„Im Grunde ist es widerlich“

Herr Professor Zehm, Sie gehörten von Anfang an zu den schärfsten Kritikern der sogenannten Achtundsechziger-Bewegung.

Zehm: Ich war, als es losging, noch nicht lange im Westen. Gewissermaßen brühwarm war ich aus dem DDR-Zuchthaus – in das man mich wegen „Boykotthetze“ und wegen meiner Beziehungen zu Ernst Bloch vier Jahre lang eingesperrt hatte – ans Adorno-Seminar in Frankfurt am Main gespült worden, um dort zu promovieren.

Danach war ich als Redakteur ins Feuilleton der Hamburger Welt gegangen. Die Bewegung – die damals noch nicht „Achtundsechziger-Bewegung“ hieß, sondern „Studentenunruhen“, „Protest der unruhigen Jugend“, später „Kulturrevolution“ – kam mir vor wie eine Neuauflage des kommunistischen Zuchthausspuks, in greller Verkleidung. Es war ein Horror und ein Alptraum. Man mußte sich dagegen wehren.

Was stieß Sie besonders ab?

Zehm: Sowohl die Parolen wie auch die Form, in der sie skandiert wurden. Die Parolen waren überaus dürftig, hätten direkt aus dem Neuen Deutschland und aus Stalins „Kurzem Lehrgang“ stammen können – und von daher stammten sie ja auch wirklich. Sie hätten nie und nimmer in offener, gelassener Diskussion bestehen können.

Deshalb also das freche, bewußte Zerbrechen aller Anstands- und Umgangsregeln, die „Go-ins“, die „Sit-ins“, der Dauerschlag unter die Gürtellinie, die geradezu dämonische Insistenz, mit der Vorlesungen und Seminare in kreischende Happenings „umfunktioniert“ wurden.

„So etwas kannten wir nur allzu gut von drüben“

Die Bewegung richtete sich, wenigstens verbal, in erster Linie gegen den Krieg der USA in Vietnam. Hat das keinen Eindruck auf Sie gemacht?

Zehm: Anlaß für den Vietnamkrieg nach dem Ende der französischen Kolonialherrschaft war bekanntlich eine kommunistische Invasion; der kommunistische Norden wollte den nichtkommunistischen Süden gewaltsam schlucken, wie vorher in Korea. Das zu verhindern, waren die Amerikaner angetreten – ein völlig legitimer Beistandsakt, der auch jederzeit in Deutschland fällig werden konnte.

Daß die Achtundsechziger „gegen Vietnam“ waren, machte sie in meinen Augen nur um so dubioser, zumal ihre Demos von tausenden von Mao- und Ho-Chi-Min-Plakaten überwölbt waren. So etwas kannten wir nur allzu gut von drüben, wo man bei den ewigen Demonstrationen unentwegt Chruschtschow-, Ulbricht- und ebenfalls Ho-Chi-Min-Plakate herumschleppen mußte.

„Der Kern der Achtundsechziger-Bewegung war kulturrevolutionär im maoistischen Sinne“

Sie haben immer wieder darauf hingewiesen, daß die deutsche Achtundsechziger-Bewegung nicht nur US-amerikanische, kalifornische Vorbilder hatte, sondern mindestens ebenso viele fernöstliche, chinesische. Überschätzen Sie da nicht gewisse Äußerlichkeiten?

Zehm: Das glaube ich nicht. Die Ursache-Wirkung-Relation liegt auf der Hand, zeigte sich nicht nur in den Plakaten. Der Kern der Achtundsechziger-Bewegung war kulturrevolutionär im genauen maoistischen Sinne: ein grausamer Angriff auf hochkomplexe kulturelle Bestände.

Vorbild und Ratgeber war Mao Tse-tungs „große sozialistische Kulturrevolution“ von 1966, der „chinesische Holocaust“, wie Historiker heute sagen, dem nach vorsichtigen Schätzungen elf Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind, in erster Linie Intellektuelle, Hüter der Tradition, Lehrer und Familienvorstände.

Sie wurden gewaltsam von ihren Pulten und aus ihren Instituten geholt, man setzte ihnen hohe, spitze Ketzerhüte auf und stellte sie zum Verhöhnt- und Angespucktwerden auf Lastwagenladeflächen, man zwang sie, ihre Bücher und Tuschzeichnungen eigenhändig zu zerreißen, trieb sie zum „Scheißehäufeln“ auf die LPG-Felder oder in extra für sie eingerichtete Arbeitslager.

