Gute Figur machen

Wollen Sie ‘in Form bleiben’? Sicherlich – denn Sie wissen, daß beim Sport wie im öffentlichen Leben ‘in Form sein’ Erfolg bedeutet. Gerade in den Wintermonaten müssen Sie doppelt darauf bedacht sein, die im Sommer gewonnene Elastizität, Form und Gesundheit beizubehalten oder zurückzugewinnen.“ Was sich wie ein Editorial zur neuesten Powerfrau-Diät der Brigitte liest, stammt aus einer Anzeige in der Berliner illustrierten Zeitung anno 1928. Der Schlankheitskult als Lifestyle-Phänomen der spätkapitalistischen Überflußgesellschaft, Sinnbild eines allzusehr verkörperlichten Ekels vor dem Massenkonsum? Pustekuchen, sagt Sabine Merta und legt auf 400 Seiten akribisch die Wurzeln dieses Kultus im 19. und frühen 20. Jahrhundert dar: eine Fleißarbeit, die ihrerseits an Besessenheit grenzt. Daß Mertas Kulturgeschichte des Strebens nach einer guten Figur an der Schwelle zur Moderne einsetzt, ist freilich kein Zufall. Denn mitsamt seinen pathologischen Schwestern, den heutzutage längst auch bei Männern auftretenden Eßstörungen Anorexie, Bulimie und Adipositas (damals bekannt als „Faulheitsfettsucht“), ist der Fitneß- und Gesundheitswahn eine Luxuskrankheit, die in Hungerzeiten die Menschheit verschont. Erst seit die Grundversorgung für eine Mehrheit der Bevölkerung gesichert ist, gilt ein schlanker Körper nicht mehr als Zeichen von Armut, sondern von Charakterstärke und vorbildlicher Lebensführung. Indes zeigt Merta auch auf, daß Schlankheit als relativer Begriff zu verstehen ist. Erst in den sechziger Jahren nahm er mit dem Fotomodell Twiggy und deren Laufsteg-Kolleginnen jene grotesk-krankhaften Züge an, die seither regelmäßig zu Todesfällen in ihrer Branche führen. Zur Veranschaulichung dieser Entwicklung hat die studierte Biologin und Historikerin manches Kleinod aus dem Fundus wilhelminischer Wunderlichkeiten ausgegraben. So ertüchtigte sich die Urgroßeltern-Generation mit Trockenfasten und anderen abenteuerlichen Heilswegen oder debattierte über die Haigsche Harnsäurenverschlackungstheorie und die Blutentmischungslehre. Ihre erbitterten Kämpfe um die Hoheit über die Volksgesundheit trugen die Anhänger des Liebigschen Eiweißdogmas oder des „Vegetarianismus“ mittels Pamphleten und Polemiken aus. Neben köstlichen Karikaturen serviert Mertas Buch die wenig appetitanregenden Speisepläne konkurrierender Anbieter von Entfettungs- und Heilfastenkuren: „8 Uhr Frühstück: Beefsteak mit 1 Tasse Peccothee ohne Milch. 12 Uhr Lunch: Magere Käse, mageres Pöckelfleisch, Austern. Ein Glas Seewein. 4 Uhr Dinner: Einen Teller voll von einer der genannten Suppen; der Fleischbraten mit einem Salat. Eine halbe Stunde darauf ein Glas Seewein. 8 Uhr Nachtessen: Kalter Fleischbraten dazu Pecco ohne Milch.“ Entwicklungen außerhalb des deutschsprachigen Kulturraums – namentlich in Großbritannien, Frankreich, Skandinavien und den USA, wo die Gebrüder John Harvey und Will Keith Kellogg gerade begonnen hatten, Getreide zu Gold zu machen – werden dabei nur insofern berücksichtigt, als sie Einfluß auf hiesige Debatten nahmen. Vom Spott, den Vegetarier erdulden mußten – damals noch von seiten der Schulmedizin wie der neuen Disziplin der Ernährungswissenschaft, während heutzutage wenigstens die gesundheitlichen und ökologischen Vorteile einer fleischlosen Lebensweise anerkannt sind –, bis hin zu den Versprechen und Drohungen der Werbung für Diätprodukte mutet vieles, was Merta hier zusammenträgt, deprimierend vertraut an. Auch die Beweggründe etwa der Lebensreformer klingen wie eine Kritik der heutigen Konsumgesellschaft. Der damals einsetzenden Massenproduktion mit Hilfe chemischer Zusatzstoffe, zunehmenden Entfremdung von der Natur und Funktionalisierung sämtlicher Lebensbereiche wird das Bemühen um ein ganzheitliches Seinsverständnis und Körperbewußtsein entgegengesetzt. Daraus entstehen vor allem im Bürgertum Bewegungen wie die Sonnenlichtlehre, die Nacktkultur, die Rohkostdiät samt Erfindung des Müslis, der Wander-, Gymnastik- und Fitneßkult oder die Gründung der Reformhäuser. Hand in Hand damit ging, wie Merta schön aufzeigt, ein Wandlungsprozeß in der Kleidermode von Korsetten und Krinolinen über die zweckmäßig-bequeme, locker sitzende Reformkleidung bis hin zu figurbetonten Schnitten und immer höheren Rocksäumen. Dabei herrschten geschlechtsspezifisch durchaus unterschiedliche Ideale vor: Während Muskeln für Männer das Alpha und Omega waren, sollten Frauen solche Übungen durchführen, die geeignet waren, ihnen eine „anmutige“ Gestalt zu verleihen. An ihre Grenzen stößt Mertas Methodologie gerade dort, wo Giorgio Agamben in der „Biopolitik“ der Vernichtungslager die eigentliche Erfüllung des 20.-Jahrhundert-Traums von der totalen Macht über den menschlichen Körper ausmacht. Die von ihr verfolgten Entwicklungsstränge reißen mit Anspielungen auf das Verbot der Vegetariervereine im Dritten Reich und auf das arische Schönheitsideal ab und werden erst weitergeknüpft, als die Hungerjahre vorbei sind und mit dem Wirtschaftswunder auch der Markt für diätetische Wundermittel wieder zu boomen beginnt. Ihr vorläufiges Ende finden sie in der Fetischisierung des mit Silikon, Botox und Steroiden gegen den Verfall gepanzerten Körpers – ein Perfektionswahn, dem der wissenschaftlich-technologische Fortschritt immer neue Möglichkeiten erschließt. Diese Zukunft mag sich nicht einmal die engagierte Konsumforscherin Merta vorstellen: „Nicht auszudenken, was passiert, wenn die Gentechnik noch eingreift!“ entfährt ihr zum Abschluß ihrer erschöpfend-nüchternen Führung über den Jahrmarkt früh- bis postmoderner Eitelkeiten ein Stoßseufzer. Sabine Merta: Schlank! Ein Körperkult der Moderne. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2008, gebunden, 421 Seiten, Abbildungen, 29,50 Euro Foto: Titelblatt des Ullstein-Sonderhefts „Iss gut und bleib schlank!“, 1926: Möglichst anmutige Gestalt

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