Gegengift

Mit Louis-Ferdinand Céline verhält es sich immer noch seltsam. Er gilt einerseits als vielleicht der bedeutendste französische Autor des 20. Jahrhunderts, als Erneuerer der Sprache, andererseits sind zum Verständnis seiner Literatur wichtige Werke immer noch aufgrund seines haßerfüllten Antisemitismus im Giftschrank verschlossen und dürfen nicht neu verlegt werden. Offenbar fürchtet man sie wie eine ansteckende Krankheit.

Was erhältlich ist, findet jedoch auch jenseits von Literaturseminaren seit Jahrzehnten seine Leser. Von Jim Morrison (The Doors) einmal abgesehen, der einen kleinen Auszug aus der „Reise ans Ende der Nacht“ in „End Of The Night“ vertonte, gibt es jedoch im Rock- und Popbereich kaum Bearbeitungen Céline‘scher-Vorlagen. Seltsam, denn man muß Céline nicht als  „primären Spucker und Kotzer“ (Gottfried Benn) begreifen, um zu sehen, daß er sich durchaus anböte.

Kaum anders die Lage in der E-Musik, lediglich Morton Feldman versuchte sich 1949 an einer Vertonung. Seit ein paar Wochen liegt nun ein neuer Versuch vor, der Künstler ein Italiener namens Teho Teardo, dessen bisheriges Schaffen sich ziemlich genau auf der Grenze zwischen „unterhaltender“ und „ernster“ Musik bewegt. Seine Wurzeln liegen im Industrial-Untergrund der achtziger Jahre, einer Zeit, in der gerade in diesem Subkosmos vornehmlich nur auf heute raren Kassetten veröffentlicht wurde.

In den Neunzigern finden wir den Italiener dann in diversen Projekten wieder, die sich am Brückenschlag zwischen Rock und Discomusik versuchten, außerdem als Remixer solcher Pop-und Indiegrößen wie Placebo oder Lydia Lunch. Später folgten erste Klanginstallationen, meist minimalistisch wirkende Klangflächen, und Zusammenarbeiten mit dem renommierten Jazz-Cellisten Erik Fried-laender, der auch auf vorliegendem Werk zu hören ist. Seit Jahren ist nun Teho Teardo ein preisgekrönter Filmmusikkomponist, von ihm stammt unter anderem die Musik zu „Il Divo“, einem in Cannes ausgezeichneten Film über den siebenmaligen italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti. 

Seine Céline-Vertonung ist kurz, als Inspiration dient einmal mehr „Reise ans Ende der Nacht“, zwei Instrumentalkomposition, zusammen zehn Minuten Spielzeit und nur auf schwerem Vinyl erhältlich. Im Preis inbegriffen ist neben der kunstvollen Verpackung auch das Recht, sich einen hochwertigen Download der Musik beim herausgebenden Verlag zu besorgen, eine kluge Lösung, denn gerade der Vinyl-Liebhaber hat als Ästhet und vorsichtiger Mensch gegen eine zusätzliche Gebrauchskopie sicher nichts einzuwenden.  

Die Musik ist vor allem etwas für Cello-Freunde, beteiligt sind aber auch Bratsche, Geige, Kontrabaß und leichte, elektronische Effekte. Nun, in „Céline-Stimmung“ erschaffene Kompositionen lassen sich schwerlich als harmonische Streicherreigen vorstellen, vielmehr brodeln und kratzen Cello und Geige, wie aus tiefen Sümpfen kommend, in dunkelsten Moll-Tönen an allen Ecken und Enden. Ja, düster und dröhnend ist die Musik. Die Streicher werden mehr gezupft als gestrichen, und eine Melodie voller Kummer kriecht erst langsam aus dem bedrohlich blubbernden Irgendwas. Hier ist tatsächlich eine Begleitmusik zu dem berühmten Céline-Werk gelungen. 

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