Repression und Repräsentanz

Werner Tübke, einer der bedeutendsten deutschen Maler des zwanzigsten Jahrhunderts, wird am 30. Juli 1929 in Schönebeck/Elbe geboren. Als 16jähriger wird er bei Kriegsende 1945 von den Russen verhaftet, zehn Monate inhaftiert und gefoltert. Dieser Gewaltschock hinterläßt innere Spuren.

Nachdem er das Abitur nachgeholt hat, studiert Tübke studiert ab 1948 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, von 1950 bis 1952 Kunsterziehung und Psychologie am Caspar-David-Friedrich-Institut der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Seit 1952 wieder in Leipzig, arbeitet er als Maler, Zeichner, Illustrator und unterrichtet.

1961/62 unternimmt er eine Studienreise durch die Sowjetunion. Seit er ab 1964 als Dozent tätig ist, verschärft sich die Spannung mit der Partei: Seinem Schulze-Zyklus (1965–67) wird esoterische Unverständlichkeit vorgeworfen. Entgegen der „primären Anschaulichkeit“ des sozialistischen Realismus inkriminiert man die „sekundäre Anschauung“ seiner chiffrierten Bildsprache als intellektuelle Zumutung. Die kulturpolitische Repression gipfelt in Tübkes Entlassung (1968), die nur ein studentischer Boykott verhindert.

So erstaunt sein Sieg im Wettbewerb zur Ausgestaltung des Rektorats beim Neubau der Leipziger Uni (1970) im Zuge der dritten Hochschulreform und der Sprengung von Augusteum und Paulanerkirche 1968. Von 1971 bis 1973 realisiert er dort sein Monumentalstück „Arbeiterklasse und Intelligenz“. Zeitgleich (1972) erfolgt die Ernennung zum ordentlichen Professor; 1973–76 amtiert er als Rektor der Leipziger Kunsthochschule.

1976 läßt er sich vom Kulturministerium der DDR zur Ausmalung der riesigen Rotunde auf dem thüringischen Schlachtberg bei Bad Frankenhausen verpflichten. Das monumentale Panoramabild zum Bauernkrieg mit dem Titel „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland“ entsteht in den Jahren bis 1987. Im Herbst des Mauerfalls, im September 1989, wird das Panorama-Museum offiziell eingeweiht.

In den 1980er Jahren häufen sich Tübkes Reisen, die Anerkennung wächst, auch im Westen. In der Bundesrepublik stellt er erstmals 1977 auf der VI. Documenta aus. Nach der Wende gerät er in den Strudel der „Staatskünstlerdebatte“. Neben zahlreichen Tafelbildern und Zeichnungen entstehen als Großwerke zwischen 1990 und 1993 die Bühnenausstattung zu Webers „Freischütz“ in Bonn und danach bis 1996 der Flügelaltar St. Salvatoris in Zellerfeld. Grafisch reich sind seine letzten, bereits von Krankheit gezeichneten Jahre. Werner Tübke stirbt am 27. Mai 2004.

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