Opfer des Aufstandes der Selbstgefälligen

Im Prozeß der politischen Urteilsbildung in unserer sogenannten Zivilgesellschaft spielen Medienkampag-nen gegen einzelne eine entscheidende Rolle. Kampagnen gegen Institutionen oder Kollektive bewirken in der Regel Solidarisierungen. Kampagnen gegen einzelne bewirken Isolierungen und Distanzierungen. Auf diese Weise werden die jeweiligen Hauptlinien der Auseinandersetzungen markiert und nach dem Grundsatz „Schlage einen und erziehe tausend“ die ideologisch gewünschten volkspädagogischen Wirkungen erzielt. An zahlreichen Beispielen dieser Kampagnenerziehung fehlt es nicht. Jüngstes Beispiel für diesen Kampf ist die Kampagne gegen den verstorbenen bayerischen Landesbischof (von 1933 bis 1955) Hans Meiser, einen der herausragenden Repräsentanten der Bekennenden Kirche und damit des deutschen Protestantismus. Auslöser für diese Kampagne waren einige geplante Gedenkveranstaltungen zum 125. Geburtstag und zum 50. Todestag Meisers im Jahre 2007. Erwartungsgemäß öffneten sich zu diesem Termin die Dossiers ideologischer Tugendwächter. Sie stellten eine Sammlung von Veröffentlichungen zusammen, die Meisers angeblich antisemitische Einstellung dokumentieren sollte. In den Mittelpunkt wurde ein Artikel Meisers im Evangelischen Gemeindeblatt Nürnberg zum Thema „Die evangelische Gemeinde und die Judenfrage“ aus dem Jahr 1926 gerückt. Es handelt sich um eine Handreichung für die Gemeinden zur Orientierung in den Auseinandersetzungen um ein wichtiges Thema der Innenpolitik dieser Jahre. Alle größeren Veranstaltungen wurden daraufhin abgesagt. Nicht einmal ein Gedenkgottesdienst, der in einen Bedenkgottesdienst umfunktioniert werden sollte, konnte stattfinden. Die rot-grünen Stadträte von Nürnberg und München setzten gegen massiven Protest der Bevölkerung die Umbenennung der Meiserstraßen in ihren Städten durch und nutzten die damit verbundenen Auseinandersetzungen für ihre ideologisch-politischen Absichten. Der genannte Aufsatz vermittelt sowohl in der Diktion als auch im Inhalt tatsächlich den Eindruck einer antisemitischen Einstellung Meisers, allerdings nur dann, wenn man ihn aus dem damaligen gesellschaftlichen Kontext löst und alle sonstigen Grundregeln seriöser wissenschaftlich-publizistischer Arbeit mißachtet. Aber das ist ja die Absicht. Die Frage nach dem leitenden Motiv Meisers stellt sich in diesem Falle nicht – und soll sich auch nicht stellen, weil sie zum eigenen Nachdenken anregt. Meiser hat zunächst nicht bestritten, daß in Deutschland – wie auch in mehreren anderen Ländern – ungelöste Probleme bei der Bewältigung der „Judenfrage“ bestünden und Kritik an bestimmten Erscheinungsformen des Judentums berechtigt sei. Er ist damit einer vorherrschenden gesellschaftlichen Grundstimmung scheinbar gefolgt – bestimmte jüdische Kreise ausdrücklich eingeschlossen. Es kann und soll also nicht bestritten werden, daß Meisers Darstellung geeignet war, in einem sehr vordergründigen Sinne gängige Urteile und Vorurteile kirchlicherseits zu bestätigen. Erstaunlicherweise fand sie aber bei den Nationalsozialisten keinen Gefallen, obwohl diese eifrig bemüht waren, gerade in kirchlichen Kreisen Gewährsleute für ihre propagandistischen Zwecke zu gewinnen. Das exakte Gegenteil war der Fall. Meisers Ausführungen lösten wütende Reaktionen der Nationalsozialisten aus. Sie beschimpften ihn als Judenfreund und Judenknecht, der den Juden „in den Hintern krieche“ (Julius Streicher), und stellten ihn auf eine Stufe mit Staatsfeinden. Dieses Verhalten der Nationalsozialisten erklärt sich aus der Tatsache, daß sie die eigentliche Intention des Meiser-Artikels – im Unterschied zu den heutigen Kritikern – nicht nur aufmerksam gelesen, sondern auch verstanden haben. Meiser ging es eben nicht um eine Bestätigung der Probleme in den Beziehungen zum Judentum, sondern um eine Lösung im christlichen Sinn. Dies sei erst recht geboten, so Meiser, da „der Kampf gegen das Judentum solche Formen angenommen hat, daß alle Christen förmlich genötigt sind, sich schützend vor sie zu stellen“. Er beklagt ausdrücklich die „widerliche Verhöhnung und niedrige Beschimpfung der Juden, wie sie uns vielfach in antisemitischen Hetzblättern begegnet“. Deshalb könnten Christen „denen keine Gefolgschaft leisten, die die Juden bloß um ihrer Rasse willen von vornherein und ohne Ausnahme als minderwertige Menschen ansehen“. Damit war der Grundakkord für Meisers Verhältnis zum Nationalsozialismus und umgekehrt angeschlagen. Entsprechende Angriffe der Nationalsozialisten folgten im Laufe der folgenden Jahre immer wieder einmal. Sie werden in dem angezeigten Band dokumentiert. Es gehört zu den beklagenswerten Besonderheiten unserer sogenannten politischen Kultur, daß diese Tatsachen in der Auseinandersetzung um Bischof Meiser keine Rolle spielen und keinen Anlaß zum Nachdenken – geschweige denn Umdenken – bieten. Der Verfasser, promovierter Publizist und Enkel Bischof Meisers, hat insofern nicht nur eine hervorragende Studie zum Verständnis seines Großvaters vorgelegt, sondern auch zum Umgang mit den Methoden und Praktiken der geistigen und politischen Auseinandersetzung in der Gegenwart. Hans Christian Meiser: Der gekreuzigte Bischof. Kirche, Drittes Reich und Gegenwart – Eine Spurensuche. München Verlag, München 2008, broschiert, 176 Seiten, Abbildungen, 16,80 Euro Foto: Feierliche Amtseinführung von Landesbischof Meiser (zweite Reihe Mitte) am 11. Juni 1933 in Nürnberg: Grundregeln seriöser wissenschaftlich-publizistischer Arbeit mißachtet

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