Joachim Kuhs

 

Rüstzeug gegen den Alltag

Vor Jahren kursierte ein Buch aus amerikanischer Feder durch die lesende Elternschaft. Die Autorin des Verkaufsschlagers beantwortete die im Titel gestellte Frage „Ist Erziehung sinnlos?“ mit einem klaren Ja. Das verschaffte unzähligen Eltern vordergründig Erleichterung. Die hatten es nämlich geahnt: Was bringen die besten Grund- und Vorsätze, wo doch zwangsläufig früher oder später die sogenannten peer groups, also Freundeskreise und Medien, Oberhand gewinnen? Eins stimmt daran. Kinder suchen Orientierung an leibhaftigen (also greifbaren und alltäglich präsenten) Vorbildern und an dem, was ihnen medial vermittelt wird. Nur: Beides kann man in den entscheidenden ersten sieben, acht Jahren ganz gut in eigener Regie bestimmen. Heißt, Grundsätze muß man erst mal haben und danach leben. Im Umgang mit Büchern trifft beides zusammen. Eltern, die selbst wenig lesen, werden ihre Kinder in höherem Maße vor dem TV- oder Rechnerbildschirm vorfinden. Und (sicher eine steile These, aber eine, die erstmal entkräftet werden muß! ): Kinder, die mit Otfried Preußlers Werken, vor- und selbstgelesen, groß werden, dürfen auf einem Fundament aufwachsen, das nicht leicht zu erschüttern sein wird. Wer, materialistisch gesprochen, seine Dosis Preußler intus hat — Rezept zur Probe: den „Hotzenplotz“ mit fünf, den „Wanja“ mit acht, den „Krabat“ mit elf —, verfügt freilich nicht automatisch über eine Drachenhaut, die gegen unliebsame Anfechtungen feit. Eine Grundimmunität wäre aber gesichert. Preußler, der sich selbst gern und mit Stolz einen „Schulmeister“ nennt, wird am 20. Oktober 85 Jahre. Der Jubilar ist einer unserer ganz Großen — auch, wenn solche Etikettierung für einen ausgewiesenen Kinderbuchautor in hiesigen Gefilden nicht gängig ist. Im angelsächsischen Sprachraum ist das anders. Die dortigen Stars der Kinderliteratur bedienen weder den lehrerhaft-moralischen Gestus, noch schöpfen sie aus dem genuin Sagenhaften. Bücher etwa von Roald Dahl und Joan Aiken sind hintergründig, doppelbödig, mit Hang zum Grotesken. Die deutsche Jugendliteratur kennt solchen Stil nicht oder ahmt ihn ungeschickt nach. Das sind wirkliche Unglücksfälle — Kinderbücher, bei denen der über der Schulter mitlesende Erwachsene mitgedacht wird. Preußler hingegen: Deutscher, und zwar im guten Sinne, kann Literatur für Kinder kaum sein. Einfältig (wiederum im guten Sinne des Nicht-aufgefaltet-Seins), wo es um die Kleinen geht und, ja: weise, wo der mündigere Leser angesprochen wird. Dabei stets voller Poesie und Herzenswärme. Wer Ironie sucht oder Anschluß an eine irgendwie coole Haltung — danach verlangen gesunde Kinder nie —, wird Preußler beiseite legen müssen: Feuer frei für die Bataillonen der peer groups. Des Dichters Heimat ist das nordböhmische Reichenberg. Seine Eltern waren Lehrer, die Großmutter eine begnadete Geschichtenerzählerin. Sie lieferte das ungeschriebene, aber wichtigste Buch im Leben des Schriftstellers. Der wurde nach dem Abitur an die Ostfront eingezogen und verbrachte anschließend fünf Jahre als Kriegsgefangener in sowjetischen Lagern. Im oberbayerischen Rosenheim fand er danach seine Verlobte Annelies wieder. Schnell wurde geheiratet, der Ehe erwuchsen drei Töchter. Bis 1970 war Preußler als Volksschullehrer tätig, ein Beruf, der ihm genauso entsprach wie die Tätigkeit als Schriftsteller. Auf 