Machtanspruch und Kunstverstand

Noch bis zum 14. Juni präsentiert das Museum Frieder Burda in Baden-Baden unter dem Titel „Die Künstler der Kaiser: von Dürer bis Tizian, von Rubens bis Velásquez“ eine Auswahl von Meisterwerken aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien, das, aus den habsburgischen Sammlungen hervorgegangen, mit seinem wahrhaft königlichen Reichtum zu den ganz großen Galerien der Welt gehört.

Es stellt sich natürlich gleich die Frage, ob sich die Werke und jene fernen Kunstideale, herausgerissen aus der gravitätischen Aura der einzigartigen Sammlung, die monarchischer Ehrgeiz mit souveränem Stilempfinden und aus einem verfeinerten Lebensgefühl heraus schuf, in einer modern konzipierten Kunsthalle, die noch nie alte Meister gezeigt hat, überzeugend präsentieren lassen. Diese Kluft hilft der Katalog mit dem einführenden Kapitel von Götz Adriani zu überbrücken, der die Tradition des habsburgischen Mäzenatentum nachzeichnet und zeigt, wie es der Herrscherfamilie gelingen konnte, aus kultureller Anciennität ihren politischen und hegemonialen Anspruch zu begründen.

Die Habsburger waren zweifellos das bedeutendste europäische Herrschergeschlecht. Im 13. Jahrhundert aus unscheinbaren Anfängen hervorgegangen, schufen sie durch geschickte Heiratspolitik und in inniger Verbindung zwischen Kaiser und Kirche ein Reich von weitreichenden Verzweigungen. Die Länder, die jahrhundertelang zur habsburgischen Krone gehörten, hatten imponierende Ausmaße, und Karl V. konnte mit Blick auf seine überseeischen Besitzungen bekanntlich feststellen, daß in seinem Reich die Sonne nicht untergeht.

Mittelalterliche Hofkultur in der Kunsthalle

Der Aufstieg begann mit der Wahl Rudolfs von Habsburg zum deutschen König, und von nun an stellten sie, von einigen zwischenzeitlichen Regentschaften aus Nassau, Luxemburg und Bayern abgesehen, das römisch-deutsche bzw. österreichische Kaisertum.

Durch die Heirat Kaiser Maximilians I. 1477 kommen die Habsburger in den Besitz der reichsten Länder Europas, Burgunds und der Niederlande. Die Niederlande mit ihrer wirtschaftlichen Regsamkeit konnten Handelssinn mit Kunstverstand verbinden. Burgund mit seiner prachtvollen Hofkultur, seiner feudalen Noblesse, seinen ritterlichen höfischen Lebensformen und seiner modernen Verwaltung gehörte zu den bedeutendsten Kulturlandschaften der Zeit.

Maximilian gewinnt an Einfluß und internationalem Ansehen. Und mit ihm beginnt die ambitiöse Kunstpolitik, die über die Jahrhunderte für die Habsburger kennzeichnend ist. Sie werden Auftraggeber, Mäzenaten, Protegés. Aber Kunst steht unter ihrer besonderen Förderung immer auch im Dienste der Selbstdarstellung, der Glorifizierung einer Monarchie, die sich geschichtsbewußt glaubt. So erkannte schon Maximilian Kunst als ein Medium, seiner Herrschaft Einzigartigkeit und Profil zu geben, seinen Machtanspruch und sein Sendungsbewußtsein zu legitimieren und seinen Nachruhm zu befördern.

Maximilian hat die namhaftesten Künstler in Deutschland mit Aufträgen bedacht: Albrecht Altdorfer, Hans Baldung Grien, Hans Burgkmair, Lucas Cranach, vor allem Albrecht Dürer. Unter Maximilians Ägide entstehen die bedeutendsten Werke einer spätmittelalterlichen Hofkultur, die indes schon im Übergang zur frühen Neuzeit begriffen ist.

Diese Sammeltätigkeit haben fast alle Nachfolger Maximilians mit forciertem Eifer fortgesetzt. Karl V. förderte Tizian, Philipp IV. von Spanien Velásquez, den schon mit 23 Jahren die Berufung zum Hofmaler ereilte und der die Staatsmänner, Dichter und Künstler seiner Zeit porträtierte und so der Nachwelt überlieferte. Kaiser Rudolf II., von skurrilem und grüblerischem Charakter, hat sich frühzeitig aus der Politik zurückgezogen, sich auf dem Prager Hradschin der Astronomie zugewandt und das gelehrte Gespräch mit Tycho Brahe und Johannes Kepler gepflegt, sich vor allem seiner Sammelleidenschaft verschrieben, aus der eine große Kupfertisch- und Gemäldesammlung hervorging, in deren Zentrum er das Œuvre von Dürer rückte.

