Gespür für das Elend in der Stunde Null

In der ständigen Ausstellung des Deutschen Historischen Museums im Berliner Zeughaus sind Selbstmordszenen aus dem Jahr 1945 mit der Erläuterung zu sehen, bei Kriegsende hätten "rund 200.000 Deutsche" ihrem Leben ein Ende gesetzt, vornehmlich "weil der propagierte Endsieg ausblieb und sie viel zu sehr in die NS-Verbrechen verstrickt waren". Mit solch geistiger Schlichtheit und moralisierender Abgebrühtheit nähern sich über sechzig Jahre danach Exegeten des offiziösen Geschichtsbildes der Bundesrepublik Deutschland der historischen Wirklichkeit des Jahres 1945.

Der britische Historiker Giles MacDonogh benennt die Fakten, beispielsweise anhand des Berichts der Mutter der Journalistin Ursula von Kardorff. Auf ihrem Familiengut in Mecklenburg gingen nach dem Einfall von Kosaken drei Verwandte in den Tod, in einem Nachbardorf erschoß eine Frau fünfzehn Familienmitglieder, ehe sie sich selbst ertränkte. In Güstrow verlas der Pastor Sonntag für Sonntag die langen Todeslisten. Andere Russen erwiesen sich als menschlich und hilfsbereit, einige besuchten gar den Gottesdienst.

Der Autor hat sich mit Büchern über Adam von Trott zu Solz, über Preußen, Friedrich den Großen, Kaiser Wilhelm  einen Namen gemacht. Sein Interesse an den deutschen Dingen wurde in jungen Jahren durch Bekanntschaft mit Heinrich Böll, später mit Ernst Jünger genährt. Zu seinen Freunden zählen Karl-Heinz Bohrer und dessen Frau Angela, eine Tochter des 20.-Juli-Verschwörers Fritz-Dietlof von der Schulenburg.

Persönliche Perspektive als Zugang

Die persönliche Nähe zu manchen  Zeitzeugen und Zeitgenossen mag für die Perspektive des Buches bestimmend gewesen sein. Dem Autor geht es nicht um die übliche Abrechnung mit den Deutschen als „Tätervolk“, sondern um die Rekonstruktion der so entsetzlichen wie banalen Fakten des Grauens, welches sich den Siegern wie den meisten Deutschen erst mit der Befreiung der Lager 1945 eröffnete. Selbst Gertrud Jaspers, die jüdische Gattin des Philoso-phen, hatte, obgleich noch vor Kriegsende in den Untergrund geflüchtet, außer einem tiefen Verdacht keine reale Vorstellung von Ausmaß und Praxis der NS-Verbrechen.

Hinsichtlich der unter manch deutschen Historikern („published historians“) populäre These, die Deutschen hätten bekommen, was sie verdient hätten, hält MacDonogh fest, daß Hitler in freien Wahlen nie mehr als 37,4 Prozent der Stimmen erhalten habe. „Alle Deutschen für den relativ sanftmütigen (docile) Hitler des Jahres 1933 verantwortlich zu machen, heißt die alliierte Waffe der Kollektivschuld anzuwenden.“

Der Großteil des Buches besteht aus der Darstellung des von Entsetzen, Hunger, Tod, Not, Chaos, Angst und Hoffnung geprägten „Alltags“ der Jahre 1945 bis 1948. Als Quellen dienen weithin die einschlägigen Tagebücher und Erinnerungen (Margret Boveri, Ruth Andreas Friedrich, Hans Graf Lehndorff, Ernst Jünger etc.), die Berichte von Victor Gollancz (The Ethics of Starvation, 1946; In Darkest Germany, 1947), der „Deutschlandbericht“ Carl Zuckmayers, dazu weniger bekannte Texte wie von Tisa von der Schulenburg. Als die Schwester des Verschwörers im Rundfunk am 20. Juli 1945 eine von Programmdirektor Hugh Carleton Greene (dem Bruder des Romanciers) gestaltete Sendung zum gescheiterten Attentat hörte, brach sie zusammen. „Alle meine Brüder waren tot. Meine Heimat war verloren.“ Sie ging 1948 ins Kloster.

Nüchterner Sprachstil

Was das Buch, geschrieben für englischsprachiges Publikum, für Deutsche lesenswert macht, ist seine britische Nüchternheit, im Stil distanziert bis ironisch, zugleich mit Empathie für die Leiden der Besiegten: „Dieses Buch beabsichtigt nicht, die Deutschen zu entschuldigen, aber es zögert nicht, die siegreichen Alliierten in der Behandlung des Feindes in Friedenszeiten bloßzustellen, denn in den meisten Fällen waren es nicht die Verbrecher, die vergewaltigt wurden, die man verhungern ließ, die gequält und zu Tode geprügelt wurden, sondern Frauen, Kinder und alte Männer.“ Der Autor verzichtet auf die Technik selektiver Wahrnehmung.

