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Humanist zwischen den Heeren

Als deutschen „Zweiseelenmann“ par excellence bestimmte Ernst Bertram in seinem berühmten Buch über Nietzsche (1918) den großen apollinisch-dionysischen, protestantisch-antiken, poetisch-philosophischen, „gesunden“ wie „kranken“ Denker an der Epochenschwelle zum zwanzigsten Jahrhundert. Gilt aber für die Kulturheroen gemäß Bertrams „Versuch einer Mythologie“ – so der Untertitel des Hauptwerks –, daß ihr Allzumenschliches im historischen Rückblick verblaßt und sich die Widersprüche ihres Wesens zum „ewigen“ Sinnbild vereinigen, so haben die Geister zweiter Ordnung ihre Zerrissenheit zu bestehen und zu rechtfertigen.

Mißverstandene Rede zum „Deutschen Aufbruch“

Der am 27. Juli 1884 im heute zu Wuppertal gehörenden Elberfeld geborene Bertram stand, wie er in seinem Vortrag über „Möglichkeiten deutscher Klassik“ anläßlich Stefan Georges letztem Geburtstag 1933 sagte, selber „zwischen den Heeren“. Was er an den epigonalen Klassizisten wie an den völkischen Antihumanisten gleichermaßen als einseitige Verflachung und Verfehlung eigenen Wesens kritisiert, gilt dem Kölner Germanistikprofessor, ins Politische gewendet, als Gefahr des Zerriebenwerdens zwischen westlicher, individualistischer Zivilisation und „östlicher Vermassung“ bzw. – als Lebensproblem der Weimarer Republik – zwischen der Knebelung durch die Siegermächte und der Bedrohung durch den Kommunismus.

Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins ließ ihn in einer anderen – vielkritisierten und mißverstandenen – Rede von 1933 vorübergehend für einen „Deutschen Aufbruch“ plädieren, als dessen verzerrten und, wie er hoffte, nur vorläufig „catilinarischen“ Ausdruck er Hitlers „Machtergreifung“ sah. Ideologisch lehnte er den Nationalsozialismus, wie von vielen, ihn als charismatischen Lehrer verehrenden Studenten bezeugt wurde und seinen Schriften der Zeit („Von der Freiheit des Wortes“, 1936) zu entnehmen ist, entschieden ab; und nachdem er gesehen hatte, daß dem Catilina kein Cäsar nachfolgte, zeigte er mehr als einmal – etwa als er gegen die Bücherverbrennungen protestierte, für den „nichtarisch“ verheirateten Kollegen von der Leyen eintrat oder seine Beurlaubung beantragte, als das Kultusministerium einen Lehrstuhl mit einem nationalsozialistischen Kandidaten besetzen wollte – eine Haltung, die ihn beinahe nach Dachau gebracht hätte: „Wenn er nicht endlich Ruhe gäbe“, so überliefert sein Biograph Hajo Jappe eine Äußerung des Reichsdozentenführers, „habe die Partei schon Mittel und Wege, den Widerspenstigen an einem stillen Orte bei München zur Raison zu bringen.“

Gleichwohl wurde er 1945 im Zuge der „Entnazifizierung“, nachdem er anfänglich seine Lehrbefugnis behalten durfte, ohne Begründung als Hochschullehrer entlassen und trotz der eidesstattlichen Erklärungen und Gutachten von Prominenten wie Max Planck, André Gide und Hermann Hesse 1947 sogar in die Kategorie III („Minderbelastete“) eingestuft, was immerhin mit Vermögenssperre und Pensionsverlust verbunden war. Erst 1950 wurde er vollständig rehabilitiert, wobei sich herausstellte, daß man ihm, neben gänzlich Unsinnigem wie dem Vorwurf, er habe einen „Goebbelspreis“ erhalten (gemeint war der Görrespreis!), seine „elitäre“ Gesinnung, sein „heroisierendes“ Geschichtsbild und seine Zugehörigkeit zum Georgekreis angelastet hatte.

Alle drei „Vorwürfe“ belegen eine klischeebehaftete Oberflächlichkeit in der Betrachtung der deutschen Geistes- und Zeitgeschichte, die bis heute leider nicht abgenommen hat: War Bertrams Position elitär, so hat ihn diese Haltung eher in Distanz als in eine Nähe zum Nationalsozialismus gebracht, und die Theorie der „Legende“, die er am Beispiel Nietzsches entfaltet, ist vor allem als hermeneutischer Gegenwurf zum Historismus zu sehen, dessen „Faktenhuberei“ er eine eidetische, am lebendigen Gesamtbild der großen Persönlichkeit ausgerichtete Geschichtsbetrachtung entgegenstellt. Sein persönliches Verhältnis zu George schließlich war, obgleich er sich öffentlich für ihn und seine Anhänger wie Friedrich Gundolf, dem er 1930 die Grabrede hielt, aussprach, spannungsvoll; es entsprach in erster Linie dem zu dem George-Jünger Ernst Glöckner, mit dem er von 1906 bis zu Glöckners Tod 1934 eine innig-tragische homoerotische Freundschaftsbeziehung – Glöckner selbst war nicht homosexuell – unterhielt.

„Zwischen den Heeren“ zu stehen, hieß für Bertram auch, zwischen den Stühlen oder vielleicht sogar zwischen den Thronen zu sitzen: einerseits George und dessen Kreis verbunden, andererseits mit Thomas Mann befreundet (und sogar Taufpate von Manns Tochter Elisabeth), auf dessen Künstlertum er schon früh hingewiesen hatte, und doch von dem einen durch seinen Unwillen, Jünger zu sein, und von dem anderen (nach dessen Neuorientierung in den zwanziger Jahren) aus politischen Gründen geschieden.

In den Jahren bis zu seinem Tod am 3. Mai 1957 war Bertram nicht mehr wissenschaftlich tätig, veröffentlichte aber noch eine Reihe von poetischen Büchern, darunter die Spruchdichtung „Der Wanderer von Milet“. Besonders sein aphoristisches Werk hat ihm, neben dem „Nietzsche“ und sicher mehr als seine im Insel-Verlag erschienenen, im Ton eher zeitbedingten Gedichtbände, einen Platz in der Literaturgeschichte gesichert.

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