Es liegt nicht in der Macht des Westens

Wenn es auch kein Außen mehr gibt, so gibt es stets doch Gegnerschaft im Innern. Und wie der Kapitalismus seine Kommunisten produziert, so produziert der Sozialismus seine Antikommunisten. Detlef Gojowy hat inmitten der Totalitarismen und Demokratismen des vorigen Jahrhunderts seinen Weg gefunden und ist ihn beharrlich gegangen. Sie haben Leben und Arbeit des Musikwissenschaftlers, Germanisten und Slawisten bestimmt, der sich nicht hat von ihnen bestimmen lassen wollen, und sind mitzudenken, wenn es an die Sichtung seines Schaffens geht.

Die in seinem voluminöses Buch „Musikstunden“ versammelten Artikel, Aufsätze und Referate, die Gojowy noch selbst ausgewählt, geordnet und kommentiert hat, erzählen von geteilter europäischer Musikgeschichte zwischen 1969 und 2006. Ein vorangestellter autobiographischer Essay erzählt von einem, der die Freiheit in der Musik und im Leben suchte und in der Neuen Musik fand.

Detlef Gojowy wird am 7. Oktober 1934 in den Nationalsozialismus hineingeboren, besucht in Dresden die Kreuzschule, studiert in Berlin (Ost) Germanistik und nach seiner Übersiedlung 1955 in Berlin (West) auch Musik und insbesondere Musikwissenschaft. Er hat den Brand Dresdens erlebt, den er – politisch inkorrekt, doch historisch richtig – als Bombenholocaust benennt, Verhaftung, Verurteilung und monatelange Gefängnishaft der Verlobten Christiane im Hallenser „Roten Ochsen“, die er heiratet und mit der er nach Westdeutschland übersiedelt, den Mauerbau, der die mitteldeutsche Heimat zu vermintem Gelände machen, die Deutschen und deutsche Musiktradition und -kultur diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs voneinander scheiden sollte.

Er hat sich mit den sogenannten Realitäten nicht abgefunden, den Riß nicht hingenommen und, wo und für wen auch immer er arbeitete, Kontakte nach Osten nicht abgebrochen, sondern gesucht, als Wissenschaftler, Autor, Redakteur die Neue Musik in den Staaten des Realsozialismus zu verstehen und westdeutschen Hörern begreiflich zu machen gesucht, so klein sich ihm der Ausschnitt auch immer darbieten mochte. Schließlich sei es Aufgabe des Musikwissenschaftlers, „sein Werkzeug nicht zuletzt auf die Gegenwart anzuwenden, zu erfassen, was sich da musikalisch um uns herum zuträgt“.

Auf der Suche nach einer Musik, die nur ihm allein gehöre und zu ihm spräche, erschließt Gojowy das Erbe der vorklassischen Barockmusik in der sächsischen Orgellandschaft für sich und erlernt das Orgelspiel. Er öffnet, dem „Königlich-Pohlnischen u. Churfürstlich saechsischen Hoff-Compositeur“ Johann Sebastian Bach verpflichtet, seine Ohren nach Polen, erlernt die polnische Sprache, um die Literatur zu Fryderyk  Franciszek Chopin lesen zu können, und entdeckt die polnische Kunst, insbesondere die Neue Musik, als eine des Widerstands gegen den Sozialismus.

In Marburg, wohin Bestände der Preußischen Staatsbibliothek ausgelagert worden waren, bekommt Gojowy eine Partitur von Nikolaj Roslavetz in die Hand und entdeckt in der Folge Quellen und Bestandteile der Musik des 20. Jahrhunderts, die im Westen weitgehend unbekannt geblieben, im Osten vergessen, verdrängt, verfemt, liquidiert worden sind. 1966 promoviert er in Göttingen bei Heinrich Husmann über „Moderne Musik in der Sowjet­union bis 1930“.

Die russische Hochkultur ausgangs des Symbolismus und eingangs des Futurismus, die Kunst des Oktober und der zwanziger Jahre, ursächlich für die europäischen Künste des 20. Jahrhunderts, haben den ihnen gebührenden Platz in der Geschichte des Theaters, der Literatur, Architektur, bildenden Kunst längst bekommen und behauptet.

Die Erkenntnis, daß dies auch für die Musik zu gelten habe, verdanken wir der Forschungsarbeit Gojowys. Er hat die Namen der Avantgardisten Nikolaj Roslawetz, Josef Schillinger, Arthur Lourié oder Jefim Golyscheff und anderer vor dem Verschwinden bewahrt. So veröffentlichte er bereits 1980 das Buch „Neue sowjetische Musik der 20er Jahre“. Er hat Komponisten, die in dieser avantgardistsichen Tradition komponierten, auf östlicher Seite des Eisernen Vorhangs gefunden und auf westlicher propagiert (Buchveröffentlichungen über Augustyn Bloch, Leos Janácek und Myriam Marbe). Er hat sich, wie es sich für einen Intellektuellen gehört, zwischen alle Stühle gesetzt.

