Joachim Kuhs

 

Allzu modische Deutungen

Noch heute entdeckt man in Spanien Massengräber, die aus der Zeit des Bürgerkriegs stammen. Vor siebzig Jahren endete jene blutige Tragödie, bei der mindestens 400.000 Menschen ihr Leben verloren. Spanische Demokraten verschwiegen nach Francos Tod den Bürgerkrieg, da sie Konflikte scheuten. Trotzdem sollte niemand dieses wichtige Kapitel der Geschichte ignorieren. Helen Graham verfaßte dazu eine informative Darstellung. Der militärische und politische Ablauf des Bürgerkriegs steht im Zentrum. Jedoch ist das analytische Fundament zu schmal konstruiert und enthält einen doppelten Fehler. Graham erörtert nicht die ältere spanische Geschichte, sondern verpflanzt aktuelle Themen in das Spanien der dreißiger Jahre. Warum kennzeichnete enorme Rückständigkeit die verarmte, große Nation? Genauso bleibt zu klären, weshalb viele Angehörige der Oberschicht die Republik ablehnten. Beide Schlüsselfragen beantwortet Graham nicht. Die Ursachen der Misere wurzeln in einem spezifischen Denken, das seit dem Mittelalter entstanden war. Unter anderem ist hier die Geringschätzung wirtschaftlicher Produktivität zu berücksichtigen, aber auch der geistig lähmende Katholizismus, das feuerrote Banner der Inquisition, die Spanien lange terrorisierte. Statt historisch zu argumentieren, sieht Graham in der spanischen Republik den „Multikulturalismus“ vertreten. Dagegen repräsentierte Franco kulturellen „Monismus“. Unberührt läßt sie die Tatsache, daß an der Seite der Putschisten „maurische“ Söldner kämpften, die zahlreiche Greueltaten begingen. Als Leibwächter dienten Franco ebenfalls Moslems. Daß franquistische Offiziere autoritär herrschten, im republikanischen Lager jedoch zerstrittene Gruppierungen existierten, hat mit „multikulturellen“ Visionen absolut nichts zu tun. Der Bürgerkrieg resultierte aus geschichtlichen Fehlentwicklungen einer spanischen Kultur. Oberflächlich zu aktualisieren, entspricht eher selten dem Vorgehen britischer Historiker. Am gründlichsten betrachtet die Autorin das internationale Umfeld; es ermöglichte Francos Sieg. Skrupellos agierte Großbritannien, dessen politische Klasse die Republik fallenließ. Sie wurde nicht nur deshalb geopfert, weil London kriegerische Verwicklungen mit Deutschland und Italien, die Franco unterstützten, vermeiden wollte. Reiche Engländer glaubten ihre spanischen Besitztümer bei dem „Caudillo“ besser aufgehoben. Auch gab es verwandtschaftliche Beziehungen zwischen parasitären Granden und der Tea-Time-Oberschicht. Helen Graham: Der spanische Bürgerkrieg. Reclam Verlag, Stuttgart 2008, broschiert, 232 Seiten, 6,60 Euro

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