Das Licht des Menschengeistes

Für Werke wie Gerhard Frommels Kantate „Herbstfeier“ nach Worten aus dem „Fränkischen Koran“ von Ludwig Derleth gilt heutzutage, das jede Aufführung auch gegen sie verwandt werden kann. Denn die Zurückweisung eines Werkes, das aus kulturpolitischen Gründen keine Aufführungspraxis entwickeln konnte, ist einfach. Daß dem Komponisten mit der Uraufführung seiner 1. Symphonie mit den Berliner Philharmonikern unter Wilhelm Furtwängler 1942 höchste Anerkennung zuteil wurde, weist voraus auf das Schicksal der Wirkungs- und Aufführungslosigkeit nach 1950.

Jede Besprechung muß schwanken zwischen positiver und negativer Voreingenommenheit, und jedes Konzert wurde zu einem Bekenntnis. Das bedeutet eine Überlastung der Tragfähigkeit der Kunst mit ideologischer Fracht.

Der 1906 in Karlsruhe geborene Gerhard Frommel besuchte 1926/27 Hans Pfitzners Meisterkurs, der ihm einschärfte: „Sie müssen auf mich hören wie auf eine Pythia!“ Bei Frommel führte das keineswegs zur Hörigkeit, sondern zu einer kollegialen Freundschaft bis zum Lebensende des Meisters. Den Briefwechsel publizierte der im vergangenen Jahr verstorbene Musikwissenschaftler Wolfgang Osthoff. Seinem Andenken sind die Aufführungen durch die Universitätschöre Dresden und Chemnitz und der Philharmonie Aue unter Leitung von Maja Sequeira gewidmet.

Das große Verdienst dieser Kunst besteht nicht zuletzt in der kreativen und beispielhaften Auflösung unproduktiver, theoretischer Gegensätze. Ganz undoktrinär setzte Frommel sein Kunstschaffen der Spannung zwischen unbedingten Polen aus. Hier Pfitzners Spätromantik, dort die mediterrane und folkloristische Spielfreude Strawinskys und Faurés. Subtil ausgewogene Liedvertonungen bekunden die Vermittlung zwischen der gebieterischen Haltung Stefan Georges und der introvertierten Schwierigkeit Pfitzners. Letzterer wird ihm auch darin Vorbild gewesen sein – empfand er doch das eigene Werk als Bestätigung einer „Sternenfreundschaft“ zwischen der kühnen Dramatik Wagners mit der innigen Poesie Schumanns.

Frommels Kantate ist in der neuklassizistischen Stimmung Anfang der dreißiger Jahre geschaffen. Ungefähr zeitgleich entstehen Strawinskys „Psalmensinfonie“, Honeggers „Roi David“, Hindemiths „Das Unaufhörliche“ und Schostakowitschs 2. und 3. Sinfonie mit Schlußchor. Des Letzteren Sinfonik wurde im Westen ebenfalls lange als eklektizistisch abgetan. Durch gute Aufführungen etablierte sich das Werk schließlich dauerhaft im Konzertsaal, so daß der Russe inzwischen als der einzige totale Spielplanerfolg seiner Generation gelten kann. Frommel wird langsam folgen. In unserem zivilisatorischen Nachsommer ereignet sich eine künstlerische Geltung nicht mehr so stoßartig wie mit Michelangelos „Jüngstem Gericht“ oder Beethovens Sinfonien, sondern über eine stetige zunehmende Durchdringung der ästhetischen Stimmung.

Das Hauptwerk des Dichters Ludwig Derleth (1870–1948) erschien 1932 im Bärenreiter-Verlag zu Kassel. Dessen Programm umfaßt vor allem musikalische Publikationen. Aber „Der fränkische Koran“ steht in dieser Umgebung keineswegs fremd da. Im Derleth-Gedenkbuch des von ihm begründeten „Castrum Peregrini“ berichtet Wolfgang Frommel, wie er auf der Terrasse seines Hauses mit dem Bruder Gerhard aus dem neu erschienenen Werkes vorliest: „… da hatte sich auf der Straße (…) eine Menge Volks als Hörerschaft versammelt, die nun mit heiterem Beifallsrufen und Händeklatschen dem Dichter unserer Lesung Dank wußte. Wir hätten unsere fröhliche Pfälzer Hörerschaft zu weiterem Umtrunk einladen müssen, doch dafür war sie zu zahlreich.“

Diese Lesung gab den Anstoß für die Vertonung. Der Komponist traf eine Auswahl, die er in ein Triptychon gliederte. Für das Programmheft der Uraufführung 1936 verfaßte er selbst eine genaue Einführung. „Herbst ist hier nicht bloß als Jahreszeit verstanden … sondern als Ausdruck bestimmter Seelenbezirke des Menschen, als Symbol menschlicher Wesenskräfte.“ Nach einer Schilderung des Herbstes, der Schwebe, der Nachglut und der Zerbrechlichkeit, die sich nie in schwächlicher Schwermütigkeit verströmt, folgt das Weh und der Schrecken des Scheidens, Verstummens und Versiegens.

Im zweiten Teil schwingt sich ein trotzig widerspenstiger Reigen hinauf zu wildem Wirbel. Ein Orchesterzwischenspiel leitet über zur Anrufung und Hymne des Finales. Dieser Teil ist Liturgie. Das letzte Wort des Schlußchors und des ganzen Werkes ist „Licht“. Und wirklich vermittelt das Stück den Eindruck eines kunstvoll geschliffenen Edelsteins, der in mal anflutendem und mal abgeschirmtem Licht, selbst stille-liegend, funkelnde Lebensbilder verströmt: in sich konzentrierter Weltgeist durch das Licht des Menschengeistes zur Rede gebracht.

Eine einwandfreie Aufführung wie diese läßt sich nicht mehr wegwischen. Wenn das Werk überhaupt Eindrücke zu vermitteln vermag, dann wurden sie bei den Anwesenden in Dresden hinterlassen. Der Applaus war gewaltig wie seine Ursache. Die sinnliche Erfahrung und nicht allein die Gedankenwelt eines aufnahmebereiten Publikums wurde bereichert.

Die nächste und letzte Aufführung der Frommel-Kantate „Herbstfeier“ findet statt am 31. Oktober um 17 Uhr in der Markuskirche, Pestalozzistraße 1, in Chemnitz.

Ein Mitschnitt wird als Tonträger erscheinen, ebenfalls in diesem Jahr erscheint eine CD mit drei Klaviersonaten G. Frommels bei Naxos.

Foto: Herbstliche Stimmung: „Ausdruck bestimmter Seelenbezirke des Menschen“

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles