Kampf um die Freiheit

William S. Schlamms Leben (1904–1978) verlief alles andere als stromlinienförmig. In seinem Erinnerungsbuch „Menschen aus meiner Welt“ bringt der Publizist Hans-Georg von Studnitz diese Spannbreite auf den Punkt: „Im Alter von sechzehn Jahren wurde er von Lenin im Kreml empfangen. Der Revolutionär ermahnte ihn zur Schläue und machte sich eine Notiz über seinen Besuch. Seinen siebzigsten Geburtstag beging er im Münchner Hotel Continental. An der Festtafel rahmten ihn zwei Präsidenten ein, der österreichische Kaisersohn Otto und der Chef des Hauses Wittelsbach Herzog Albrecht von Bayern. Der frühere Präsident des Deutschen Bundestages, Eugen Gerstenmaier, und Bundesminister Stücklen in Vertretung von Franz Josef Strauß waren unter den Gästen.“ Heute wird der Name des temperamentvollen und meinungsfreudigen Autors, dessen Bestseller „Die Grenzen des Wunders. Ein Bericht über Deutschland“ vor fünfzig Jahren im Züricher Europa-Verlag erschien, nur noch wenigen Menschen etwas sagen. Schlamm wurde am 10. Juni 1904 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns im österreichischen Przemysl geboren. Zunächst schlug sein Herz links. Seine journalistische Karriere begann der frischgebackene Abiturient als Autor bei der kommunistischen Wiener Zeitung Die rote Fahne. 1932 trat er in die Redaktion der radikal-pazifistischen, linksintellektuellen Zeitschrift Weltbühne ein, die mit den Namen Carl von Ossietzky und Kurt Tucholsky verbunden ist. Bereits 1929 hatte Schlamm nach einem Moskauer Parteiverfahren mit dem sowjetischen Kommunismus gebrochen. Er emigrierte in die USA und wurde nach seiner Einbürgerung im Jahr 1944 Assistent von Henry R. Luce, dem Herausgeber von Life, Time und Fortune. Nach Stationen bei verschiedenen konservativen Publikationen kehrte er Anfang der 1960er Jahre endgültig nach Europa zurück. Ab 1972 gab er die Zeitschrift Die Zeitbühne heraus. „Sie bot konservativen Publizisten eine Plattform und wurde inhaltlich zwischen dem Criticón, einer von Caspar von Schrenck-Notzing und Armin Mohler für hohe Ansprüche konzipierten Zeitschrift, und dem populär gehaltenen Deutschland-Magazin Kurt Ziesels angesiedelt“, so von Studnitz. Hier veröffentlichten Otto von Habsburg, Winfried Martini, Gerd-Klaus Kaltenbrunner und andere. Am 1. September 1978 starb Schlamm im Alter von 74 Jahren in Salzburg. Adenauers unfruchtbarer Regierungsgarten Das Werk, mit dem der Vielschreiber Furore machen sollte, erschien Anfang 1959 und wurde „rasch zum literarisch-politischen Gesprächsthema des Sommers“, schreibt Marcus M. Payk in seinem Aufsatz „Antikommunistische Mobilisierung und konservative Revolte. William S. Schlamm, Winfried Martini und der ‘Kalte Bürgerkrieg’ in der westdeutschen Publizistik der späten 1950er Jahre“. In weniger als sechs Wochen wurden über 30.000 Exemplare des Titels abgesetzt. Bis Ende 1959 erreichte die Auflage über 100.000 Exemplare, für ein politisches Buch ein außergewöhnlicher Erfolg. Zunächst untersucht Schlamm das deutsche Wirtschaftswunder. Hierbei handele es sich jedoch um gar kein Wunder. „Das vernünftige menschliche Bedürfnis, Wohlstand frei von Regierungsdruck, frei von bürokratischen Schikanen und staatlichen Einmischungen zu erzeugen, hat Deutschland wieder aufgebaut.“ Mit diesen Worten macht der Autor deutlich, daß Wohlstand nur aus dem Geist der ökonomischen Freiheit heraus, nicht aus dem staatlicher Gängelung und Planung entsteht. Diese Warnung ist heute – angesichts der drohenden Rezession und den Rufen nach mehr staatlicher Kontrolle des Wirtschaftslebens als vermeintlichem Allheilmittel – aktueller denn je. Doch schon 1959 mußte der Verfasser feststellen, daß die deutsche Steuerlast „alles in allem berückend“ sei. Die Deutschen hätten 1957 mehr Steuern und Sozialversicherungsbeiträge gezahlt als irgendeine andere westliche Nation. „Diese ungeheuren Ansprüche des Staatsapparates und der Sozialversicherung an die deutsche Politik dürften die ernsthafteste Gefährdung der freien Marktwirtschaft sein“, so Schlamm. Der Sozialfrieden werde am ersten Tag der kommenden deutschen Rezession zu Ende sein. Seltsam vertraut klingen diese Worte heute, wenn man sich die Erfolge der Linkspartei in den Ländern und das konstant geringe Vertrauen der Bürger in die Soziale Marktwirtschaft vor Augen führt. Welcher politische Führer an der Spitze eines Volkes kann Stabilität garantieren und die Dinge beieinander halten? Für Schlamm stand bereits 14 Jahre nach Kriegsende außer Frage: „Es gibt in Deutschland keine Gefahr eines nazistischen Rückfalles.