Probleme mit dem Zeitpunkt

Wo Tragik im Spiel ist, fällt die Würdigung eines Werks nicht leicht. Jochen Köhlers Biographie über Helmuth Graf James von Moltke war für das Gedenkjahr 2007 angekündigt. Für das Projekt reichten die Kräfte des als Kind an Rheuma erkrankten, schwer herzleidenden 62jährigen Autors nicht mehr aus. Er starb 2007 vor einer zu lange aufgeschobenen Operation. Aus den vorhandenen Kapiteln ist das vorliegende Buch entstanden. Zum Widerstandsthema fand Köhler, einst gläubiger Maoist, als er sich von ideologischer Abstraktion löste und konkreter  Existenz zuwandte. Lebensgeschichten von Berliner Widerständlern („Klettern in der Großstadt“, 1979) fanden Beachtung. Danach widmete Köhler seine Lebensenergie dem Namensgeber des Kreisauer Kreises. Dank Freundschaft mit dem Moltke-Sohn Konrad erhielt er Zugang zum Privatarchiv Freya von Moltkes, wo er insbesondere die Briefe der aus Südafrika stammenden Mutter Moltkes auswerten konnte. Aus  Archivfunden, Interviews und Sekundärliteratur brachte er an die 2.000 Seiten zu Papier, ohne zum eigentlichen Sujet des Widerstands vorgedrungen zu sein. Mit dem Verleger Alexander Fest wurde schließlich eine Gesamtbiographie von 600 Seiten vereinbart. Wie Fest im Vorwort festhält, schrieb  Köhler bewußt als Nicht-Historiker. Jeglichem Interpretationsschema abhold, suchte er einen direkten Zugang zum Stoff. Aus der Perspektive des Gutes Kreisau, erworben von Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke nach dem Sieg von Königgrätz (1866), eröffnet sich der Blick auf die Glanzzeit des Kaiserreichs. Dazu ein Zitat von Helmuth James’ südafrikanischem Großvater Sir James Rose Innes: „1913 war die Hegemonie über Europa für den deutschen Kaiser in Griffweite. Ein weiteres Jahrzehnt geordneten und friedlichen Fortschritts würde sie gesichert haben.“ Rose Innes, schottischer Abkunft, Abgeordneter der Kap-Provinz und hochangesehener Oberster Richter der Südafrikanischen Union, Gegner und Weggenosse des Empire-builders Cecil Rhodes, besuchte Tochter Dorothy im Sommer 1913 auf Kreisau. Beeindruckt „von der Begeisterung, die in den nationalen Adern pulsierte“, nahm er zur Jahrhundertfeier von 1813 in Breslau an der Militärparade teil. Während des Kaisermanövers wollte es der Zufall, daß er unbekannte Offiziere durch das Schloß des Siegers von Sedan führte. An der Spitze: der österreichische Generalstabschef Conrad von Hötzendorff. Die preußischen Offiziere um den jüngeren Moltke (Helmuth James’ Onkel) redeten über den Ernstfall, den Schlieffen-Plan. Ein Jahr später, am Ende der Marneschlacht am 14. September 1914 wurde Generalstabschef Moltke („der Zauderer“), mit Rudolf Steiner befreundet und der Anthroposophie ähnlich zugetan wie die Moltke-Eltern der „Christian Science“, entlassen. Er hatte „den Zeitpunkt“ verpaßt, schreibt Köhler, „ein Phänomen des Lebens, das im nächsten Weltkrieg Helmuth James den Schlaf raubte“. Glückliche Jahre erlebte Moltke nach Leidenserfahrungen im oberbayerischen Landheim Schondorf am Potsdamer Gymnasium (mit Prinz Louis Ferdi-nand als Klassenkameraden) und während des zeittypisch mit leichter Hand betriebenen Jurastudiums. Biographisch prägend wurden Begegnungen mit der Wiener Mäzenin Eugenie Schwarzwald und der amerikanischen Starjournalistin Dorothy Thompson. Ein Foto zeigt sie mit ihrem zeitweiligem Gatten, den skandalträchtigen