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Verrat als Staatsräson

Ein Leitender Redakteur und Ressortleiter der Berliner Zeitung ist als IM der DDR-Staatssicherheit enttarnt worden. Der Journalist Thomas Leinkauf, Jahrgang 1953, hatte nach derzeitigem Kenntnisstand als Student von 1975 bis 1977 Kommilitonen aus Ost und West bespitzelt. Dann stellte die Stasi die Zusammenarbeit mit ihm ein, wegen seines „unparteilichen Verhaltens“, wegen seiner Überheblich- und Disziplinlosigkeit.

Einen Studenten aus West-Berlin, den er aushorchen sollte, hatte er gebeten, für ihn Westliteratur einzuschmuggeln. Er war aus Sicht der Stasi also ein unsicherer Kantonist geworden. Mit anderen Worten: Er hatte zwischen seinem 23. und 25. Lebensjahr einen Reifeprozeß durchgemacht. Wenigstens das!

Besonders pikant an dem Fall ist jedoch, daß erst im Januar dieses Jahres in dem von Leinkauf verantworteten Magazin der Berliner Zeitung ein bösartig-diffamierender Artikel über die Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und deren Leiter Hubertus Knabe erschienen war, gegen den Knabe eine umfangreiche Gegendarstellung erwirkte.

Die Geographie wurde zum moralischen Verdienst

Immerhin: Die Stasi-Verstrickung hatte Leinkauf 1996 seinem damaligen Chefredakteur gebeichtet, ohne allerdings an die Öffentlichkeit zu gehen. Das wirft man ihm heute vor. Für das Schweigen sind eine Reihe von Gründen denkbar. Erstens gibt es Dinge, derer schämt man sich so sehr, daß man jede Erinnerung an sie am liebsten unterdrückt, sogar vor sich selbst. Zweitens wäre die wahrscheinliche Folge eines öffentlichen Geständnisses der Verlust des Arbeitsplatzes gewesen.

Drittens vollzog sich die „Stasi-Aufarbeitung“ innerhalb einer Ost-West-Konkurrenz. Wer im Westen geboren war, hatte allein dadurch einen billigen Vorteil, die Geographie wurde zum moralischen Verdienst, was einen Vorsprung beim Wettlauf um die lukrativen Posten bedeutete. Unter diesen Voraussetzung vollzog sich in den neuen Ländern der Eliten-Austausch. Nächst der Entindustrialisierung hat kein anderer Vorgang das innerdeutsche Verhältnis so sehr vergiftet wie dieser.

Wer in der DDR bespitzelt, gar ins Gefängnis gesteckt wurde, wird diese Erklärungsversuche zurückweisen. Die Enttarnung von Informellen Mitarbeitern der Stasi ist schließlich eine der seltenen Genugtuungen, die den SED-Opfern bleibt, und eine der wenigen Möglichkeiten, gegen die Renaissance der Linkspartei in die Offensive zu gehen. Doch als Vehikel der politischen Auseinandersetzung verliert das Stasi-Argument an Wirkung. Außerdem folgt es derselben erpresserisch-moralisierenden Logik, die man an der Vergangenheitsbewältigung der NS-Zeit kritisiert.

Stasi-Problematik aus historischer Distanz betrachten

Welchen Erkenntniszuwachs bringt es also, wenn 18 Jahre nach dem Mauerfall jemandem nachgewiesen wird, daß er zwischen seinem 23. und 25. Lebensjahr Spitzelberichte verfaßt hat? Daß es Leute gibt, die um eines Vorteils willen die eigene Großmutter verkaufen?

Balzacs „Menschliche Komödie“ (für Karl Marx das wichtigste Archiv zur Sittengeschichte der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft) ist voll von solchen Erzählungen. Es ist an der Zeit, die Stasi-Problematik aus historischer Distanz zu betrachten und sie in die Geschichte des Verrats im 20. Jahrhundert einzuordnen.

Verrat bedeutet einen Vertrauensbruch in Tateinheit mit dem Vortäuschen von Loyalität. Der Mensch des 20. Jahrhunderts war dazu in besonderer Weise konditioniert, weil sich – so Margret Boveri – „die Bindung des Menschen vom Konkreten (…), vom Geborgensein in der Familie, vom Zugehörigkeitsgefühl zum eigenen Volk, von der Liebe zur eigenen Nation“ im rasanten Tempo lösten.