“ Doch ihm war auch bewußt, daß jeder schwache Staat „am Ende von Rüpeln vergewaltigt“ wird. Daher war Konrad Adenauer für ihn ein „Glücksfall“. Nach seinem Abtritt beginne für Deutschland eine „Zeit der Heimsuchung“, lautete Schlamms düstere Prognose. Als möglichen Nachfolger erkannte der Autor nur Franz Josef Strauß, der „wahrscheinlich das einzige politische Talent“ sei, „das in Adenauers unfruchtbarem Regierungsgarten gewachsen ist“. Doch Strauß sei genau die „Zielscheibe, auf der die Sozialdemokratie nach Jahren einer verzweifelten Blindgängerei endlich ins Schwarze treffen könnten“. Wenn die Unionsparteien demnächst die Wahlen verlieren würden, befürchtete Schlamm, dann könnte die Regierungsmacht „wahrscheinlich für immer an die überlegen operierenden Sowjets“ fallen. Schlamm zweifelte nicht etwa an der patriotischen und antikommunistischen Haltung von Ollenhauers Partei. Aber letztlich bestehe die Substanz der Sozialdemokratie nur in dem frömmlerischen Utopismus unbelehrbarer Amateure der Macht. „Die Grenzen des Wunders“ ist ein Buch der starken Formulierungen. Der Pazifismus ist für den Autor eine „Kinderkrankheit des Intellekts“. Kein Wunder, daß der wortmächtige politische Schriftsteller der Anti-Atom-Bewegung nichts Positives abgewinnen konnte: „Und aus all diesen Gründen sage ich, daß die ‘Atom-Debatte’ der schändlichste intellektuelle Skandal unserer Zeit ist. Die westliche Welt hat nervösen Naturwissenschaftlern gestattet, aus ihrem eigenen Schuldgefühl heraus einen phantastischen Schabernack zu treiben – einen Schabernack, der den Konflikt der freien Welt mit dem Kommunismus gegen den Westen entscheiden kann“. Eine Überlebenschance billigte Schlamm dem Westen nur für den Fall zu, daß er seine ganze technische Potenz ausnütze. Und das bedeute vor allem Kernwaffen. Der Grund liege darin, daß die Wehrbereitschaft in Demokratien naturgemäß geringer ausgeprägt sei als in Diktaturen: „Denn demokratische Völker können nicht eine Generalmobilmachung in Friedenszeiten für Generationen aufrechterhalten und trotzdem Demokratien bleiben. Weder die Wirtschaft noch die Kultur, noch die Politik eines freien Volkes können die Dauermobilisierung überleben, an der ein kommunistisches Regime gedeiht; denn nur im Zustand der Zwangsmobilisierung kann sich ein kommunistisches Regime aufrechterhalten.“ Deutschland als Feld der europäischen Entscheidung Deutschlands Rolle wurde von Schlamm ebenso unmißverständlich definiert. Ein Deutschland, das mit amerikanischer Unterstützung sich „auf die Einholung seiner gestohlenen Gebiete“ vorbereite, bleibe die wirksamste westliche Barriere gegen weitere sowjetische Expansion. Letztlich gebe es zur Offensive auch keine Alternative, wenn man dauerhaft Frieden, Sicherheit, Freiheit und Wohlstand gegenüber dem sowjetischen Aggressor sichern wolle. „Wir haben nicht die Wahl, ob Deutschland das Feld der europäischen Entscheidung sein soll. Deutschland ist es in jedem Falle. Wir haben nur die Wahl zwischen einem Deutschland, das den Triumph des Weltkommunismus sichert, und einem Deutschland, das Europas Offensive gegen den sowjetischen Expansionismus führt. Und auch diese Wahl werden wir nicht mehr lange haben.“ Es gebe immer die eine Seite, die angreife und vorstoße, und eine andere, die nachgebe und sich zurückziehe. Daraus leitet Schlamm am Ende seines Buches den Auftrag für das deutsche Volk ab, gemeinsam mit den Amerikanern „die Rückgabe der vergewaltigten Gebiete Deutschlands zu erzwingen und damit das Gewissen der Nation zu erlösen“: „Es scheint mir dies der einzige Weg, eine echte deutsche Rekonvaleszenz zu sichern. Und wenn Deutschland sich dem Kampf um die Freiheit verschreibt, kämpft Europa.