Unzählige knickten ein, beteten alsbald die irren Parolen der „Kulturrevolutionäre“ nach und schwenkten Maos „Rotes Büchlein“. Und in Deutschland erregte sich zum Beispiel ein Günter Herburger im Spiegel darüber, daß die Bonner Regierung den chinesischen Behörden nicht folgte und hiesigen „Kulturrevolutionären“ keine mobilen Feldküchen für ihre Kampagnen zur Verfügung stellte.

„Es war nichts anderes als ein globaler Angriff auf den Geist“

Ihrem Doktorvater Adorno und vielen anderen Wissenschaftlern hierzulande erging es letztlich nicht viel besser als den chinesischen Intellektuellen.

Zehm: Es stimmt, auch Adornos Institut wurde „besetzt“, Adornos Vorlesungen gesprengt bzw. in obszöne Happenings umfunktioniert. Statt feinsinniger Kritik gab es, wie Habermas es nannte, nur noch „Linksfaschismus“, „Vollversammlungen“ und „Strategiedebatten“. Adorno floh – nachdem er die Polizei rufen und einen Kriminalprozeß gegen seinen Lieblingsschüler Hans-Jürgen Krahl hatte führen müssen – in den vorgezogenen Semesterurlaub, wo er dann einen Herzinfarkt erlitt, zu Tode gehetzt von seinen eigenen Schülern.

Es war eben ein globaler Angriff auf den Geist. Das Niveau sollte gesenkt, die Erinnerung entdifferenziert werden. Das war 1966 in Peking nicht anders als 1968 in Frankfurt oder an der Berliner Freien Universität oder im Hamburger Kunstverein.

„Die Arbeiter waren immun – die Medien waren anfällig für ‘68“

Viele sind der Meinung, daß auch und nicht zuletzt die Medien, speziell „die Springer-Presse“, an der Eskalation der Ereignisse schuld hatten. Als verantwortlicher Redakteur der „Welt“ waren Sie ja Akteur „auf der anderen Seite der Barrikade“.

Zehm: Die Medien bildeten eine einzige offene Flanke für die Achtundsechziger. Während Dutschke und Konsorten, sobald sie vor Fabriktoren auftauchten, um die Arbeiter zu „agitieren“, von diesen schneidend die kalte Schulter gezeigt bekamen, rannten sie bei den Medien buchstäblich sperrangelweit geöffnete Türen ein.

Es ist sehr interessant, in den Erinnerungen von Dutschkes Frau Gretchen nachzulesen, wie fleißig die Säulen des liberalkapitalistischen westdeutschen Medien-Establishments immer wieder Geld gespendet und die „Bewegung“ regelrecht gepäppelt haben.

Insbesondere Rudolf Augstein ist in jener Zeit nur noch mit Spendierhosen herumgelaufen. Hier mal zehn Tausender und da wieder zehn Tausender – und dafür durfte er dann an den „Teach-ins“ teilnehmen und sich dort als „kapitalistische Charaktermaske“ vorführen lassen. Dagegen die armen Leutchen von der Springer-Presse! Sie hätten so gern Pfötchen gegeben, als sie merkten, wie der Hase lief, aber man hatte sie nun mal zum Watschenmann Nummer eins auserkoren.

„Der Springer-Verlag kein Hort des Widerstands“

Im allgemeinen liest man heute aber, daß immerhin die Springer-Presse ein Hort des verbissenen Widerstands gegen die Achtundsechziger gewesen sei.

Zehm: Davon kann überhaupt nicht die Rede sein. Natürlich war Axel Springer selbst, mit allerbesten Gründen, gegen die Bewegung, aber er war weder willens noch in der Lage, sein Haus zu einem „Bollwerk gegen Achtundsechzig“ auszubauen.

So gab es bei der Bild unter ihrem Chefredakteur Peter Boenisch hin und wieder populistisches Herumgemosere speziell gegen das äußere Erscheinungsbild führender Achtundsechziger, und in der Welt gab es einige Recken wie etwa Matthias Walden, Herbert Kremp oder Enno von Löwenstern, die mutige Analysen und Kommentare schrieben. Das war aber alles.

