Pankraz, der Alpenjäger und die Zwischenräume

Ein recht anregender, wenn auch vor lauter hochgelehrtem Jargon fast unlesbarer Essay von Iris Därmann findet sich in der letzten Ausgabe der Allgemeinen Zeitschrift für Philosophie (Stuttgart 3/2008). Sein Thema: „Die politische Bedeutung von Zwischenräumen“. Das ist zweifellos originell. Bisher sprach man immer nur von „politischen Räumen“, am liebsten von „Großräumen“. Zwischenräume kamen nicht vor, als sei die Politik ein seit Urzeiten erstarrtes, mausetotes Granitgebirge, in dem sich ein Atom fugenlos ans andere reiht.

Die Wirklichkeit sieht bekanntlich anders aus. Es geht in der Politik höchst lebendig zu, sie ist ein integraler Teil des menschlichen Lebens, und zu diesem Leben gehören die Zwischenräume wie die Luft zum Atmen. Leben ist aufgespalten in unzählige Einzelkörper, die miteinander kommunizieren, indem sie sich fressen, lieben oder anbellen usw. Jeder Körper behauptet einen Raum für sich, doch zwischen den Körpern ist keineswegs nichts, sondern ebenfalls Raum, eben Zwischenraum. Dessen besondere Bedingungen zu erforschen, ist aller Ehren wert.

Kommunikation besteht ja nicht nur aus Raumüberwindung, sondern fast nicht minder aus Raumerschaffung. Nähe und Distanz halten sich die heikle Waage. Faktisch alle Tiere (und auch viele Pflanzen) schaffen um sich herum einen Distanzraum, den andere Lebewesen und auch Artgenossen unbedingt respektieren müssen, wenn es nicht zu schlimmsten, tödlichen Aggressionen kommen soll. Und beim Menschen ist das im Grunde nicht anders.

Jeder von uns hält sich den anderen ganz spontan mehr oder weniger vom Leibe, und dort, wo es zu freiwilliger Raumeliminierung kommt, in der körperlichen Liebe zum Beispiel, bedarf es des größten seelischen Aufwands, der ausführlichsten Präliminarien, um schließlich zum Ziel zu gelangen. Aber auch die innigsten Liebespartner pflegen noch gewisse Distanzen zueinander, die der jeweils andere sorgfältig beachtet und bedachtsam in sein eigenes Verhalten einbaut. Tut er das nicht mehr, ist die Katastrophe da und der Scheidungsanwalt bekommt Arbeit.

Natürlich spielen die Zwischenräume auch in der Politik, speziell in der Außenpolitik, eine eminente Rolle, da hat Frau Därmann vollkommen recht. Gerade für das Zeitalter der „Globalisierung“ trifft das zu. Je näher sich die Völker kommen, je intensiver sie miteinander kommunizieren und je stärker sie voneinander abhängig werden, um so mehr wächst das „Pathos der Distanz“ (Nietzsche). Das heißt, man achtet eifrig wie nie auf die natürlichen Zwischenräume, und wo es keine natürlichen mehr gibt, werden künstliche hergestellt – weil sich nur so diplomatisch, nämlich höflich und gewaltfrei, miteinander umgehen läßt,

Als höflichstes, diplomatischstes Volk auf Erden galten lange die Chinesen. Pointe der altchinesischen Höflichkeit war es, sich selbst im gesellschaftlichen und politischen Verkehr ganz klein und schmutzig darzustellen, als üble Laus geradezu, die es nicht verdiene, dem Gesprächspartner überhaupt über den Weg zu laufen. Eine solche Form der Höflichkeit mußte selbstverständlich irgendwann in purer Lüge und hohler Konvention erstarren, aber sie macht immerhin deutlich, worum es auch heute noch geht.

Der wahre Diplomat nimmt sein Eigenes – gerade wenn es um die energische Wahrung von Interessen geht – an allen Fronten bewußt zurück, überläßt dem anderen scheinbar voll das Terrain. Ist dieser ebenfalls höflich, also diplomatisch auf dem qui vive, ergibt sich der für die Kommunikation notwendige Zwischenraum: ein leeres, von allen persönlichen Antrieben formal freigemachtes Glacis, auf dem sich objektiv und optimal, wenn auch umständlich, miteinander umgehen läßt.

Politische Zwischenräume, ob von Natur gegeben oder künstlich geschaffen, sind kalte Zonen, in denen sich Hitzköpfe abkühlen können. Leider wollen sich Hitzköpfe in der Regel gar nicht abkühlen, besonders wenn sie mächtig sind, in Großräumen denken und kleinere Mächte und Machtzentren lediglich als Störfaktoren empfinden. Die wahren Störfaktoren sind aber sie selbst. Sie enthöflichen die Diplomatie in horrender Weise, pflegen grobe Sprache, üben nur noch Druck aus, bauen dauernd bloß Drohkulissen auf, ebnen letztlich den Unterschied zwischen Krieg und Frieden mehr und mehr ein.

So kommt es, daß die realen Zwischenräume, in denen man kaltblütig und sachlich operieren könnte, allem herrschenden Pathos der Distanz zum Trotz immer enger werden. Man erkennt das daran, daß die Rolle der kleineren Staaten, die früher gern als Pufferzonen, neutrale Treffpunkte oder gutwillige Vermittlungsinstanzen in Anspruch genommen wurden, zunehmend verfällt. Man agiert neuerdings lieber „unmitttelbar“ von Großraum zu Großraum, ignoriert voll die Zwischenräume, überrollt sie blindlings in jeder nur denkbaren Richtung – und setzt sich damit selbst unter Dauerstreß.

Es ist so, als wenn im Familienleben Tag für Tag nur noch Zimmerschlacht und Scheidungskrieg herrschten. Über die Folgen einer solchen Lage sollte man sich keinen Illusionen hingeben. Dauerstreß, gar verstärkt durch Dauerpräsenz der Medien, macht hysterisch, und Hysterie verkürzt das Leben. Die Gewaltbereitschaft wächst allenthalben, nach innen wie nach außen. Der ignorierte Raum rächt sich gewissermaßen an den Ignoranten, indem er ihnen, zum Großraum geworden, seine unheimliche Kehrseite zeigt: die greulichste Langeweile und die totale Konfrontation, wo man sich buchstäblich „nicht mehr riechen kann“, sich nur noch vernichten will.

Wie heißt es so vollmundig wie vieldeutig bei Friedrich Schiller in dem Gedicht „Der Alpenjäger“? „Raum für alle hat die Erde!“ Es ist aber der Geist der Berge, der das spricht, und er ruft es voll Zorn dem Alpenjäger entgegen, der gerade eine Gemse zu Tode hetzen will und dabei neutrales Gelände, eben das Reich des Berggeists, verletzt. Besser kann man es nicht sagen. Auch Großraumjäger haben gefälligst Zwischenräume zu respektieren.

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