“ Wie ist William S. Schlamm aus heutiger Sicht zu beurteilen? Hat sein fünfzig Jahre alter Bestseller noch irgend einen Wert? Susanne Peters, die an einer Dissertation über Schlamm arbeitet, bezeichnet sein Buch als eine „‘rechte’ Fundamentalkritik“. Schlamms publizistischer Weckruf erreichte nicht nur eine stattliche Auflage. Zur Popularisierung seiner Thesen unternahm er 1959/60 auch ausgedehnte Vortragsreisen durch die Bundesrepublik. Allein das Nachrichtenmagazin Der Spiegel – so Peters in einem Aufsatz für den von Frank-Lothar Kroll herausgegebenen Sammelband „Die kupierte Alternative. Konservatismus in Deutschland nach 1945“ – habe zwischen Juli und Dezember 1959 in rund 20 Artikeln Stellungnahmen zu Schlamm (Buchbesprechungen, Kommentare und Kurzmeldungen) abgedruckt. Peters zufolge verfügte Schlamm über ein nicht unbeträchtliches Maß an Zuspruch seitens der Spitzenpolitiker von CDU und CSU. Neben vernichtenden Kritiken in der liberalen und linken Presse gab es auch positive Besprechungen in den eher konservativen Blättern. Im Mai 1960 brachte der Spiegel eine 14seitige Titelgeschichte über den „Demagogen Schlamm“. Nach Darstellung Payks blieben die offenen Fürsprecher Schlamms deutlich in der Minderzahl. Selbst in der bürgerlichen, von Schlamm selbst allerdings nicht sonderlich geschätzten FAZ bezeichnete Nikolas Benckiser Schlamms Buch als „Pseudodokument“, das der östlichen Argumentation einen subtileren Stoff liefere, als sie ihn aus sich selbst hervorzubringen vermöge. Carlo Schmid hielt es zumindest für einen lesenswerten Bericht. Intelligenz und Torheit lägen bei Schlamm eng beieinander, so der feuilletonisierende Sozialdemokrat. Armin Mohler hatte wohl nicht unrecht mit seiner Bemerkung, „King William“ sei zwar ein brillanter Schreiber und höchst witzig, aber manchmal zu sehr auf Pointen versessen sowie durch seine kommunistische Jugend zuallererst auf Antikommunismus fixiert. Kassandra von rechts Zumindest erkannte Schlamm – wobei die Bundesrepublik der späten 1950er Jahre noch vergleichsweise stabil wirkt – die Gefahr der „Aufweichung“. Winfried Martini hat in seinem Vortrag „Die westliche Gesellschaft und die kommunistische Drohung“ die Aufweichung wie folgt definiert: Hierunter verstehe er einen „nach Umfang und Intensität nennenswerten Prozeß, in dem eine Haltung herrscht oder zur Herrschaft drängt, die sich angesichts einer tödlichen Gefahr weigert, die Vorbereitungen auf sich zu nehmen, die notwendig sind, um ihr zu begegnen.“ Dabei interpretiere man die Gefahr einfach weg, „um dadurch eine Entschuldigung für den Mangel an Vorbereitungswillen zu gewinnen“. Im Jahr 2009 ist die Gefahr für die Freiheit des Westens nicht in einem monolithischen Block im Osten zu sehen. Der Westen hat den Kommunismus (vorerst) niedergerungen. Die Feinde der Freiheit leben heute nicht nur im Iran, in Asien oder der arabischen Welt. Sie leben mitten unter uns. William S. Schlamm hat als eine Art Kassandra von rechts vor der kommunistischen Gefahr gewarnt, wenngleich manche seiner Schlußfolgerungen (beispielsweise seine etwas laxe Haltung zur Möglichkeit eines Atomkriegs zwischen Ost und West, um den Kommunismus offensiv zu bekämpfen und zu besiegen) sehr radikal und auch wirklichkeitsfremd ausfielen. Doch ein Schriftsteller kann nicht mit dem gleichen Maßstab wie ein verantwortlich handelnder politischer Führer beurteilt werden. Daß das Meinungsklima spätestens seit Mitte der 1960er Jahre so allergisch auf Schlamm reagierte, beweist, daß die liberale Schickeria der Bundesrepublik rechte Nonkonformisten nur ungern zu Wort kommen läßt. Foto: William S. Schlamm während seiner Dankesrede für die Verleihung des Adenauer-Preises im April 1971: Weckrufe

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