Das Klappern der Narrenschellen

In der Nacht vom 10. zum 11. Februar 1990 hatte der Schriftsteller Walter Kempowski einen Traum, nachzulesen in seinem Tagebuch „Hamit“. Zusammen mit Uwe Johnson geht er in eine Berliner Buchhandlung, wo die Bücher durch Attrappen ersetzt worden sind. „Zum Schluß kramte Johnson hinter einem Buch ein sogenanntes Kunstwerk von Günter Grass hervor, eine Pappschachtel mit sehr locker aufgehängten Glocken (Schellen), ein ziemlicher Mist, der in sich sehr wackelte.“ Hatte Kempowski eine Eingebung, daß auch Grass sich in dieser Zeit – gegen seine Gewohnheit – Tagebuchnotizen machte? Jedenfalls hat er deren Qualität mit schlafwandlerischer Treffsicherheit vorweggenommen.

Schon der Titel „Unterwegs von Deutschland nach Deutschland“ führt in die Irre. Grass ist zwar ein Vielreisender, doch kreist er immer nur um sich selbst, ist Sonne und Erde zugleich in seinem persönlichen Universum. Wo er sich als Genußmensch mit besonderer Vorliebe für Fisch- und Wildspeisen offenbart, werden wenigstens voyeuristische Bedürfnisse befriedigt. Doch vor allem präsentiert sich hier ein Großschriftsteller, der rast- und ruhelos zwischen seinen vier Wohnsitzen in Berlin, Schleswig-Holstein, Portugal und Dänemark hetzt, nicht zu reden von den Lese- und Vortragsreisen in Deutschland und Europa, und der bei jeder Gelegenheit auf seine Allzuständigkeit in Fragen der Politik und Geschichte pocht. Gleich am 2. Januar, als er seine berühmt-berüchtigte Frankfurter Poetikvorlesung konzipiert, geht er in medias res: „Nachdem oben der Gasofen funktionierte, begann ich mit der Niederschrift ‘Schreiben nach Auschwitz’.“ – Gasofen! Auschwitz! Das ist aber auch die einzige Stelle, an der Grass seinen derben Humor herauskehrt.

Er zürnt seinen Dichter-Kollegen, die „zur Zeit national bis an die Grenze zum Stumpfsinn gestimmt“ sind; „mir hingegen“ – mir! dem Vernünftigen, über den allgemeinen Stumpfsinn Erhabenen! –, „mir hingegen, dem viele deutsche Besitzstände abhanden gekommen sind – außer der Sprache –, will Auschwitz vorkommen wie eine zuletzt verbliebene Möglichkeit, mich auf Deutschland zu berufen“. Man kann es einfacher sagen: Günter Grass ist – was nicht verwunderlich ist – an den Weltläuften der letzten fünfzig oder einhundert Jahre und an Deutschland irre geworden. In seiner Verwirrung nimmt er Auschwitz als bequem handhabbare Chiffre, um die herum er sein inneres Chaos neu zu ordnen versucht. Statt sein zusammengebasteltes Weltbild als Privatangelegenheit zu behandeln, steigt er mit ihm aufs Podium: „Will versuchen, in der Frankfurter Rede das angebliche Recht auf deutsche Einheit im Sinne von wiedervereinigter Staatlichkeit an Auschwitz scheitern zu lassen.“

Ein Dichter, der Durchblick schaffen will in Zeiten der Wirren! Doch weder steht er über ihnen, noch gelingt ihm ein schräger Blick auf sie. Wie ein Tages- und Parteipolitiker verliert er sich an Verfahrensfragen, Details und Nebensächlichkeiten, an seinen Ärger über die EsPeDe. Die Personen, die er trifft, viel Prominenz darunter, bleiben schattenhaft, weil er sich gar nicht für sie interessiert. Aufschlußreich ist das Buch nur in den knappen Passagen, wo er sich privat oder impressionistisch gibt. Am 28. Februar 1990 fährt er mit dem Zug („1.-Klasse-Abteil“) von Leipzig nach Dresden: „Die schmutzigen Scheiben, das gottverlassene graue Land, seine schrottreifen Industrieanlagen, die geduckten, wie zufällig gebliebenen Dörfer. Plötzlicher Schneeschauer. Mein jäher Wunsch, bei meinen portugiesischen Kakteen sein zu dürfen, die mir näher sind, gemessen an dieser kalten Fremde.“ Der Wunsch ist verständlich, doch von einem, der ausdrücklich als Chronist geschichtlicher Vorgänge reist und schreibt, erwartet man mehr als die Perspektive eines durchschnittlichen Westbesuchs. Kempowski ätzte bei solchen Gelegenheiten über die Leute, „die es im Westen – warm und sicher sitzend – so schön fanden und interessant und zukunftsweisend, was hier in der DDR geschah“!

Im übrigen hat Grass ja recht mit der Klage über den „geistlosen Anschluß“ der DDR an die BRD, der zu Enttäuschungen und Spannungen führen muß, weil ihm „jeder über die DM-Wirtschaft hinausreichende Gedanke fehlt“. Doch wo soll der herkommen, wo selbst die berufenen bzw. selbstberufenen Sinnproduzenten keinen haben oder ihn nicht ausdrücken können? Auch Grass ist dazu außerstande, gibt nur maulende, beckmesserische, eifersüchtige Kommentare ab.

Die Vorstellung einer „Großbundesrepublik“ ist ihm ein Greuel. Deswegen tritt er, als der Zug zur Einheit unaufhaltsam Fahrt gewinnt, für die Vereinigung nach Artikel 146 (Verabschiedung einer neuen Verfassung durch eine gesamtdeutsche Nationalversammlung) statt nach Artikel 23 (Beitritt zum verordneten Grundgesetz) ein. Das ist schön, schließt aber die Vorstellung einer demonstrativen Souveränitätserklärung nach innen und außen ein und steht im Widerspruch zu seinen überzogenen Warnungen vor einem Deutschland, welches die Nachbarn als zu groß und übermächtig empfinden. Immer wieder barmt er, die Polen würden zum Opfer deutschen Übermuts werden. Nichts davon ist eingetroffen, was zeigt, daß seine politischen Prognosen nichts taugen.

Wie aber fügt sich das zusammen: der Ekel vor dem D-Mark-Materialismus als Staatsidee, die halbbewußte Sehnsucht nach einem souveränen Deutschland und zugleich die Warnung davor? Grass, der Bauch- und Gefühlsdenker, kann seinen disparaten Gedanken keine Ordnung geben, Auschwitz reicht dazu nicht aus, und erst recht läßt sich kein Staat damit machen. In Erinnerung bleibt das Gegrummel darüber, daß Helmut Kohl noch eine Bundestagswahl gewinnt. Es geht um das Drama des alternden Großschriftstellers, der fürchtet, in die Besenkammer verbannt zu werden, wo sich niemand mehr für das Klappern seiner Narrenschellen interessiert. Es ist anders gekommen, ganz anders. Und deshalb findet diese in sich wackelnde Tagebuch-Attrappe viel unverdiente Aufmerksamkeit und blockiert den Verkauf, die Lektüre und die Rezeption anderer, sehr viel besserer und wichtigerer Bücher.

Günter Grass: Unterwegs von Deutschland nach Deutschland. Tagebuch 1990. Steidl Verlag, Göttingen 2009, gebunden, 256 Seiten, 20 Euro

Foto: Tagebuch November 1989: Es ist anders gekommen, ganz anders

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