Schriftsteller Sinclair Lewis („Babbitt“), beim Besuch auf Kreisau. In der Schwarzwald-Villa am Grundlsee traf Moltke auf die Kölner Bankierstochter Freya Dieckmann. In Kontrast dazu standen die Verhältnisse rings um das von Moltkes Vater heruntergewirtschaftete Gut Kreisau. Eindringlich tritt das Elend im Waldenburger Kohlerevier hervor, wo der 20jährige Moltke eine über das jugendbewegte Konzept der „Arbeitslager“ hinausgehende regionale Selbsthilfe (Köhler spricht von „Bürgerinitiative“) jenseits der Klassen und Parteien anstrebte, vom Fürstabt von Güssau über Gerhard Hauptmann bis zu den Jungsozialisten, vom Fürsten Pless bis zum preußischen Kultusminister Becker. Das Projekt scheiterte an 5.000 Mark sowie an der Intervention eines Parteifunktionärs, „eines jüdischen Redakteurs aus Berlin“, wie der zum Protestantismus konvertierte Mentor Eugen Rosenstock-Huessy schrieb. Ein paar Jahre später trieb die Weltwirtschaftskrise in Kreisau der NSDAP die Wähler zu. Moltke erwiderte den Hitler-Gruß Kreisauer Kinder mit „Heil Hindenburg“. Die Biographie endet mit einer Episode aus Moltkes juristischem Referendariat, als er mit Gleichgesinnten einen NS-Lehrgang in Jüterbog 1933/34 „völlig aus dem Gleichgewicht“ brachte. Im Anhang sind biographische Skizzen über den älteren Moltke („der große Schweiger“) und Sir Rose Innes angefügt. Das Fragmentarische schadet nicht. Zu kritisieren sind Auslassungen trotz der Fülle und Fehler im Faktischen. Wo der Autor aus den Memoiren des späteren Kapp-Putschisten August Winnig über die SPD-Fraktionssitzung am 12. Mai 1919 zitierend eindrücklich das allgemeine Entsetzen über den Versailler Vertrag schildert, unterlaufen reihenweise Fehldeutungen: Da erhält Polen „seine Unabhängigkeit und sein altes Staatsgebiet zurück“, für das Saarland war „eine ähnliche Konstruktion vorgesehen“ wie für Danzig, „das ungarische Staatsgebiet wurde vergrößert“. Von den polnischen Aufständen in Oberschlesien erfährt man nichts. Hingegen werden die deutschen Freikorps pauschal zu „Terroristen“ gestempelt, darunter die Moltke-Onkel Carl Viggo und Hans Carl, in deren Breslauer Studentenwohnung sich General von Lüttwitz nach dem Kapp-Putsch versteckte. Das Truppenlager Döberitz wird „bei Ravensbrück/Fürstenberg“ verortet. Sultan Mahmud II. brachte die Janitscharen um, „nach einem vergeblichen Versuch, sie islamisch zu integrieren“. General Kitchener kämpfte südlich des Sudan gegen „die Zulus“. Derlei vom Lektorat überlesene Schnitzer ließen auch manchen Rezensenten wie Zeit-Autor Volker Ullrich völlig unbeeindruckt, der in einer ersten, fast hymnischen Rezension Moltke gegen Stauffenberg ausspielen mochte. Gleichwohl: Das gut lesbare Buch ist Jüngeren zu empfehlen, die von der 1945 untergegangenen Lebenswelt Ostdeutschlands – der europäisch-weltoffene Moltke hing an seiner schlesischen Heimatprovinz – sowie von der Epoche  vor und nach 1914 keine Vorstellung mehr haben. Jochen Köhler: Helmuth James von Moltke. Geschichte einer Kindheit und Jugend. Rowohlt Verlag, Reinbek 2008, gebunden, 396 Seiten, Abbildungen, 22,90 Euro Fotos: Helmuth James (Zweiter von rechts) mit Schwestern und Freunden, 1932: Jenseits der Klassen und Parteien; Helmuth James Graf von Moltke im Hotel „Seeblick“ am Grundlsee/Steiermark 1928: Dann doch lieber „Heil Hindenburg“

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