Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

West-Berliner Todesfugen

Schweifte während einer Vorlesung an klaren Herbst- oder Winternachmittagen der Blick des gelangweilten Studenten ab und aus den Westfenstern der Musikhochschule in der Otto-Grotewohl-Straße, vormals und heute wieder Wilhelmstraße, so konnte er den Mercedesstern auf dem Dach des Europa-Centers im Lichte der untergehenden Sonne rot und golden aufflammen sehen. Dort war das Zentrum West-Berlins, des Stachels im Fleische des Sozialismus: der Bahnhof Zoo, wo die Reisenden, die der Tränenpalast Friedrichstraße verschluckt hatte, von der S-Bahn wieder ausgeworfen wurden, die berühmte Heinrich-Heine-Buchhandlung unter der S-Bahn, wo sich Heiner Müller bei seinen Exkursionen in die andere Hälfte seiner Tragödienwelt mit neuesten Merve-Bänden versorgte, Berliner Zoo, Tauentzien mit Kaufhaus des Westens, dem KaDeWe, Kudamm mit Café Kranzler und Schaubühne, aber als eigentliche Mitte der Breitscheidplatz mit Europa-Center, Schimmelpfeng-Haus und Zoobogen — und mitten auf dem Platz Kirche, Kapelle, Glockenturm und Foyer, die eine Ruine umschließen, unerreichbar für den Ostberliner, doch als Postkartenmotive wohlvertraut. Als sich der kollektive Taumel des November ’89 — „Wahnsinn! Wahnsinn!“ — legte, die Brüder und Schwestern aus dem Osten nicht mehr länger den Kudamm verstopften,  kam Katerstimmung auf. Der alte Westen hatte sein Zentrum verloren. Die Berliner Politik wird im Roten Rathaus gemacht, die Bundespolitik in Reichstag und Regierungsviertel, der Hauptbahnhof ersetzt den Bahnhof Zoo, der Tierpark Friedrichsfelde macht dem Zoo auch ohne Eisbär Knut Konkurrenz, die Friedrichstraße dem Tauentzien und Kudamm, der Potsdamer dem Breitscheidplatz. Berlins neue Mitte ist seine alte, und die liegt im Osten Berlins, wohin allenfalls der Mercedesstern auf dem Europa-Center hinüberleuchtet. An Zoobogen und Breitscheidplatz aber haben sich Mc Donald’s und Dunkin’ Donuts, Gyrosland und Chinarestaurants, Fußball- und Ein-Euro-Shop, Souvenirläden, breitgemacht. Unter den Taschendieben, Bettlern, Strichern und Junkies hat eine ethnische Umschichtung stattgefunden. Die Buchhandlung ist längst geschlossen, und auch Christiane F. soll wieder auf Droge sein. Der Berliner quert den verkommenen Platz, um von einem Ort zum andern, der Tourist, um von einer Sehenswürdigkeit zur andern zu gelangen. Zum Verweilen lädt er sowenig ein wie die gräuliche Außenhaut des Gebäudeensembles zur Einkehr. Das Ingenium des Breitscheidplatzes und seiner Kirche ist heute nur noch zu erahnen. Dieses Ensemble, wie es sich uns heute darstellt, ist das Ergebnis einer wortgewaltigen Architekturdebatte der deutschen Nachkriegsgeschichte, die 1957 über den Umgang mit der kriegszerstörten Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche entbrannt war. Der Architekt Egon Eiermann hatte die erhaltene Ruine des Westturms abreißen lassen wollen, so wie er bereits das Kaufhaus Schocken von Erich Mendelsohn in Stuttgart hatte abreißen lassen, um Platz für seinen Kaufhausneubau im Auftrag der Horten AG zu schaffen. Ein Proteststurm der West-Berliner verhinderte die neuerliche Barbarei. Sie durften ihren „hohlen Zahn“ behalten und bekamen „Lippenstift und Puderdose“ dazu, später dann noch den „Wasserklops“, den Weltkugelbrunnen, das Gegenstück zur Urania-Weltzeituhr der Ost-Berliner. Vier Monate nach dem Mauerbau weihte Landesbischof Otto Dibelius die neue Kirche. Mit den Jahren nahmen die West-Berliner ihre „Eierkiste“ an; die Gedächtniskirche