„Was haben Sie für Zeitungen gelesen?“

Viele Achtundsechziger-Agitatoren behaupteten, das Attentat vom 11. April 1968 auf Rudi Dutschke sei eine direkte Folge der „Springer-Hetze“ gewesen, und ermunterten zu Brandanschlägen auf Häuser und Lieferwagen des Konzerns.

Zehm: Ja. Als der Dutschke-Attentäter Josef Bachmann vor Gericht stand, galt es für „die Öffentlichkeit“ als ausgemacht, daß „in Wirklichkeit Springer“ angeklagt war. Pompös fragte der Achtundsechziger-Anwalt Horst Mahler den Angeklagten: „Was haben Sie für Zeitungen gelesen?“ Er wollte natürlich, daß der Bachmann, wie offenbar verabredet, sagen würde: „Die Bild-Zeitung und die Berliner Morgenpost.“

Aber siehe, der Bachmann antwortete: „Den Stern und die Deutsche Soldaten-Zeitung.“ Letztere ist übrigens die heutige National-Zeitung. Jedenfalls brachte das später Mahler in größte Schwierigkeiten; einen solchen Regiefehler verzieh ihm die Meute nicht.

„Bedrohungen und Telefonterror gegen Redakteure“

Wie kamen Sie mit dem Terror, den Anschlägen und Brandstiftungen zurecht, die von den Achtundsechzigern gegen Springer organisiert wurden? Und welche Folgen hatte der Boykott, den man gegen ihn ausgerufen hatte?

Zehm: Springer war vom Habitus her kein Kämpfer, eher eine weiche, elegante, zu freundlicher Kommunikation gestimmte Natur. Er wollte geliebt werden und litt ganz außerordentlich unter den Morddrohungen und Anschlägen und dem notwendig gewordenen Leibwächter-Regime.

Die geschäftlichen Verluste, die sein Unternehmen infolge der Boykottmaßnahmen erlitt, waren beträchtlich. Um so respektabler und ehrenvoller, daß er bis an sein Lebensende an seinen Überzeugungen und im großen und ganzen auch an seiner Geschäftspolitik festhielt.

Was einzelne Redakteure betrifft, so wurden auch sie bedroht, wenn auch nicht in die Beine geschossen wie zur gleichen Zeit Indro Montanelli vom Giornale Nuovo in Mailand. Man zerschnitt ihnen nur dauernd die Reifen ihrer Autos, setzte sie unter Telefonterror.

Der achtjährige Sohn Enno von Löwensterns wurde eines Tages von einem Achtundsechziger-Lehrer vor die Klasse zitiert und folgendermaßen abgekanzelt: „Dein Vater ist also der berüchtigte Welt-Redakteur, der diese üblen Hetzartikel schreibt. Schäm dich! Und sag ihm endlich, daß auch er sich schämen soll!“ So etwas gehörte damals gewissermaßen zum „demokratischen Alltag“.

„’68 als neues ’33? – Götz Alys Propagandaquark!“

Der Berliner Historiker Götz Aly vergleicht in seinem eben in allen Feuilletons diskutierten Buch „Unser Kampf“ die Achtundsechziger mit den „33ern“ und unterstellt ihnen subkutan, sie seien eine Neuauflage der Nationalsozialisten gewesen.

Zehm: Es werden in dem Buch eine Reihe nicht unwichtiger Fakten mitgeteilt, die man bisher noch nicht gekannt hatte. Aly war ja selber einer der führenden Rabauken von damals und kennt sich aus. Seine Generalthese über die Achtundsechziger als Neuauflage der „33er“ ist freilich reiner Propagandaquark. Heute als „Nazi“ oder als „Faschist“ bezeichnet zu werden, bedeutet überhaupt nichts mehr, hat nicht den geringsten wissenschaftlichen Wert.

Wie gesagt, die Achtundsechziger-Bewegung war ein internationaler Vorgang. Die Revolutionsgarden in Peking, die „Blumenkinder“ in Kalifornien, die „Helden des Mai“ in Paris oder die Roten Brigaden in Italien kamen ganz ohne Nazi-Beschimpfung aus. In Deutschland jedoch war solche Beschimpfung ungemein geschäftsfördernd.

Das „herrschende System“ mit „Faschismus“ in eins zu setzen und die Abräumaktionen als längst fällige, bisher angeblich vollkommen verdrängte Abrechnung mit den Vätern und ihrer „untilgbaren Schuld“ auszugeben, verschaffte den Achtundsechzigern einen moralischen Feldvorteil, den sie anderswo nicht hatten. Und heute werden sie eben von Aly selbst nazifiziert.

