Kultur auf dem kleinsten Nenner

Daß Barbie das auf ihre alten Tage noch erleben muß! Seit fünfzig Jahren verkörpert sie mit unschuldigem Augenaufschlag sämtliche Übel der westlichen Zivilisation: die Modepuppe ohne Eigenschaften, reduziert auf ihre sekundären Geschlechtsmerkmale – Maxi-Busen, Mini-Taille, blonde Haare, Beine bis zu den Achseln – und ihr Arsenal an Accessoires, getrieben von einem einzigen Impuls, dem Kaufrausch.

Barbie in der Burka: Das allen begierigen Blicken entzogene Objekt von Schaulust und Habsucht ist keine ironisch-postmoderne Kritik an der Konsumgesellschaft. Daß die meistverkaufte Puppe der Welt unter ihrer Ganzkörpervermummung mit Sehschlitz nun endlich in Würde grau, dick und faltig werden darf, steht wohl ebensowenig zu hoffen. Nein, mit der limitierten Sonderedition, die eine italienische Designerin jüngst zur Versteigerung bei einer Wohltätigkeitsauktion zugunsten der Hilfsorganisation Save the Children präsentierte, soll im Namen der „Vielfalt“ auch noch die finsterste Marktlücke geschlossen werden. „Idee der Barbie ist ja, daß Mädchen die Welt eröffnet wird, sie mit ihr alles sein können, was sie sein wollen“, wird dazu eine Sprecherin der Herstellerfirma Mattel zitiert, die das Projekt unterstützt.

Man weiß kaum – und frau weiß es schon gar nicht –, ob man lachen oder weinen soll angesichts dieser überzeugenden Demonstration, wie der Kapitalismus sich letztlich immer selber ad absurdum führt. Oder beweist er vielmehr wieder einmal seine erschreckende Kapazität, jede noch so radikale Anfeindung zu absorbieren, um sie auf dem Jahrmarkt der Beliebigkeiten in klingende Münze zu verwandeln? Sofern das Huntingtonsche Bild einer globalen Kollision zwischen zwei monolithischen Weltanschauungen, „dem Liberalismus“ und „dem Islam“, der Realität im 21. Jahrhundert überhaupt gerecht wird, repräsentiert Barbie in der Burka Menetekel und Schwundstufe beider Kulturen; man könnte auch sagen: ihren kleinsten gemeinsamen Nenner. Herzlichen Glückwunsch, Mattel!

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