Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Wie Feuer und Holz

Potala
Potala-Palast in Tibet Foto: Pixelio

In ihrer heutigen Form besteht die tibetanische Tradition seit der Einführung des Buddhismus im 7. Jahrhundert. Es war die Hochzeit des damaligen tibetischen Königs Songtsen Gampo mit Prinzessinnen aus zwei Nachbarländern, die diesen Umschwung herbeiführte: mit einer nepalesischen und einer chinesischen Infantin. Glaubt man der modernen chinesischen Interpretation, so war hierbei nur die Ankunft der chinesischen Prinzessin – Wen Cheng – von Bedeutung. Als sie im Jahre 641 ins „Schneeland“ kam, brachte sie in ihrem Gefolge  Bauern, Handwerker, Pharmakologen, Astrologen, buddhistische Mönche und nicht zuletzt jene Sakyamuni-Statue mit, die noch heute als Allerheiligstes in der Hauptkathedrale des Lama-Buddhismus, dem Jokhan in Lhasa, aufgestellt ist und dort täglich von Tausenden von Pilgern mit Gebeten, Weihrauch und Opferbutter verehrt wird.

Kein Wunder, daß die Wen-Cheng-Tradition auch vom modernen Peking immer wieder beschworen wird, ja sogar als einer von mehreren Legitimationsgründen für ein Recht auf Tibet herhalten muß, selbst wenn das heutige China mit dem China der damaligen Tang-Dynastie nur noch wenig zu tun hat.

Die Bekehrung der Tibeter zum Buddhismus war ein entscheidendes Ereignis, das eine ähnliche kulturelle Leistungsexplosion auslöste wie die Reformation Luthers im Deutschland des 16. und 17. Jahrhunderts: Es entstand eine klassische tibetische Einheitssprache, die die Dialekte zwar nicht verdrängte, die aber neben dem buddhistischen Bekenntnis zum einigenden Band für die über weite Teile Zentralasiens verstreuten tibetischen Gemeinden wurde. Es bildete sich ferner die – auch für Außenstehende auf Anhieb erkennbare – tibetische Schrift heraus, die ihren Ursprung indischen (Brahmi-)Vorbildern verdankte, und es entstand nicht zuletzt eine tibetische Literatur, die sich hauptsächlich theologisch-buddhistischer Themen annahm, die aber auch populäre Stoffe aufgriff und unter anderem das Gesar-Epos hervorbrachte, das Herzstück der tibetischen Literatur.

Herausbildung des Tibetischen Buddhismus

Vor allem aber bildete sich eine Sonderform des Buddhismus heraus, die unter verschiedenen Bezeichnungen (Tantra-, Lama- oder Vajrayama-Buddhismus) bekannt geworden ist und die klassische Formen der buddhistischen Glaubenslehre mit vorbuddhistischen Elementen einheimischer Herkunft verschmolz.

Der Tantra-Buddhismus will die Erlösung des Menschen beispielsweise, anders als das Theravada, nicht durch Abtötung der Begierden und auch nicht durch göttliche Gnadenerweise (Mahayana), sondern dadurch herbeiführen, daß der Einzelne mit Hilfe expliziter Meditationspraktiken selbst zu einem Teil des Göttlichen wird – und damit magische Kräfte erlangt, die wiederum nicht nur ihm selbst, sondern seiner gesamtem sozialen und natürlichen Umgebung auf heilsame Weise zugute kommen. Erlösung wird herbeigebannt, und zwar mit Hilfe theologischer, medizinischer, astrologischer und anderer Methoden, die in Tantras, das heißt einschlägigen Textbüchern aufgezeichnet sind und deren Inhalte zum Teil aus vorbuddhistischen Traditionen Tibets stammen. Da der Inhalt dieser Lehren den Laien in aller Regel überfordert, rückten immer mehr gelehrte Mönche (Lamas) in den Vordergrund und begannen so einflußreich zu werden, daß sich nach und nach eine – auch politische – Vorherrschaft geistlicher Orden herausbildete. Einer von diesen, der „Gelbmützen-Orden“, konnte mit der Inthronisierung eines Dalai Lama im 17. Jahrhundert die bis 1951, das heißt bis zum Einmarsch der Chinesen bestehende caesaro-papi­stische Tradition begründen.

Verhältnis wie Feuer und Holz zueinander

All diese Traditionen drohen definitiv verlorenzugehen, wenn die Tibeter sinisiert werden. Nach wie vor gilt die Aussage des XIV. Dalai Lama, daß Tibet und China zueinander sich verhalten wie Feuer und Holz.

Die kulturelle Andersartigkeit des Himalaya-Staats tritt bisher noch in den verschiedensten Aspekten zutage: Die „Große Tradition“ Tibets ist geprägt durch den Lamaismus, der wiederum seine Hauptimpulse dem indischen Kulturkreis verdankt – auch wenn die ersten Samenkörner des Buddhismus wie oben erwähnt  im tibetischen Hochland nicht von Indern, sondern von den Chinesen ausgesät wurden. Die Qing-Kaiser haben zwar den Lamaismus systematisch gefördert (Peking wurde im 18. Jahrhundert unter anderem zum Hauptverlagsort für lamaistisches Schrifttum); doch handelte es sich hierbei nicht um eine Konvergenz tibetischer und chinesischer Traditionen, sondern vielmehr um einen Versuch der Qing-Kaiser, die „barbarischen“ Nomadenvölker Zentralasiens mit Hilfe des Lamaismus aufzuweichen. Theokratische Einrichtungen, wie sie vor allem die Gelbe Kirche hervorgebracht hat, finden in China nirgends eine Entsprechung. Der chinesische Kaiserkult beruhte auf völlig anderen Vorstellungen, die unter dem ideologischen Vorzeichen des Konfuzianismus standen.

Auch im Bereich der Kleinen Tradition unterscheiden sich China und Tibet in einer schon fast antipodenhaften Weise: Man denke an die so grundverschiedenen Wirtschaftsformen (hie Landwirtschaft, dort Viehzucht), an Ernährung, Kleidung und Wohnweise, an die Form der Geisterverehrung, die in China so gar keine Entsprechung findet („Geisterfallen“, Ladse-Steinhaufen, Gebetsfahnen, Gebetsmühlen, Amulette), an die verschiedenen Formen der Beerdigung („Himmelsbeerdigung“ in Tibet), an die „Zürnenden Gottheiten“, an die Göttinnen (Taras), an die lamaistische Ikonographie mit ihren erotischen Darstellungen, an die Kultgegenstände (Glocke und Donnerkeil, Zauberdolch, Yakschweif-Standarten, Gebetsmühlen und  wimpeln), an die Butteropfer oder an die Mani-Mauern.

Kurzum: Wohin man blickt, zeigen sich beide Kulturen in extremer Verschiedenheit. Lediglich beim Kumbum-Kloster (chin.: sierta) in der heutigen Provinz Qinghai gibt es gewisse architektonische Überblendungen von chinesischen und tibetischen Traditionen. Dieser Synkretismus aber ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme.

Prof. Dr. Oskar Weggel, Jahrgang 1935, Referent am Institut für Asienkunde in Hamburg mit dem Forschungsschwerpunkt Volksrepublik China und Indochina, gilt als einer der führenden Asienexperten Deutschlands. Er veröffentlicht regelmäßig in den Zeitschriften „China aktuell“ und „Südostasien aktuell“, ist als Kommentator in Rundfunk und Fernsehen tätig und hat bisher über zwei Dutzend Asien-Bücher verfaßt, vor allem über China.

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