„Jeder wird vor die Frage gestellt: Für wen, gegen wen bist du“

Neue Bindungen werden im Reich der Ideen gesucht, die sich zu Ideologien verdichteten. Die Konversion wurde dadurch vollzogen und beglaubigt, daß man die alten Bindungen verriet. Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der ideologischen Bürgerkriege und ist voll von Beispielen politischen Verrats. Der große Katzenjammer beginnt, wenn die Ideologien sich wie 1989 in Luft auflösen.

Der ideologische Weltbürgerkrieg ging 1945 als Kalter Krieg weiter. Sein Hauptschauplatz blieb Deutschland. Dort ging er jetzt mitten durch das besiegte, geteilte Land, betraf er auseinandergerissene Familien und desorientierte Menschen: In dieser Situation entfalteten die von den Siegermächten offerierten Ideologien eine enorme Anziehungskraft. „Dieser Krieg, in dem sich nationalstaatliche Ziele und ideologische Fronten manchmal überdecken, manchmal durchqueren, bildet die Szenerie in der heutigen Landschaft des Verrats.“

Als Margret Boveri diese Sätze Ende der fünfziger Jahre in West-Berlin niederschrieb, arbeitete in Ost-Berlin die Schriftstellerin Anna Seghers an ihrem Buch „Die Entscheidung“, einem sozialistischen Musterroman, mit dem sie erklärtermaßen zeigen wollte, „wie in unserer Zeit der Bruch, der die Welt in zwei Lager spaltet, auf alle, selbst die intimsten Teile des Lebens einwirkt: Liebe, Ehe, Beruf sind so wenig von der großen Entscheidung ausgenommen wie Politik oder Wirtschaft. Keiner kann sich entziehen, jeder wird vor die Frage gestellt: Für wen, gegen wen bist du.“ Damit war ausgedrückt, daß die DDR nur dann dauerhaft existieren konnte, wenn die Loyalität zu ihr alle anderen überwog.

Indoktrination zur Verstaatlichung des Gewissens

Was das lebenspraktisch hieß, kann man in dem Büchlein „Du und der andere neben Dir“ aus dem Jahr 1965 nachlesen. Darin gibt es eine Passage über das Gewissen, die letzte haltgebende Instanz, wenn Staat, Nation, Gesellschaft, Tradition versagt haben oder widerlegt sind.

Das eigene Gewissen, ist dort zu lesen, sei nicht unfehlbar, sondern Zweifeln und Schwankungen unterworfen. „In diesem Fall soll und muß man sich an seine Freunde, Eltern, an das Kollektiv wenden“, denn „auch das Kollektiv, die sozialistische Gemeinschaft hat ein Gewissen (…) Dieses größere Gewissen wird dann auch Rat wissen und helfen, die richtige Entscheidung zu finden.“

Das ist eine Indoktrination zur Verstaatlichung des Gewissens. Ziel war der treue Staatsbürger, der die Interessen des sozialistischen Staates als den höchsten Wert verinnerlicht hatte. Der Verrat wird hier zur Staatsräson. Diese bildet das Bezugssystem, innerhalb dessen individuelle Fehlentscheidungen wie die des Berliner Journalisten Thomas Leinkauf untersucht und auf ihre Konsequenzen hin bewertet werden müssen.

Auch in der Bundesrepublik neues Kollektivbewußtsein generalstabsmäßig geplant

Sollte der Westen davon völlig freigeblieben sein? Caspar von Schrenck-Notzing, Clemens Albrecht und andere haben detailliert nachgewiesen, daß auch in der Bundesrepublik ein neues Kollektivbewußtsein und neue Loyalitätsbezüge generalstabsmäßig geplant und implantiert wurden.

Ohne heimliche Absprachen, Karriereblockaden, Denunziationen, quasi-informelle Mitarbeit wird es auch dabei nicht abgegangen sein, was nur deshalb, weil es auf dem normalen Dienstweg oder sogar öffentlich erfolgte, keinen Skandal wert zu sein scheint.

Die Klärung der Frage, wie die Verrätereien in Ost und West miteinander korrespondierten, ist viel wichtiger als das nachträgliche Aufspüren drittrangiger IMs.

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