Mattigkeit und Müdigkeit im 19. Jahrhundert

Sammelwut ergriff auch die habsburgischen Statthalter in den Niederlanden, und so kamen die Werke holländischer Meister schließlich nach Wien, wie etwa die von Pieter und Jan Brueghel, Anthonis van Dyck, Jan Davidsz de Heem oder Adriaen van Ostade, von denen die Ausstellung einige sehr schöne Stücke zeigt. Man vermißt jedoch ein Werk von David Teniers, dessen Bilder voll bäuerlicher Lebensfreude von dem in Brüssel residierenden Erzherzog Leopold von Österreich bewundert wurden. Ganz im Zeichen des Ruhms stand indes Peter Paul Rubens, der längere Zeit am spanischen Hof in Valladolid arbeitete, später eine Werkstatt in Antwerpen einrichtete und dem die Habsburger gleichsam ein Reich der unbegrenzten Möglichkeiten eröffneten.

Kaiser Joseph II., der Sohn Maria Theresias, war ein Vertreter des aufgeklärten Absolutismus, der alles dem Nützlichkeitsprinzip und der allgemeinen Wohlfahrt unterordnete. Und so hat er schließlich die habsburgischen Kunstsammlungen zum Zwecke der Gelehrsamkeit, der Volks- und Geistesbildung öffentlich zugänglich gemacht.

Die üppige Kunstsammlung der Habsburger zeugt von großem historischem Leben, von den jeweiligen Vorlieben, aber auch von einem Bewußtsein der Übereinstimmung mit einem übergreifenden Prinzip. Und sie spricht von einer Kunstsinnigkeit und verfeinerten Geschmackssicherheit, die heutigen Politikern völlig abgeht. Da ist ein unübersehbarer Abstand.

Indes verzeichnet der Chronist Mattigkeit und Müdigkeit im 19. Jahrhundert. Die Willensanstrengung der Habsburger erlahmt auch im Mäzenatentum, obgleich gerade jetzt die großen Galerien in London und Paris im Aufbau begriffen sind. Aber das universale Kaisertum der Österreicher war anachronistisch geworden. Das 19. Jahrhundert ist die Epoche der Nationalstaaten, und in Versailles wird ein neues deutsches Kaiserreich ohne habsburgische Beteiligung ausgerufen. Unter dem Einfluß des Historismus erfährt die antiquarische Geschichtsbetrachtung in Österreich die äußerste Zuspitzung. Der Neubau der Ringstraße als Via triumphalis auf den aufgelassenen Festungswällen mit dem eklektizistischen Rückgriff auf Gehabtes, auf die Stilarten der Vergangenheit weckt zahllose historische Assoziationen. Auch der Neubau des Kunsthistorischen Museums, das alle über die Jahrhunderte gesammelten Schätze aufnimmt, dient vornehmlich der Bewahrung historischen Sinngehalts. Die Sammlung selbst ist längst zum Stillstand gekommen.

Von Dürer ist leider wenig zu sehen

Die glanzvolle geschichtliche Vergangenheit der Habsburger wird anläßlich der Silbernen Hochzeit des Kaisers Franz Joseph in einem Festumzug als einem effektvollen Finale am 28. April 1879 noch einmal zusammengefaßt. In lebenden historischen Bildern mit pittoresken Kostümierungen erscheinen noch einmal Herolde, Bannerträger, Landsknechte, Zünfte, und sogar Tizian, Veronese, Dürer, Rembrandt und Velásquez und Hans Makart, der den Umzug barock inszeniert hat, erscheint, in schwarzes Samt gehüllt, als Rubens. Makart gestaltete sein Riesenspektakel nach der Holzschnittfolge eines Festzugs für Kaiser Maximilian von Albrecht Dürer.

Indes ist von Dürer – obgleich auf den Plakaten groß angekündigt – in der Ausstellung wenig zu sehen. Eine Kostbarkeit ist allerdings das Kunstbuch von Nürnberg mit Holzschnitten und Handzeichnungen des Meisters. Zu den besonderen Pretiosen gehören auch Gemälde von Velásquez, Gainsborough, Canaletto und zahlreiche Holländer.

Foto: Palastarchitektur mit vornehmen Besuchern um 1596, Paul Vredeman de Vries (an der Ausführung beteiligt): Verfeinerte Geschmackssicherheit, die heutigen Politikern völlig abgeht

Die Ausstellung ist bis zum 14. Juni im Museum Frieder Burda, Lichtentaler Allee 8 b, in Baden-Baden täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Der Eintritt kostet 9 Euro (ermäßigt 7 Euro). Telefon: 0 72 21 / 3 98 98-0

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