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Pankraz, Doris Heinze und die Pseudonyme

Der Schwach- und Biedersinn im deutschen Fernsehspiel, wo sich entweder Tatort-Kommissare gegenseitig auf die Füße treten oder ehrgeizige Mädchen unbedingt zeigen wollen, daß sie alles besser können als die Männer – dieses Treiben hat jetzt ein Gesicht bekommen. Es ist das der NDR-Fernsehspielchefin Doris Heinze, die soeben wegen Betrugsverdachts beurlaubt worden ist. Es kam heraus, daß sie die ihr anvertraute Fernsehabteilung planmäßig zu einem höchst ertragreichen privaten Familienbetrieb ausgebaut hat. Man spricht von Sumpf. Man spricht von Vetternwirtschaft.

Frau Heinze hat über Jahre hinweg Spieltexte angekauft und verfilmen lassen, die sie selbst oder ihr Mann verfaßt hatten.  Das Schlüsselwort der Affäre lautet „Pseudonym“. Die Texte waren mit Pseudonymen versehen, deren Identität nur die Familie Heinze und einige ganz wenige Vertraute kannten. So passierten sie unbehelligt den Schreibtisch der NDR-Spielleitung, und so passierten sie auch die Schreibtische der diversen Produktionsfirmen (die meistens ARD-Töchter waren). Denn in deren Ankaufsabteilungen saßen ebenfalls Frau Heinze oder beste Freundinnen von ihr und hatten ein entscheidendes Wort mitzureden. An Frau Heinze führte kein Weg vorbei.

Nun sind das Entsetzen und das Gejammer groß. Alle möglichen Aufsichtsbehörden „können es nicht fassen“. Frau Heinze sei doch eine so qualifizierte, langerfahrene und bewährte Kraft gewesen. Nie habe es mit ihr politischen Ärger gegeben. Die Aussagen und das geistige Niveau der von ihr angekauften und den Produktionsfirmen zugeleiteten Texte seien stets allgemein akzeptiert worden. Nur ein einziges Mal, bei der „Mädchen-machen-alles-besser“-Schnulze „Katzenzungen“, habe sich ein Regisseur gegen die angebliche „Ungekonntheit“, die er da verfilmen sollte, aufgelehnt. Aber auch das habe Frau Heinze schnell und reibungslos ins Lot gebracht.

Ob die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen Frau Heinze eröffnen wird, steht bis dato noch in den Sternen. Gewiß, die Chefin hätte wahrscheinlich weniger Honorar herausgeschlagen, wenn sie die Pseudonyme offengelegt hätte, aber produziert und gesendet worden wären diese wohl trotzdem. Sie waren ja in jeder Hinsicht tipptopp, stromlinienförmig dem Zeitgeist angepaßt, politisch korrekt und flachsinnig. Daß sich einige Drehbuchschreiber mit weniger guten Beziehungen zur ARD angesichts der Affäre zurückgesetzt fühlen und schmollen, ist für den Staatsanwalt noch kein Grund, aktiv zu werden.

Gesetze sind offenbar nicht verletzt worden, und das „Geschmäckle“, das entstanden ist, der Ruch von Korruption und hemmungsloser Vorteilnahme, gehört mittlerweile doch geradezu zum Stil der Merkel-Steinmeier-Bundesrepublik. Man muß allerorten „dazugehören“, um zum Zuge zu kommen. Und wer direkt an der Boni-Krippe sitzt, ohne gleich voll hineinzugreifen, gilt als begriffsschwach und tatenarm. Die Öffentlich-Rechtlichen machen da längst keine Ausnahme mehr. Schleichwerbung gigantischen Ausmaßes, trübe familiäre Insidergeschäfte bei der Sportberichterstattung, intensive Freundlhuberei bei der fröhlichen Volksmusik – das meiste davon geschieht heute ganz offen, kaum noch jemand regt sich auf.

Was jetzt bei Heinze herausgekommen ist, hebt sich kurioserweise irgendwie positiv vom Trend ab, zeugt zumindest von vorgestriger Gschamigkeit. Man schämt sich der ungenierten Ausnutzung bester Beziehungen, alles muß sorgfältig hinter Pseudonymen versteckt werden. Allerdings nimmt darüber die Vorstellung von dem, was ein Pseudonym ist und sein kann, dauerhaft Schaden. Man könnte es so sagen: Was einst in der Literaten- und Pressewelt ein phänomenales Samuraischwert war, das schnurrt zum bloßen Deckmantel für ungestörte Geldmacherei zusammen.

Viele Schriftsteller erster Güte und aller Zeiten haben sich Pseudonyme zugelegt, und zwar nicht weil sie ungestört Geld machen wollten, sondern um sich vor dem Publikum schärfer zu markieren und um sich vernehmbarer  auszudrücken. Pseudonyme waren nom de plume und nom de guerre, Schreib- und Kampfnamen, und es waren Werkzeuge raffiniertester politischer Intrige oder Spielzeuge witzigster Unterhaltung. Politiker von Talleyrand bis Bismarck haben unter Pseudonym geschrieben, um effektiver in laufende politische Prozesse eingreifen zu können. Das Pseudonym sollte verbergen und dennoch durchschaubar sein.

Søren Kierkegaard, der große dänische Schriftsteller und Philosoph, hat unendlich mit Pseudonymen gespielt, ja regelrecht in Pseudonymen gedacht. Fast jedes seiner Bücher hatte einen anderen Autorennamen, und Kierkegaard spielte die doch von ihm selbst erfundenen Pseudonyme ständig gegeneinander aus, ließ sie gegeneinander polemisieren, und zwar nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern sogar in seinen eigenen, gänzlich privaten Tagebüchern.

Das las sich dann unter anderem so: „Was da seinerzeit Herr Johannes de Silentio als dialektische Lyrik zum Buchdrucker gebracht hat, das ist von Herrn Constantin Constantius völlig zu Recht in den Verdacht der Leere, des leeren Vorsichhinredens gebracht worden. Herr de Silentio scheint wirklich ein Stümper zu sein. Auch Herr Hilarius Buchbinder ist übrigens dieser Ansicht.“ Und alle in solchen Notizen aufgeführten Namen waren von Kierkegaard erfundene Pseudonyme für von ihm selbst stammende Werke. Kaum zu glauben!

Nun, nicht jeder ist ein Kierkegaard, und auch Talleyrands und Bismarcks kommen, speziell im deutschen Fernsehspiel,  wohl nicht so ohne weiteres vor. Immerhin gibt es dort mittlerweile eine kaum noch überschaubare, schwer auseinander zu haltende Anzahl von Tatort-Kommissaren und Besserwisser-Mädchen, und unterm Eindruck der neuesten Ereignisse drängt sich der Verdacht auf, daß das alles lebende Pseudonyme der Familie Heinze sind. Man sollte sie scharf reduzieren, die Gelegenheit ist günstig, die Fernsehkultur würde darunter nicht leiden.

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