„Die Schleusen des ungehemmten Verbrauchertums voll geöffnet“

Vierzig Jahre nach Achtundsechzig: Wie lautet Ihr Resümee?

Zehm: Zu feiern gibt es nichts. Das längst zum Ritual gewordene „Achtundsechziger-Gedenken“ alle zehn Jahre ist durch und durch verlogen. „Und ihr habt doch gesiegt“, lautet inzwischen ja das gängige Motto. „Ihr habt, was speziell die deutschen Verhältnisse angeht, die verknöcherte Adenauerrepublik bewohnbar gemacht, die Vergangenheitsbewältigung ordentlich in Fahrt gebracht, die Schleusen der Lebenslust und des ungehemmten Verbrauchertums voll geöffnet.“

Im Grunde ist das widerlich. Verschwiegen wird der Vatermord, die große Demütigung, die Verwandlung von Wissenschaftlern in Wissenschafts-Zombies, die auf Knopfdruck Phrasen ablassen und bedeutsam mit ihren Ketzerhüten wackeln.

„Haben die Weltherrschaft des Profitprinzips gebracht“

Aber dennoch stimmt doch, daß die Achtundsechziger gesiegt haben. Sicherlich, einige von ihnen landeten als Mörder im Gefängnis, aber das Gros schaffte programmgemäß den Marsch durch die Institutionen, stellte dreißig Jahre später sogar den Bundeskanzler und den Außenminister.

Zehm: Dennoch, die Achtundsechziger sind auch an ihren eigenen Voraussetzungen gescheitert. Zertrümmern, am Boden zerstören wollten sie „den Kapitalismus“, die unumschränkte Herrschaft des nackten Profitprinzips. Und hergestellt haben sie genau dies: die Weltherrschaft des Kapitalismus, des nackten Profitprinzips, das nun sogar die Kommunisten in China anbeten.

Man faselte von den „lichten Höhen der Freiheit“, die man erklimmen würde. Und worin man landete, das waren einige mit Transparenten vollgehängte Korridore, die überall gleich sind und die einem nur noch den Weg ins Wasserklosett offenzulassen scheinen, wo man sich eine Nadel in die Venen jagen kann.

Prof. Dr. Günter Zehm: Der Philosoph und Journalist gilt als einer der entschiedensten Gegner der Achtundsechziger-Bewegung vor vierzig Jahren. Als Feuilleton-Redakteur der Welt ab 1963, später als Kolumnist „Pankraz“ und von 1977 bis 1989 als stellvertretender Chefredakteur des Springer-Blattes vertrat er stets konsequent einen konservativen Standpunkt. Seit 1990 ist Zehm Honorarprofessor für Philosophie an der Universität Jena.

Geboren 1933 in Crimmitschau in Sachsen, studierte er bei Ernst Bloch in Leipzig, später bei Theodor W. Adorno in Frankfurt am Main. Zunächst überzeugter Sozialist, geriet er bald in Konflikt mit der SED-Diktatur und  wurde 1957 zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. 1960 amnestiert, konnte er dann 1961 über Berlin in den Westen fliehen.

Pankraz-Kolumne: Zehms Pankraz-Kolumne erschien erstmals im Juni 1975 in der Welt. Nach seinem erzwungenen Ausscheiden bei Springer veröffentlichte er sie ab 1990 zunächst im Rheinischen Merkur. Dort fiel sie vier Jahre später jedoch einer Zensurmaßnahme zum Opfer. Daraufhin wechselte Pankraz zur Jungen Freiheit, wo die Kolumne seit Januar 1995 erscheint.

Wichtigste Veröffentlichungen: In der Edition Antaios sind bislang sieben Bände mit den wichtigsten Vorlesungen Günter Zehms erschienen, darunter „Das Schlußwort Zarathustras. Friedrich Nietzsche und die Folgen“ (2006), „Maske und Mimesis. Eine kleine Philosophie der Medien“ (2007) und zuletzt in diesem Frühjahr „War Platon in Asien? Adnoten zur Globalisierung des Geistes“.

In der Edition JF sind zuletzt ein Pankraz-Band mit seinen „Lieblingskolumnen“ (2006) und eine Festschrift für Günter Zehm erschienen.

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