als Werk der Nachkriegsmoderne mit Franz Heinrich Schwechtens neoromanischem Turmstumpf wurde zu einer Stätte der Mahnung, Erinnerung, Versöhnung, zu einem Symbol des freien West-Berlin. Nun aber sind zu den Rissen in den Gewölbemosaiken der 1987 wiedereröffneten Gedächtnishalle, die absichtlich sichtbar gelassen wurden, neue hinzugekommen. In die Mörtelfugen der Fassade dringt Feuchtigkeit ein, gefrierendes Wasser könnte Gesteinsteile heraussprengen. Der hauptstädtische Autoverkehr gibt dem Turm den Rest. Er droht zu zerfallen, die Sanierung kann nicht länger aufgeschoben werden. Für die Erneuerung des Fugennetzes — etwa sieben Kilometer Fugen müssen neu verfüllt werden — veranschlagen Kirchengemeinde und Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche 3,5 Millionen Euro, ein Betrag, den sie alleine nicht aufbringen können. Der Berliner Senat hat das Problem des West-Berliner Zentrums durchaus erkannt, die Senatorin für Stadtentwicklung „Leitlinien für die City West“ vorgelegt und arbeitet mit Partnern im Bezirk an der Umsetzung. Der Autotunnel unter der Budapester Straße wurde zugeschüttet, dadurch das „Bikini-Haus“ wieder an den Platz herangerückt, seine Rekonstruktion — samt Wiederherstellung des Luftgeschosses, das dem Flachbau seinen Spitznamen gab — sowie die Umgestaltung des Zoobogens stehen bevor. Für die Sanierung der Kirche hat die Berliner Kulturverwaltung bei der Lottostiftung einen Antrag auf Mittel in Höhe von einer Million Euro gestellt. Um die Finanzierungslücke zu schließen, braucht es die Spendenbereitschaft der Berliner, und um die zu wecken, initiiert die Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Aktion um Aktion. So haben sich jüngst „12+1“ Künstler aus aller Welt mit Altem Turm und Gebäudeensemble auseinandergesetzt und ihre Werke in der Kapelle ausgestellt. Am Montag voriger Woche brachte sie das Auktionshaus Christie’s zur Versteigerung, der — deutlich unter den Erwartungen gebliebene — Erlös von 14.950 Euro soll für die Sanierung des Alten Turms zur Verfügung gestellt werden. Schon ab 100 Euro kann eine exklusive „Fugenpatenschaft“ übernommen werden. Der Fugenpate übernimmt Verantwortung für eine, seine, ganz spezielle Fuge, die exakt lokalisiert und namentlich zugewiesen wird. Eine Namensrolle mit allen Fugenpaten soll nach Abschluß der Sanierungsarbeiten in das Gebäude eingemauert werden. Aber Geld ist nicht alles. Den frontstädtischen Mief aus den Fugen spachteln, kann nur gelingen, wenn die West-Berliner das Gefühl verlieren, abgehängt, und die Ost-Berliner, okkupiert worden zu sein, wenn sie die Kosten für Aufbruch und Abbruch nicht länger einander vorrechnen, sondern West- wie Ost-Berliner staunend gewahr werden, was sie 1989 dazubekommen haben, und wenn sie ihre geteilte Geschichte teilen lernen. Doch zuförderst müssen sie eines ihrer Wahrzeichen retten, den städtischen Raum am Breitscheidplatz zurückerobern und bei seiner Neugestaltung laut mitreden. Nicht der Mercedesstern auf dem Europa-Center und nicht das Bayer-Emblem auf dem Zoo-Hochhaus sind seine Zeichen, sondern die Gedächtniskirche. Weiterführende Informationen im Internet unter www.gedaechtniskirche.com und www.ein-kirchturm-der-bewegt.de Für Spenden zur Rettung des Alten Turms wurde ein Spendenkonto eingerichtet: Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Berliner Bank, Kontonummer: 22222, BLZ 100 200 00 Foto: Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche: Berliner Wahrzeichen

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