1955 datierte sein erster Erfolg in diesem Metier, da veröffentlichte er den „Kleinen Wassermann“, vielleicht das schönste in der herrlichen Reihe, Jahre später folgten erst „Die kleine Hexe“ und dann „Das kleine Gespenst“. Am ersten der drei Hotzenplotz-Bände hatte Preußler ein gutes Vierteljahr gesessen, die Geschichte ist zweimal schön verfilmt worden. Am soeben in die Kinos gekommenen „Krabat“ hingegen arbeitete Preußler ein ganzes Jahrzehnt, bis er das Buch 1971 veröffentlichte. Es ist — dies weithin unbestritten — sein allergrößter Wurf. Daß Preußler selbst nun die Verfilmung durch den jungen Regisseur Marco Kreuzpaintner (Jahrgang 1977) ausdrücklich lobte, hielt einige wenige Kritiker nicht davon ab, maßlos enttäuscht von einem üblen „An-die-Wand-Fahren“ des Buchs zu schreiben. Doch das mag nur bedeuten, wie unerreichbar die literarische Vorlage ist — der wirklich erst ab einem Alter von zwölf zu empfehlende Film (in Begleitung der Eltern ist der Kinobesuch unklug ab sechs gestattet) ist höchst sehenswert. Just dieser Tage übrigens erfuhren Preußlers Werke gleich dreimal familiäre Aktualität. Erstens, Herbstferienplanung. Die Kinder einstimmig, die älteren darunter etwas schlitzohrig: „Wir wollen endlich mal nach Holleschitz fahren!“ Das nämlich ist die Heimat des Kater Mikesch, der ursprünglich aus der tschechischen Feder Josef Ladas stammt, aber durch Preußlers Neufassung und die Augsburger Puppenkiste erst zu Ruhm gelangte. Zweitens kam der Vierjährige empört nach einem Herbstausflug aus dem Kindergarten. „Die anderen haben gesagt, ich soll nicht so nah an den Paradiesteich gehen. Weil, da wohnt der Wassermann! Und da haben die gesagt, der ist bös. Und da hab ich gesagt, das stimmt gar nicht, der ist ja mein Freund!“ Informelle Nachfrage in der Elternschaft: Kein Mensch hier kennt Preußlers „Kleinen Wassermann“. Dann, Gespräch mit der Deutschlehrerin auf dem Gymnasium. Ob und warum sie den Klassenlektürestoff (Themen: Mobbing und jugendlicher Alkoholismus, klassische Erhobener-Zeigefinger-Literatur also) für wirklich geeignet hielte — für poetisch doch jedenfalls gewiß nicht? Ratlosigkeit seitens der Lehrkraft, ein gewundenes Jein — ob es bessere Vorschläge gebe? Klar, Otfried Preußlers „Krabat“ etwa, weil in kaum einem anderen Jugendbuch sämtliche Kriterien auch für einen modernen Literaturunterricht erfüllt würden. „Otfried wer? Wenn Sie’s mir buchstabieren, mach ich mich mal schlau.“ Preußlers Werke, die weltweit in einer Gesamtauflage von 50 Millionen Exemplaren erschienen sind, waren in der DDR unbekannt. Den sorbischen Sagenstoff kannte man allerdings, er wurde in einer Fassung des tschechischen Schriftstellers Jurij Brezan („Die schwarze Mühle“) in den sechziger Jahren vertrieben und verfilmt. Da durfte Krabat noch als „sorbischer Faust“ gelten. Durch den aktuellen Kinofilm ist Preußlers Werk nun deutschlandweit populär geworden. Daß er jetzt der „deutsche Harry Potter“ geheißen wird — wen schert’s! Der Jubilar übrigens ist literarisch nach wie vor produktiv. Allerdings hat er angekündigt, daß er sein Buch über die eigene Kriegsgefangenschaft in Sowjetrußland erst postum zur Veröffentlichung freigeben wird. Foto: Kinder- und Jugendbuchautor Otfried Preußler am Schreibtisch in seinem Haus in Haidholzen: Stolz nennt er sich einen „Schulmeister“

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