Joachim Kuhs

 

Der Stempel eines gelebten Lebens

Als Elia Kazan 1999 den Ehren-Oscar für sein Lebenswerk empfing, verweigerten nicht wenige Anwesende der Zeremonie ostentativ den Applaus. 47 Jahre nach seiner Aussage als friendly witness vor Joseph McCarthys „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ gab es immer noch böses Blut in Hollywood. Kazan war zwischen 1934 und 1936 Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen; nun nannte er auf Druck des Komitees die Namen von fünf weiteren ihm bekannten Kommunisten.

Daß gerade Kazan als einer der profiliertesten Männer der Hollywood-Linken zum „Verräter“ und Denunzianten geworden war, konnten ihm viele bis an sein Lebensende nicht verzeihen. Der Regisseur hatte allerdings nicht aus Opportunismus gehandelt. Er kannte die totalitäre Gefahr aus eigener Anschauung und war überzeugt davon, daß die Kommunisten in den USA tatsächlich nichts weniger als Stalins fünfte Kolonne bildeten. „Mitglied der Kommunistischen Partei zu sein, ist ein Vorgeschmack auf den Polizeistaat“, urteilte er rückblickend.

Ausschlaggebend für Kazans Parteinahme war wohl auch seine unbedingte Loyalität gegenüber dem Land, das 1913 seine aus der Türkei kommende Familie aufgenommen und ihr eine Chance auf ein neues Leben gegeben hatte. Sein autobiographischer Film „America, America“ beginnt mit den Worten: „Mein Name ist Elia Kazan. Ich bin Grieche durch meine Abstammung, Türke durch meinen Geburtsort, und Amerikaner, weil mein Vater eine lange Reise unternommen hat.“

So erzamerikanisch die Schauplätze, Milieus, Konflikte und Protagonisten seiner Filme auch sein mögen – der teilnahmsvolle und zugleich kritisch-distanzierte Blick auf die USA, der Kazans Meisterwerke auszeichnet, verdankt sich zweifellos der Sensibilität eines Emigranten der ersten Generation, der sich seinen Platz in der Gesellschaft erst hart erkämpfen mußte.

„Schauspieler verbringen ihr Leben im Café“

Geboren wurde Kazan als Elias Kazanjoglou am 7. September 1909 in Konstantinopel als Sohn griechisch-anatolischer Eltern. Er wuchs in New York auf, wo er das College absolvierte und gegen den heftigen Widerstand seines Vaters, Teppichhändler von Beruf, eine Laufbahn am Theater einschlug. Er wurde Mitglied des Kollektivs Group Theatre um Lee Strasberg, dem bekanntesten Vertreter des sogenannten method acting, einer psychologisch-naturalistischen Schauspielmethode, die nicht zuletzt dank Kazan auch das Kino revolutionierte.

Kaum ein Regisseur hat seine Darsteller so ins Zentrum seiner Filme gestellt wie er, und oft waren sie nie besser als unter seiner Regie. Marlon Brando wurde zur Ikone in „Endstation Sehnsucht“ (A Streetcar Named Desire, 1951) und „Die Faust im Nacken“ (On the Waterfront, 1954), James Dean in „Jenseits von Eden“ (East of Eden, 1955). Höchstleistungen erbrachten Andy Griffith in „Ein Gesicht in der Menge“ (A Face in the Crowd, 1957), Montgomery Clift in „Wilder Strom“ (Wild River, 1960) und Warren Beatty in „Fieber im Blut“ (Splendor in the Grass, 1961). Karl Malden, Kim Hunter, Eve Marie-Saint, Vivien Leigh, Anthony Quinn u. a. gewannen Oscars für Auftritte in Kazan-Filmen.
Kazan interessierte sich jedoch wenig für „Stars“. „Die meisten Schauspieler verbringen ihr Leben im Café, auf der Bühne und der Schauspielschule“, äußerte er in einem Interview. „Sie sind meistens kindisch, verwöhnt, dicklich, ihre Gesichter tragen selten den Stempel eines gelebten Lebens.“ Ihm ging es stets vor allem um die Glaubwürdigkeit der Charaktere und die Authentizität des Ausdrucks.

Es ist wohl kein Zufall, daß Kazan seinen künstlerischen Zenit nach der ideologischen Krise der „Roten Angst“ der frühen fünfziger Jahre erreichte. Kazan hatte seinen erklärten Erzfeind, den simplifizierenden „Puritanismus“, in Form des Marxismus früh kennengelernt. Während die Welt in seinem gutgemeinten, gegen Antisemitismus gerichteten Film „Tabu der Gerechten“ (Gentleman’s Agreement, 1947) noch ziemlich überschaubar war, verweigern seine sozial- und gesellschaftskritischen Arbeiten der Fünfziger konsequent moralische und politische Schwarzweiß-Malerei.

Die dogmatische Linke reagierte aggressiv auf „Die Faust im Nacken“, der zwar unzweifelhaft ein linkes Herz erkennen ließ, aber weder Gut und Böse eindeutig verteilte noch einfache Lösungen und Erklärungen anbot. Daß der Film von einem weiteren friendly witness, Budd Schulberg, geschrieben worden war, und zum großen Gewinner der Oscar-Verleihung 1955 wurde, verstärkte noch die Animositäten.

Kazan ging indessen seinen Weg unbeirrt weiter, und während die Linke „Die Faust im Nacken“ haßte, attackierte die Rechte seinen nächsten Film „Baby Doll“ (1956) wegen „Sittenwidrigkeit“. Mit ihrem Anspruch, die Komplexität und Widersprüchlichkeit des Lebens einzufangen, trugen Kazans Filme wesentlich dazu bei, daß das amerikanische Kino allmählich erwachsen wurde und die soziale Wirklichkeit Einzug in die Traumfabrik erhielt.

Kazans letzter großer Film war das dreistündige Epos „America, America“ (1963), das die Geschichte seines Vaters bis zur Ankunft in Amerika erzählte. Das Herzensprojekt des Regisseurs wurde von der Kritik zwar gelobt, floppte aber beim Publikum, und erst 1969 kehrte er mit „Das Arrangement“ (The Arrangement, 1969) auf die Leinwand zurück. Seinen Abschied nahm er schließlich mit der Fitzgerald-Adaption „Der letzte Tycoon“ (The Last Tycoon, 1976), mit den method-Schauspielern einer jungen Generation wie Robert De Niro und Jack Nicholson in tragenden Rollen. Als Elia Kazan 2003 im hohen Alter von 94 Jahren starb, war er längst zur Legende geworden.

Foto: Elia Kazan (r.) mit den Schauspielern Karl Malden und Vivien Leigh bei Dreharbeiten zu „Endstation Sehnsucht“ (1951): Dem Regisseur ging es vor allem um die Glaubwürdigkeit der Charaktere

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