Prinzessin aus Eis und Feuer

Als Grace Kelly einmal gefragt wurde, wo sie ihre Karriere begonnen habe, soll sie blasiert geantwortet haben: „Oben“.

Lieb gewordene Hollywood-Legenden über den Filmstar scheinen sich in dieser vielleicht nur gut erfundenen Anekdote zu verdichten. Zudem stützt das grobe Datengerüst der Biographie sie sicher ab: Geboren am 12. November 1929, drei Wochen nach Beginn der größten Wirtschaftskrise aller Zeiten, als  Millionärstochter in Philadelphia, bekam sie ihre erste nennenswerte Rolle 1952 sogleich an der Seite des Weltstars Gary Cooper in „High Noon“ (Zwölf Uhr mittags) und stieg binnen vier Jahren zur leading lady der Traumfabrik auf, verabschiedete sich aber nach nur zehn Filmen, auf der Höhe ihres Leinwandruhms, um im April 1956 den absoluten Herrscher eines europäischen Zwergstaates zu ehelichen und fortan als Fürstin Gracia Patricia von Monaco zu residieren. Des Lebens Höhenkamm scheint sie also nie um einen Fußbreit verlassen zu haben – bis zu ihrem Unfalltod im September 1982.

Doch die märchenhafte Aura, aus der sich die Faszination, die Publikumsresonanz des öffentlichen „Phänomens“ Grace Kelly wesentlich speiste, läßt bei genauerem Hinsehen auch ein paar weniger glamouröse Alltagsseiten erkennen, die, wenn auch nicht direkt nach „unten“, so jedenfalls ins „wirkliche Leben“ weisen. Das beginnt mit der Herkunft:Millionärstöchterlein von der Ostküste, gewiß. Aber Vater John Kelly, irischer Herkunft, katholisch, Baulöwe, von der „Großen Depression“ der 1930er Jahre glücklich unbetroffen, galt in den Augen der britisch-deutschen, protestantisch geprägten Oberschicht Philadelphias ungeachtet seiner deutschstämmigen Gattin als neureicher Prolet. Nicht zu Unrecht, denn Vater Kelly war berüchtigt für peinlich derbe Umgangsformen und seinen banausenhaften Materialismus. In die piekfeinen Zirkel der Geldpatrizier Pennsylvanias stießen die Kellys darum gar nicht vor. Den immer wieder einmal gewagten Vergleich mit dem gleichfalls irisch-katholischen Kennedy-Clan halten sie daher bei weitem nicht aus. Die Erziehung ihrer vier Kinder erhob sich nicht über Mittelklasseniveau. Graces Bildungslücken waren so groß, daß sie den Übergang ins College nicht schaffte. Das für wahrhaft vornehme höhere Töchter unabdingbare Französisch ging ihr so wenig ein, daß sie später Jahre brauchte, um den Domestiken im Grimaldi-Palast präzise Anweisungen in der Landessprache erteilen zu können.

Als Grace Kelly 1947 nach New York an eine Schauspielschule zog, blieb sie dank Vatis Schecks vor allerlei Erniedrigungen bewahrt, vornehmlich vor solchen, die man  heute „sexuelle Belästigungen“ nennt und die unbemittelte Anfängerinnen wie Marilyn Monroe über sich ergehen lassen mußten, aber die Defizite in ihrem Talentreservoir ließen sich mit Dollars nicht ausgleichen. In einer Zeit, in der Hollywood begann, „Sexbomben“ zu zünden, standen flachbrüstige, schmalhüftige, unterkühlte Elevinnen wie die kurzsichtige und stimmlich piepsige Miss Kelly nicht eben hoch im Kurs. Kein Wunder, daß sie, als züchtig-frigide Quäkerin Amy Kane an Gary Coopers Seite zwar eine typgerechte Rolle fand, der Kritik indes nicht weiter auffiel. Ebensowenig wie als kühle blonde, entschieden „britische“ Gelehrtengattin neben der lasziven Ava Gardner und dem virilen Clark Gable in John Fords Tropen-Melodram „Mogambo“ (1953).

Daß sie mit ihren erheblich älteren, verheirateten Filmpartnern regelmäßig Liebschaften begann und als gute Katholikin ob solcher „sündigen“ Einbrüche in fremde Ehen Gewissensqualen litt, gehört auch nicht ins Bild der moralisch „sauberen“ höheren Tochter, wird auch in der „offiziösen“ Biographie Gwen Robyns (1976) diskret verschwiegen, ist aber seit James Spadas geschwätzigen „Enthüllungen“ über das „geheime Vorleben einer Fürstin“ (1987) längst Teil des Mythos.  

Ihr blasses Image änderte sich, als sie als „Hitchcock-Heroine“ reüssierte, als Partnerin von Ray Milland in „Dial M for Murder“ (Bei Anruf Mord, 1954), wo sie eine wohlhabende Ehefrau spielt, die unter Mordverdacht gerät, und als Krankenpflegerin an der Seite von James Stewart in „Rear Window“ (Das Fenster zum Hof, 1954). Der Meister von Crime and Suspense suchte für beide Rollen eine „englische Lady“. Grace Kelly, an die so europäische Ingrid Bergman erinnernd, brachte dafür als einzige unter all den kurvenreichen, zumeist auch etwas ordinären Konkurrentinnen die nötigen Voraussetzungen mit. Der Engländer  Hitchcock mußte dieses „Material“ nur noch in Szene setzen.

In seinem dritten, ihrem besten Film, „To Catch a Thief“ (Über den Dächern von Nizza, 1955), gelang ihm dies mit unübertrefflicher Perfektion. Allein in jenem ersten Kuß, den Grace on the rocks ihrem perplexen Filmpartner Cary Grant beim Gute-Nacht-Sagen unerwartet verabfolgt – ein Kuß, neben dem sich die angeblich Filmgeschichte schreibende Mund-zu-Mund-Beatmung zwischen Deborah Kerr und Burt Lancaster am Pazifikstrand in „From Here to Eternity“ (Verdammt in alle Ewigkeit, 1953) wie griechisch-römisches Freistilgerangel ausnimmt –, steckt das Geheimnis des schauspielerischen Welterfolgs der Kelly.

Die in der Ästhetik ihres Auftritts spürbare Dichotomie, die Spannung widerstreitender Elemente, die damenhaft gekleidete Sinnlichkeit, die extrem-schlichte, gleichwohl aufreizende Eleganz, die nie ohne weiße Handschuhe auskommt, der distanzierte Sex-Appeal, der die Regenbogenpresse in kitschigen Zuschreibungen über die „Prinzessin aus Eis und Feuer“ schwelgen ließ, machten die Tochter eines reich gewordenen Maurers zur Stilikone der 1950er Jahre. Und wie jedes wahre Kunstwerk entführt ihr technisch gut reproduzierbares Erscheinen den Betrachter heute wie einst über Zeit und Raum hinaus, nach „oben“.

Grace Kelly: Hollywood Collection – Eine Hommage in Fotografien, herausgegeben von Suzanne Lander, Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2009, gebunden, 190 Seiten, Abbildungen, 29,90 Euro

Foto: Grace Kelly (1929–1982) in dem Film „High Society“: Flachbrüstige, schmalhüftige, unterkühlte Elevinnen standen nicht hoch im Kurs

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