Vom Boxring zur Bühne

Obwohl er seit sieben Jahren keinen Film mehr gedreht hat, ist er immer noch unumstritten und weit vor seinem Konkurrenten und Kumpel Alain Delon der beliebteste französische Filmstar. „Bébel“, wie ihn die Franzosen liebevoll nennen, verdankte seinen Aufstieg der sogenannten Nouvelle Vague, die in den späten fünfziger Jahren mit Regisseuren wie Claude Chabrol, Francois Truffaut und Jean-Luc Godard antrat, das französische Kino zu revolutionieren. Auf den jungen Jean-Paul Belmondo war Godard aufmerksam geworden, als er ihn in Marcel Carnés „Les Tricheurs“ (Die sich selbst betrügen , 1958) sah, einem düsteren Drama über eine Clique junger Leute aus großbürgerlichen Verhältnissen, die sich dem süßen Nichtstun, freier Liebe und kriminellen Abenteuern hingeben, bis einer von ihnen aus Ekel und Langeweile mit seinem Sportwagen in einen Lastzug rast. Godard war fasziniert von der drastischen Schilderung der in Existentialismus und Nihilismus schwelgenden Pariser Nachkriegsjugend, noch mehr aber von Belmondo, der zwar nur eine kleine Rolle spielte, aber die selbstzerstörerische Rebellion geradezu exemplarisch zum Ausdruck brachte. Er bot ihm die Hauptrolle in seinem Erstling „A Bout De Souffle“ (Außer Atem, 1959) an. Das Drehbuch stammte von Truffaut und erzählt die Geschichte des kleinen Ganoven Michel Poiccard, der ziellos in den Tag hineinlebt, obwohl ihm nach einem Polizistenmord die Fahnder dicht auf den Fersen sind. Schließlich wird er von seiner Geliebten Patricia (Jean Seberg) an die Polizei verraten und auf offener Straße erschossen. Vor seinem Ableben kann er aber Patricia noch den berühmten, allen Kinokonventionen widersprechenden und doch zur Legende gewordenen Schlußsatz: „Du bist wirklich zum Kotzen!“ an den Kopf werfen. Belmondo wurde durch „Außer Atem“ über Nacht zum Star und zur Identifikationsfigur eines jungen Publikums, das angestrengt auf der Suche nach einem modernen Anti-Helden war. Damit war er zunächst auf die Rolle des rebellischen Außenseiters festgelegt, die er auch in Chabrols „A Double Tour“ (Schritte ohne Spur, 1959) ausfüllte, einem exakt berechneten Spiel um Macht, Familienterror, Gefühlsheuchelei und bourgeoise Rituale vor dem Hintergrund einer trügerischen Sonntagsidylle in der Provence. Doch stand er in flotten, turbulenten Abenteuerfilmen genauso seinen Mann. Solch eine Paraderolle spielte er als französischer Robin Hood in Philippe de Broccas „Cartouche“ (Cartouche, der Bandit, 1961), aber auch in „L’Homme De Rio“ (Abenteuer in Rio, 1963). Noch im gleichen Jahr spielte Belmondo in Jean-Pierre Melvilles Simenon-Verfilmung „L’aine des Ferchaux“ (Die Millionen eines Gehetzten) einen jungen erfolglosen Boxer in Diensten als Leibwächter und Sekretär eines Multimillionärs. Belmondo gelang hier eine bemerkenswert dichte und differenzierte Figurenzeichnung, und einige Kritiker bezeichnen diesen Film sogar als einen seiner besten. Tatsächlich hatte Belmondo, der am 9. April 1933 in Neuilly-sur-Seine als Sohn eines Bildhauers und einer Tänzerin geboren wurde, seit seinem 13. Lebensjahr selbst im Ring gestanden und wollte nach seinem Schulabschluß Profiboxer werden. Nach zwei Niederlagen gab er diese Pläne jedoch auf. Statt dessen erhielt er eine klassische Bühnenausbildung an dem bekannten Conservatoire d’art dramatique und spielte zunächst auf kleinen Wanderbühnen und später an Pariser Theatern. Nach „Borsalino“ (1970), einem Gangsterfilm, den er zusammen mit seinem Freund Alain Delon drehte, waren die meisten Belmondo-Filme der siebziger und achtziger Jahre anspruchslose Action- und Klamaukstreifen; seit den Neunzigern fanden seine Filme in der Regel keinen deutschen Verleih mehr. Ohnehin trat nun seine Bühnenarbeit im eigenen Théatre des Variétés in Paris in den Vordergrund, wo er seither in Komödien, aber auch klassischen Tragödien auftritt. Seinen 75. Geburtstag kann er jetzt trotz eines 2001 erlittenen Schlaganfalls bei guter Gesundheit feiern. Foto: Jean-Paul Belmondo in „Außer Atem“ (1959): Anti-Held

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