Zur Realdialektik der Befreiung: MacDonogh schildert die Horrorszenen, die sich den Briten in Bergen-Belsen, den Amerikanern in Ohrdruf, Buchenwald und Dachau darboten. Es folgen die Bilder des von den Besiegten erlittenen Schreckens. Nach der Vergewaltigung der Nonnen in Klosterbruck (Kreis Oppeln) notierte ein Priester: „Der neue Satan behauptet katholisch zu sein und redet immerzu von Tschenstochau.“ Bezüglich der Vertreibungen schreibt MacDonogh: „Die katholische Hierarchie (sowohl in Polen wie im Vatikan) benahm sich besonders feige – die Kirche hatte ihre Universalität vergessen.“ „Es ist schwer, mildernde Umstände zur Entschuldigung für Beneš zu finden, außer (…) daß er alt und krank war und glaubte, er könne die Kommunisten besiegen, indem er selbst den Terror entfesselte.“

Unliebsame Fakten

Das Buch nennt andere unliebsame Fakten: Von den hehren Grundsätzen der Atlantic-Charta blieb auf den Kriegskonferenzen nichts mehr übrig. Die Teutonophobie des US-Präsidenten Roosevelt traf bei Churchill, der wie viele „Prussianism“ und Nazismus gleichsetzte, auf Seelenverwandtschaft. Wladyslaw Palucki, Mitglied der polnischen Exilregierung in London, forderte schon 1942 die Oder-Neiße-Grenze. Churchill redete in Jalta gegenüber US-Außenminister Byrnes schon von neun Millionen zu vertreibenden Deutschen. Ein Jahr nach Potsdam machte Byrnes in der Stuttgarter Rede (6. September 1946) bezüglich der Oder-Neiße-Gebiete den Deutschen wieder Hoffnungen. Anders als in vielen Darstellungen kolportiert, waren Massaker von Kriegsgefangenen keine deutsche Spezialität. Vergewaltigungen kamen beim Einmarsch der Amerikaner nicht gar so selten vor. Die Zahl der Toten auf den Rheinwiesen im Frühjahr und Sommer 1945 schätzt der Autor auf 40.000. Fast allen (137 von 139) wegen Gefangenentötung im Malmedy-Prozeß Angeklagten der SS-Panzereinheit unter Kommandeur Jochen Peiper wurden im Verhör die Hoden zerschlagen. Eine Hungerdemonstration Münchner Studenten (1948) wurde von Überlebenden der Weißen Rose  organisiert. Nicht ohne Grund nannte der Volksmund in Frankfurt das US-Hauptquartier, etabliert im IG-Farben-Gebäude, „Pharisäer-Ghetto“.

Zur Lektüre empfohlen seien die Kapitel über die Befreiung Österreichs als des „ersten Opfers der Nazi-Aggression“. Für den Tory Anthony Eden – er kam mit Stalin besser zurecht als der Proletarier Ernest Bevin – bestand die in England versammelte österreichische Emigration aus „5 Habsburgern und 100 Juden“. RSHA-Chef Ernst Kaltenbrunner, von Hitler zur Niederwerfung des österreichischen Widerstands entsandt, bemühte sich in Parallelaktion  zu der von Stalin eingesetzten Regierung unter dem Anschluß-Befürworter Karl Renner, um die Bildung einer Regierung mit dem Salzburger Erzbischof und dem Sozialdemokraten (nicht Christ-Sozialen!) Karl Seitz. „Der Nazismus war ein ausschließlich deutscher Gebrauchsartikel geworden, und Nazis waren darum Deutsche oder Deutsche ehrenhalber.“ Der selbsternannte Außenminister Karl Gruber (1945-1953) wollte alle „Reichsdeutschen“ vertreiben und forderte gar Reparationen. 

Ein faires, mutiges, „inkorrektes“ Buch. Im Falle einer zweiten Auflage oder einer Übersetzung ins Deutsche sollten Fakten- und Namenfehler – in einem voluminösen Buch wohl unvermeidlich- korrigiert werden. Auf der eingangs eingefügten Mitteleuropa-Karte sollten die „Riesengebirge Mts“ an ihrem richtigen Ort eingetragen werden, Komotau, Oppeln, das Frische Haff in präziser Orthographie. 

Giles MacDonogh: After the Reich. The Brutal History of the Allied Occupation. Basic Books, New York 2007, gebunden, 618 Seiten, 32 US-Dollar

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles