Berlin gehört Dagobert Duck

Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ ist immer noch der Berlin-Roman schlechthin, kann diesen Rang seit über achtzig Jahren mühelos verteidigen. Neben Film- und Hörspielfassungen häufen sich jüngst auch die Bühnenadaptionen. Dabei existiert keine „etablierte“ Textfassung. Egal, ob historisierend oder aktualisiert: Jeder Regisseur  schreibt eine eigene Version – oder läßt sie schreiben. Was reizt an diesem Werk, dessen Handlung Rainer W. Fassbinder als „allerobszönste“ Groschenheftkolportage bezeichnet hat?

Der 34jährige Transportarbeiter Franz Biberkopf, wegen Totschlags vier Jahre im Gefängnis gesessen, versucht sich zu resozialisieren. Ein ehrbares Leben will er jetzt führen und erwartet als „Gegenleistung“ vom Leben Chancen und Fairneß. Aber kein Moralkodex, sondern das Erfassen der Lebens-Spielregeln befähigt den Menschen zur selbstbestimmten Existenz. So stolpert Biberkopf von einer Misere in die nächste. Er verbittert, schwört ab und macht wieder den Gauner. Er verfällt einem mephistotelischen Zuhälter namens Reinhold, der ihn erst verstümmelt und dann seine Freundin ermordet. Biberkopf bricht zusammen. Aber im Zustand der Ohnmacht eilen Engel, alttestamentarische Helden und Könige herbei, kämpfen um seine Seele, richten ihn wieder auf, befähigen ihn, sich der Realität zu stellen. Soweit die Handlung jener „Divina Commedia der Berliner Unterwelt“, wie ein US-Rezensent das Buch nannte.

Aber der Roman heißt nicht „Franz Biberkopf“, sondern „Berlin Alexanderplatz“. In seinem Mittelpunkt steht vor allem das pulsierende Berlin jener Zeit mit seinen ständigen Neu- und Umbauten, seinem bewegten Straßenverkehr, den Werbeslogans, Zeitungsschlagzeilen, Gassenhauern und Stimmengewirr: die Stadt als beseelter Organismus, ein animistisches Manifest, assoziativ in den Handlungsverlauf eingestreut.

Jedoch räumen die Film-, Hörspiel- oder Bühnenvisionen diesen Aspekt mehr oder minder beiseite, konzentrieren sich auf Franz Biberkopfs Geschichte, auf ihre sozialkritische Alltagsnähe. Anders der als „Polit-Provokateur“ geltende Regisseur Volker Lösch in seiner Inszenierung an der Berliner Schaubühne. Dort ist auch die belebte Stadt integriert, wird „übersetzt“ in eine bühnenfüllende Geldhalde. Münzen überfluten den gesamten Boden, bilden den Lebensraum der Akteure: die Stadt als Ort des Geldflusses; Geld als beseeltes Fluidum, das glücklich macht und antreibt, Angst macht, vorwärtspeitscht und tötet.

Wehe dem, der es nicht beschaffen kann. Ex-Häftlinge beispielsweise, in der Gesellschaft zwar chancenlos, dennoch zum Stillhalten im Elend verpflichtet: „Du sollst nicht stehlen!“ schwebt es in dicken Lettern über der Bühne. Aber woher das lebensnotwendige Geld beschaffen? fragt sich Franz Biberkopf (Sebastian Nakajew) in zeitgenössischer Lederjacke. Und das fragen sich auch die Chormitglieder, die – zwischen den Zuschauern sitzend – erst ihre Stimme und dann die Körper erheben. Sie hämmern Sätze des Romans heraus, gemischt mit eigenen Schicksalsberichten – ein Laienchor aus ehemaligen Häftlingen. Unter den aufgezählten autobiographischen Delikten: Erpressung, Körperverletzung, Drogenhandel, Bankraub, versuchter Totschlag. Wie sich damit resozialisieren? Wie in den monetären Fluß zurück?

Franz Biberkopf jedenfalls hat bald genug. Sozialhilfe oder Hartz IV lehnt er ab. Er will sich nicht vorrechnen lassen, wie viele Briketts er pro Tag verheizen, wie viele Zigaretten er rauchen darf. Ein freier Mann oder keiner! ruft der Stolze aus. Also Geld verdienen. Also wieder Kriminalität. Der Chor wird zu Biberkopfs Alter ego, kommentiert dessen Handlungen assoziativ. Als der eine Prostituierte (Eva Meckbach) aufsucht, die seine gekaufte Zeit während des Aktes countdownmäßig runterzählt, berichtet ein Choreut, daß er seinen Ankläger, den Staatsanwalt, bereits von früheren Bordellbesuchen kannte. Dabei sei der Jurist voll auf Koks gewesen …

Löschs Inszenierung skelettiert die Romanhandlung radikal. Dessen psychologische Dimension entfällt, die Charaktere werden ausschließlich durch soziale Umstände motiviert. Diverse Aktualisierungen sind natürlich keineswegs ironiefrei. Eine Gangsterbande, die im Roman ein Pelzdepot ausräumt, schleppt hier Geldsäcke, deren Logo – Quadrat mit Querstrich – sie als Eigentum der Deutschen Bank verrät.

Dabei tragen die Diebe Masken und Kostüme von Disneys Panzerknackern. Und als die Banksäcke sich auf dem Münzenboden stapeln, wird klar: Der Bühnenraum, das ist der Tresor von Dagobert Duck. Dem Milliardär aus Entenhausen gehört Berlin. Da kann man nur zusammenbrechen. In solcher Welt helfen keine Engel und Geister mehr. Deshalb wendet sich der zerstörte Biberkopf ans Publikum. Er geht durch die Reihen, beteuert, wie gerne er die Privilegien der Zuschauer hätte: Abitur, eine Ausbildung, ein Auto, eine Wohnung im Grunewald. Er möchte auch mal eine Milliarde veruntreuen und dafür gut bezahlt werden.

Die Inszenierung zeigt, daß Döblins Romanstruktur das „Berlin von unten“ weiterhin (oder wieder) treffend beschreibt, daß sie immer noch die „göttliche Komödie“ des großstädtischen Underground offenbart. Und daß seine Aktualisierung mühelos gelingt.

Die nächsten Vorstellungen an der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153, finden statt am 18./19. Dezember sowie am 1., 8., 10., 11. und 12. Januar 2010, jeweils um 20 Uhr. Telefon: 030 / 8 90 02-0, E-Post: ticket@schaubuehne.de

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