Männerklang

Eine Tür fiel ins Schloß, eine Kajütentür. Die Bühne, Haupt- und Achterdeck der HMS „Indomitable“ vorstellend, der Unzerstörbaren, ist leer. In einer Kette von 35 ganztaktigen Grunddreiklängen, in wechselnder Lagerung und Tonstärke und Orchesterfarbe, largamente, erzählt die Musik das Gespräch zwischen dem Empfänger eines Todesurteils und dem Überbringer, der es gefällt hat oder, Pilatus gleich, hat fällen lassen. Einen „Ureinfall von überwältigender Genialität“ hat Willi Schuh den Schluß des 3. Akts von Benjamin Brittens Oper „Billy Budd“ genannt, einen „Abschluß von unerhörter mystischer Wirkung“. Der Schuldspruch, den Kapitän Vere seinem Vortoppmann Billy Budd überbringt, ist ein doppelter: Er, der Anmut, Schönheit, Tugend vor dem Bösen retten wollte, ist dazu verurteilt, sie zu zerstören.

Den alten Kapitän Vere quälen Erinnerungen an seine lang zurückliegende Dienstzeit im Jahr 1797, dem Jahr der großen Meutereien während der Koalitionskriege gegen Frankreich. Ein neuer Vortoppmann weckt Begehren und Haß des Master-at-arms, ein Bootsmann mit Polizeibefugnissen, Claggart. Der Meuterei bezichtigt, weiß sich der Stotterer nicht anders als mit einem Faustschlag zu verteidigen. Billy tötet Claggart. Vere entscheidet nach Kriegsrecht, gegen sein Gefühl, und läßt Billy am Hauptmast hängen. Dem alten Vere bleibt der Trost, dem Jungen bald nachfolgen zu dürfen, dessen Vergebung er sich sicher weiß.

Nicht Schönheit und Schrecken der dramatischen Orchester­szene bringt das London Symphony Orchestra unter Daniel Harding im Dezember 2007 im Londoner Barbican zum Klingen, sondern schrecklich schöne Glätte, die allen schmutzigen Ausdruck von sich abperlen läßt. Gehobene Orchesterkultur demonstriert es anhand der Zwischenspiele, gehobene Chorkultur die Herren des London Symphony Chorus (Einstudierung: Joseph Cullen) anhand der Matrosenchöre, rein von Fisch- und Teer- und Schweißgeruch, etwas ölig schon, aber ohne Ölflecken (Virgin Classics 5099951903923). Chor und Orchester fungieren als die musikalischen Träger unterdrückten, ununterdrückbaren Sehnens und Wünschens, jenes Unzerstörbaren, das weder ausgesprochen werden darf noch kann. Harding läßt die Männeroper konsequent als Passionsbericht des alten Vere erzählen.

Daß der klügste Mann vor der eigenen Wahrheit kapitulieren kann, ist einem der klügsten Sänger unserer Zeit zu singen aufgegeben. Ian Bostridge führt vor, wie einer fremdes Leben zu ergründen sucht, das doch sein eigenes ist, aber immer wieder nur abprallt an seiner glatten Haut. Die Besetzung des alten Mannes mit der alterslosen Tenorstimme – orphisch oder anämisch? – und Bostridges musikalische Anlage seiner Partie lösen durchaus ein Konzept ein, das den indifferenten Nathan Gunn als Billy und Gidon Saks als Claggart allerdings keine schlüssigen Parts zuweist.

Das Orchesternachspiel des 3. Akts, das in der hier eingespielten Fassung von 1960 den 2. Akt teilt, kommt zu seinem nebelzerreißenden Zielakkord erst im Schlußmonolog des alten Vere, aber zu sich selbst gekommen ist dieses Leben nicht einmal da. Die leer auslaufenden, verdämmernden Schlußtakte der Oper lassen daran keinen Zweifel. Harding und Bostridge auch nicht.

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