Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Zwischen Jurte und Hotelzimmer

Nicht zu Unrecht bemerkte man im Zeitalter der — längst nicht mehr so positiv bewerteten — Globalisierung eine Tendenz zu einem neuen „sekundären“ Nomadentum: Der „Arbeitsplatznomade“ zieht von einem Job zum nächsten, und die gesichtslosen Gebäudekomplexe, die auf ihren „Büroflächen“ bald diese, bald jene Firma beherbergen, stehen in den Vororten oft wie riesige gläserne Zelte, die, wenn wieder woanders „investiert“ werden soll (oder auch, wenn der eben noch von der Politik hofierte Investor plötzlich bankrott ist), so schnell verlassen werden können, wie sie hochgezogen wurden. Die Unterschiede zu den „primären“, „echten“ Nomaden, wie man sie noch zum Beispiel in der Mongolei oder der russischen Republik Tuwa findet, bestehen aber nicht nur darin, daß deren Zelte nicht die Landschaft verschandeln und wieder abgebaut werden, wenn ihre Bewohner weiterziehen. Ungeachtet ihrer nichtseßhaften Lebensweise verfügen diese über ein erstaunliches Heimatgefühl, das ihren postmodernen Vettern längst abhanden gekommen ist: „Die Rückkehr“ ist der soeben erschienene Roman des tuwinischen Stammesoberhauptes und deutschsprachigen Bestsellerautors Galsan Tschinag betitelt, und der Untertitel „Roman meines Lebens“ erhebt die Wiedergewinnung der Heimat im mongolischen Altai-Gebirge zum Schlüsselerlebnis des in der Fremde berühmt gewordenen, mit Literaturpreisen und Bundesverdienstkreuz ausgezeichneten Schriftstellers. Der Altai ist nicht nur in der Mythologie der turksprachigen Tuwiner der Mittelpunkt der Welt und wird noch heute durch „Owoo“ genannte Steinmäler geehrt, an denen man Opfer darbringt, sondern Tschinag umkreist ihn auch in vielen seiner Bücher, etwa in „Der weiße Berg“, das dem Erwachsenwerden eines Nomadenjungen gewidmet ist, der lieber Schamane werden als die sowjetischen Schulen besuchen möchte. Unter dem Titel „Mein Altai“ sind seine wichtigsten Erzählungen versammelt. Da der 1944 im mongolischen aimag (Provinz) Bajan-Ölgii geborene Autor auch in den etwas weniger persönlich gehaltenen Werken immer wieder seine archaisch-moderne, zwischen der Identität des Schamanen und gütig-gestrengen Stammespatriarchen und der des promovierten Literaturdozenten ausgespannte Biographie verarbeitet, dürfte die verlegerische Bewerbung seines neuesten Romans als „lang erwartete Autobiographie“ bei Tschinag-Lesern kein Aha-Erlebnis hervorrufen. Er ist Schamane und Literaturdozent Selbst sein sprachgewaltiger historischer Roman über „Die neun Träume des Dschingis Khan“ ist von einer so starken Empathie mit dem bis heute in der Mongolei verehrten Welteroberer geprägt, daß man „Die Rückkehr“ umgekehrt beinahe als „Die neun Träume des Galsan Tschinag“ bezeichnen möchte: Auch dort läßt ein alternder Mann aus dem abgelegenen Herzen Asiens (in der Republik Tuwa liegt der geographische Mittelpunkt des Kontinents), der sich zwar kein Weltreich, aber immerhin einen Studienplatz in Leipzig und später eine große Lesergemeinde erobert hat, sein Leben Revue passieren. Träume verweben sich mit Gedanken, Realitäten mit Reflexionen, und aus der Vergangenheit tauchen Stationen und Ereignisse seines Lebens auf: die Studienjahre in der DDR, seine Tätigkeit als erster Germanistikdozent in der Mongolei, der zeitweise an allen vier Universitäten des Landes gleichzeitig unterrichtete, und der Entzug seiner Lehrerlaubnis wegen „politischer Unzuverlässigkeit“, ein Besuch beim Dalai Lama, bei dem dieser dem eben erst von einer Operation Genesenen sein Bett für eine Ruhepause anbot, das zeitweilige Abgleiten in eine rein kommerzielle Tätigkeit als Inhaber eines