese Bearbeitungen mit dem langsamen Herausschälen des Substantiellen, der werkübergreifenden Idee. Schließlich wollte er sein Schrifttum als Einheit verstanden wissen.

Seltsamerweise blieb „Der Arbeiter“ (1932) von dieser Bemühung verschont. Seltsam, weil sein Autor wiederholt dessen Bearbeitung – oder Fortschreibung – angekündigt hatte. Wieso ließ er sich nicht ins Einheitsstreben integrieren?  Weil „Der Arbeiter“ eine unüberwindbare Bruchstelle im Werk des Autors darstellt, sagt Peter Trawny, der sich diesem Werk erneut gewidmet hat. Zuvor hatte der Philosophie-Professor Heideggers Notizen „Zu Ernst Jünger“ (2004) herausgegeben, die vor allem Anmerkungen zum „Arbeiter“ enthalten. Außerdem verfaßte Trawny eine Abhandlung über „Die Arbeit und das Glück“ (2008), erschienen in der Anthologie „Bunter Staub. Ernst Jünger im Gegenlicht“ (JF 43/08).

Ernst Jünger, der sich – entgegen landläufiger Meinung – auch nach dem Krieg als politischer Autor verstanden habe, begriff, daß zwischen dem „Arbeiter“ und „Über den Schmerz“ (1934) einerseits und der „Friedens-Schrift“ (1946) andererseits ein unüberbrückbarer Abgrund klafft.  Dazwischen lag der industrielle NS-Massenmord. Daß der auch im Gesamtwerk zur irreparablen Bruchstelle wurde, steht in direktem Zusammenhang mit dem Autoritätsanspruch, den Jünger auf der Grundlage von Zeitzeugenschaft erhebt.

Im „Arbeiter“ postulierte er den Willen zur Macht in Form totaler Technisierung, die der Mensch in „Gestalt“ des Arbeiters betreibe. Die Autorität, die er dabei beansprucht, liegt – wie bereits bei den Kriegsbüchern – in der hautnahen Zeugenschaft, im unmittelbaren Erleben und Erleiden. Sinnstiftung am roten Faden des Schmerzes, das trieb ihn noch 1942, als er den „Knochensturm“ nicht an den Rändern, sondern im „Centrum“ erleben wollte. Aber anders als in den Kriegsschlachten zerbrach jede Sinngebung des Schmerzes in den KZs, die Jünger selbst als „Mordhöhlen“ bezeichnet hat. Der Wille zur Sinngebung als Wille zur Macht – er zerbrach im Trauma der maschinellen Tötungsanlagen. Und hier endete auch seine Autorität der unmittelbaren Zeugenschaft durch Selbsterleiden. Im Gegensatz zu seinem Bruder Friedrich Georg und Carl Schmitt erkannte Jünger die Notwendigkeit dieser Bruchstelle, die sich – entgegen seinem Wunsch nach Werkeinheit – als unrevidierbar erwies.

Man könnte hinzufügen, daß dieser Bruch bereits in früheren Werken „geahnt“ wurde: Beispielsweise im „Abenteuerlichen Herzen“ (1929/38), wo im Abschnitt „Der schwarze Sey“ ein Seemann völlig mechanisch, maschinell fast, unzählige Fische tötet, oder im Alptraum von der Metzgerei („Violette Endivien“), wo Menschenkadaver reihenweise am Haken hängen.

 Außerdem konvertierte Jünger frühzeitig zu Edgar Allan Poe, verglich Hitlers Berlin 1934 mit der Burg des „Königs Pest“ – ein direkter Verweis auf Poes gleichnamige Kurzgeschichte. In diesem Gemäuer beschreibt der amerikanische Horrorvirtuose keine Arbeitswelt mehr, sondern einen makabren Reigen inmitten einer Pestapokalypse. In solchen, „marginalen“ Stellen hat der Autor keinen Zweiten Weltkrieg vorausgeahnt (den er Anfang der dreißiger Jahre prophezeite und bejahte), sondern die kommende Tötungsindustrie. Nicht selbst erlitten, aber in Alpträumen – wie ein Kleistscher Somnambule – vorweggenommen. Diese frühen Ahnungen verursachten bereits erste Risse in Leben und Werk – zeitlich parallel zur Vision totaler Mobilmachung und Arbeitswelt.

Was Trawnys Werk über die – gut belegte – Grundthese hinaus lesenswert macht, ist die Verwendung bislang unbekannten Archivmaterials. So verrät der Blick auf die gestrichenen Stellen im „Arbeiter“-Manuskript die ursprünglich stärkere Akzentuierung des Nationalismus oder bringt einen seltsamen Verweis auf das „geheime Deutschland“ zutage. Ebenso verdeutlicht der Briefwechsel Jüngers mit Ludwig Alwens des Autors Unfähigkeit und Desinteresse an politischer Praxis: Wenn er einen armen Provinzknaben zum neuen Menschen erziehen will, endet das in einem Desaster, von dem sich das Objekt der Bemühungen selbst 1953 noch nicht erholt hat.

Schließlich attackiert Trawny den Mythos von Hugo Fischers Hebammenfunktion beim „Arbeiter“ und dokumentiert die – mehr oder weniger weitreichende – Ablehnung der Jüngerschen Arbeitsstaats durch die NS-Kritik. Die sah darin vor allem ihren „Blut und Boden“-Mythos mißachtet.

Kurzum, es gelingt dem Buch auch nach den zwei Ziegelstein-Biographien von Heimo Schwilk und Helmuth Kiesel, am Phänomen Ernst Jünger noch neue Seiten aufzuzeigen.

Peter Trawny: Die Autorität des Zeugen. Ernst Jüngers politisches Werk. Matthes & Seitz, Berlin 2009, gebunden, 206 Seiten, 22,80 Euro

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