Zwei seiner Aufsätze lösen wütende Angriffe seitens des sowjetischen Verbands der Komponisten als verlängerten Arms von Partei- und Staatsführung aus, stehen sie doch diametral dem Dogma des „sozialistischen Realismus“ entgegen, dem man Schostakowitsch oder Prokofjew gerade eben noch mühsam hatte subsumieren können. Und nun stellt dieser Gojowy jüngere dissidentische Komponisten wie Schnittke und Denissow, Slonimski und Tischtschenko nicht nur in die Tradition der verpönten westlichen Moderne, sondern diese gleich auch noch in synchrone Zusammenhänge europäischer Musikentwicklungen, die wichtige Anstöße zu nichtdiatonischer Ordnung des musikalischen Materials und elektronischer Klangerzeugung aus Rußland erhalten haben dürfte.

„Es liegt nicht in der Macht des Westens, den Osten zu begreifen, weil er als erstes die Vorstellung von den Grenzen der Kunst verloren hat …“, hatten die St. Petersburger Futuristen 1914 Marinetti und den Seinen stolz entgegengehalten. Westliche Dekadenz russisch-sowjetischer Herkunft? Westliche Moderne asiatischen Ursprungs?

Solche Fragen stören sowohl die notensetzende Nomenklatura des sowjetischen Komponistenverbands als auch die Diskurse westdeutscher Nachkriegs-avantgarden, die sich für die einzig legitimen Erben der zweiten Wiener Klassik halten, auf die sie sich berufen. Sozialdemokratische Doktrinen eines Wandels durch Annäherung stören solche Fragen sowieso. Welche Musik des Ostblocks im Westen erklingen, welche Namen wie genannt werden dürfen und welche nicht, das läßt man sich gerne von den zuständigen Organen diktieren, wenn man nicht schon in vorauseilendem Gehorsam einem eventuellem Diktat zuvorgekommen ist. Die absurden Be- und Verhinderungen seiner Arbeit im bundesrepublikanischen Absurdistan bis hin zu Arbeitsplatzverlusten, von denen Gojowy schreibt, haben ihn nicht von seinem Weg abbringen können.

Die Aufsätze machen den umfangreichen zweiten, gut 500seitigen Teil des Buches aus. Nicht wenige der Berichte über Warschauer und Moskauer Herbst, Brünner Musikfest, die Biennalen Neuer Musik in Zagreb, Krakau, Berlin (Ost), über die Dresdner Tage Neuer Musik, aber auch über Donaueschingen und Darmstadt, Witten und Sinzing, der Komponistenporträts und Gespräche mögen heute weniger von aktuellem denn vielmehr von rezeptionsgeschichtlichem Interesse sein.

Antikommunist aus Lebenserfahrung, hat Gojowy ein feines Sensorium dafür ausgebildet, wie anders Neue Musik auf den Festivals im Osten als auf denen im Westen gehört werden mußte.

Wenn Gojowy zwei Kolloquia der 1. Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik 1987 resümiert: „Und es ist oft erstaunlich, welch detaillierte Kenntnis und welch klaren Blick sich die DDR-Kollegen auch für westliche Verhältnisse und Entwicklungen trotz ihrer eingesperrten Situation bewahren konnten. Umgekehrt ist das meist nicht so“, dann ist ihm zumindest in einem Fall energisch zu widersprechen – nämlich dem seinem.

Er hat das Erscheinen dieses, seines letzten Buches noch erleben dürfen. Am 12. Oktober vergangenen Jahres ist Detlef Gojowy nach langer schwerer Krankheit in Unkel am Rhein, einem der Landschaft Beethovens zugehörigen Ort, gestorben.                 

Detlef Gojowy: Musikstunden. Beobachtungen, Verfolgungen und Chroniken neuer Tonkunst. Verlag Dohr Köln 2008, gebunden, 704 Seiten, 39,80 Euro

Foto:  Arthur Lourié (1893–1966): Als Anhänger der Oktoberrevolution wurde der russische Komponist 1918 zum Musikkommissar berufen, nur vier Jahre später emigrierte er aus der Sowjetunion, ab 1941 lebte er in den USA. Bereits in den letzten fünfzehn Jahren seines Lebens, so der Musikforscher Detlef Gojowy, blieb sein Leben ohne öffentliche Resonanz. „Sein Name war geschätzt, aber seine Musik blieb stumm, und daran hat sich wenig geändert.“

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