Reisebüros nach der Wende. Schließlich erfüllte sich sein Lebens­traum, als er 1995 — nun als Stammesführer tatsächlich ein klein wenig in die Fußstapfen des großen Mongolenherrschers tretend — sein Volk in einer Karawane aus Lastwagen, Eseln und Kamelen aus Sibirien in den Altai zurückführte, wo es die alte nomadische Lebensweise wieder aufnahm. „Zeitchen später“, wie er sich in seiner für den deutschen Leser manchmal etwas fremdartigen, bisweilen kauzigen, stets jedoch souverän beherrschten Sprache gerne ausdrückt, kehrt er auch selber mit seiner Frau dauerhaft zu seinem Volk zurück, nachdem er meist zwischen Deutschland und der mongolischen Hauptstadt Ulan-Bator hin- und hergependelt war, ärgert sich mit Behörden herum, schlichtet Streitigkeiten zwischen rivalisierenden Schamanenschülerinnen und bemüht sich, sein Volk neu zu verwurzeln. Ganz kann er das Pendeln zwischen heimatlicher Jurte und deutschem Hotel indes doch nicht lassen; Lesereisen, Buchmessen und Ehrungen wie die aktuelle Verleihung des Literaturpreises des Bundesverbandes der Deutschen Industrie am 18. Oktober nötigen den Heimgekehrten immer wieder zum sekundären Nomadentum des im Kulturbetrieb tätigen Intellektuellen. Aber was heißt schon „primär“ und „sekundär“ bei einem nicht nur in eine Richtung migrierenden „Migrantenschriftsteller“, der tatsächlich ständig Grenzen überschreitet, statt nur davon zu reden: als Autor die Sprachgrenzen, als politischer Dissident die von der Obrigkeit festgesetzten Verhaltensmaßregeln, als Stammesführer die Landesgrenzen und als praktizierender Schamane diejenigen zwischen Diesseits und Anderswelt? Gewiß kokettiert der gerne mit schwarzer Fell- oder folkloristisch bunter Filzmütze auftretende und oft — wie auf dem Cover des neuesten Buches — vor einem blaugrauen Himmel mit ziehenden Wolken fotografierte Autor auch ein bißchen mit seiner trotz der kulturellen Gratwanderungen offenbar unangekränkelten Authentizität. Um diese beneidet ihn sicher mancher deutsche Leser, der ihn womöglich für seine Naturverbundenheit lobt, wenn der Dichter den „Ewigen Blauen Himmel“ — die Erscheinungsform des alten mongolischen Himmelsgottes Tengri — beschwört, und nichts Schlimmes dabei findet, wenn er sich als „Splitter vom Knochen“, „Fetzen vom Fleisch“ und „Tropfen vom Blut“ seines Volkes fühlt, während man einen deutschen Schriftsteller für solche Aussagen einer verabscheuungswürdigen „völkischen“ Gesinnung zeihen würde. „Splitter vom Knochen“, „Fetzen vom Fleisch“ Denn obgleich hier von Fleischfetzen die Rede ist, hält Tschinag von der bei uns üblichen Selbstzerfleischung überhaupt nichts und ermahnt sich daher sinnierend, wenn der reflexive Geist ihn von der unmittelbaren Wahrnehmung des Wirklichen abhält und diese allzu sehr zergliedert, die „Selbstzerfleischung den Deutschen“ zu lassen, „an welchen du dich wohl angesteckt hast“. Fleisch und Knochen sind also, wenn man sich eine solche Terminologie wenigstens mit Blick auf einen zentralasiatischen Stammesführer erlauben darf, noch ziemlich fest mit dem „Volkskörper“ verbunden, und wenn einmal etwa ein Schlüsselbein eines seiner jungen Clan-Mitglieder bei einem Sturz vom Pferd nach innen gedrückt wurde, dann kommt der alte Schamane und renkt den Knochen mit einer recht rabiaten Methode wieder ein. Ob er uns eine solche Kur auch verordnen kann, wenn wir mit gar zu eingedrückter Brust herumlaufen oder uns zerfleischen und in unseren Eingeweiden wühlen? Wir sollten ihn danach befragen. Galsan Tschinag: Die Rückkehr. Roman meines Lebens. Insel Verlag, Frankfurt/Main und Leipzig 2008, gebunden, 255 Seiten, 19,80 Euro

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