Gemeinschaft braucht Rituale

Die vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst viermal jährlich herausgegebene Zeitschrift Aviso (Untertitel: Zeitschrift für Wissenschaft und Kunst) beschäftigt sich in ihrer aktuellen Ausgabe mit dem Schwerpunktthema „Rituale“. So beschreibt der Bayerische Staatsminister Wolfgang Heubisch in seiner Funktion als Herausgeber im Editorial die gängigen bayerischen Rituale des Starkbieranstichs am Nockherberg mit dem beliebten Derblecken, des Maibaumaufstellens und der Viehscheid, weist jedoch auch auf die vielfältigen religiösen Rituale wie die Fronleichnamsprozession, den Leonhardiritt und die Wallfahrten nach Altötting, Andechs oder in die Wies hin. Sie alle stiften Gemeinschaft und das Gefühl von Zugehörigkeit und rhythmisieren den Tag, den Jahresablauf und sogar den Lebenszyklus.

Die Bedeutung von Ritualen im Familienalltag schildert der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Michael Mittermaier in seinem Beitrag „Äpfel ans Bett“. Dabei sind viele dieser familiären Rituale in einem religiösen Kontext entstanden, wie die tagtäglich verrichteten Gebete zu Beginn und zum Ausklang des Tages oder vor und nach dem gemeinsamen Essen. Aber auch kirchliche Hochfeste im häuslichen Rahmen wie Weihnachten und Ostern deuten darauf hin, daß das Christentum seit jeher eine ausgeprägte Gemeindereligion ist. Heute geht jedoch mit dem allgemeinen Bedeutungsverlust von Religion für die Familiengemeinschaft oft eine Intimisierung religiöser Handlungen und eine Individualisierung innerhalb der Familie einher. Was in katholischen und vielfach auch evangelischen Familien des bürgerlichen Milieus zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch eine Selbstverständlichkeit war, kann inzwischen keine allgemeine Geltung mehr beanspruchen. Geblieben ist aber das ursprüngliche Bedürfnis nach Familienritualen. Entsprechend groß sind die Angebote an einschlägigen Ratgebern.

Den „gefühlsneutralen Hallo-Gruß“ beschreibt Roswin Finkenzeller in seinem Beitrag über „Grußrituale in Geschichte und Gegenwart“ als „Triumph umgangssprachlicher Abspeckung“. Dagegen sei das „komplementäre Bussi“ eher durch Umständlichkeit gekennzeichnet, die der „kurz angebundene Mensch“ jedoch als Ausgleich brauche. Sehr traditionalistisch geht es laut der Schriftstellerin Miki Sakamoto hingegen noch beim Seppuku, dem japanischen Ritual der Selbsttötung, zu. Angewandt und entwickelt im 12. Jahrhundert von den Samurais, gründete es sich auf der Verpflichtung der Lebenden den Ahnen gegenüber. Von den Europäern oft mißverstanden, wurde mit Seppuku jedoch keineswegs der Tod verherrlicht, sondern der Weg des Lebens. Bei der traditionell „richtigen“ Form von Seppuku sind daher ein Gutachter anwesend, der bewertet, ob die Selbsttötung korrekt und würdevoll ausgeführt worden ist, und ein Helfer, der nötigenfalls den tödlichen Schwerthieb gibt.

Zu guter Letzt schlägt der Schriftsteller Eckhard Henscheid mit seinem kleinen Essay über Wagner, Rupprecht und Neidstein sowie den Hollywood-Filmstar Nicolas Cage und dessen vergängliche Leidenschaft für Burg Neidstein „ein sehr aktuelles Kapitel sonderlicher Kulturgeschichte“ auf.

Anschrift: Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Salvatorstr. 2, 8033 München, Internet: www.stmwfk.bayern.de/mediathek/aviso.aspx

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