Pankraz, T. Rammstedt und die letzten Sätze

Daß Bücher zu einem bestimmten Termin, den sich Autor oder Verleger oder beide gesetzt haben, nicht fertig werden, kommt sehr häufig vor. Früher hat man das, wenn überhaupt, mit einem bedauernden Achselzucken zur Kenntnis genommen; heute, „im Zeitalter der Medien“, macht man daraus ein großes, möglichst reklamehaltiges Spektakel, welches in der Regel mehr Aufmerksamkeit erregt als das spätere Buch selbst.

Auch die diesjährige Frankfurter Buchmesse hat einen einschlägigen Fall: Der Kölner Dumont Buchverlag zeigt einen Roman von Tilman Rammstedt (Titel: „Der Kaiser von China“), den es noch gar nicht zu kaufen und zu lesen gibt. „Im Gespräch“ ist das Opus aber schon lange, nämlich seitdem Rammstedt beim letzten Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb einige Passagen daraus vorgelesen hat und dafür preisgekrönt wurde. Seitdem diskutiert man in literarischen Kreisen eifrig darüber, wann Rammstedt mit seinem Chinakaiser fertig werden wird und ob er überhaupt je fertig werden wird.

Tilman Rammstedt, so tönt es aus vielen Ecken, habe einen Horror vor dem Fertigwerden, er leide an der „Furcht vor dem letzten Satz“, es sei fast eine Tragödie. Einige sprechen sogar schon vom „Rammstedt-Syndrom“, einer neuartigen Schriftsteller-Krankheit, die parallel auftrete zur bekannten „Furcht vor dem ersten Satz“, vor dem leeren Blatt Papier, vor dem der Dichter sitzt und sich nicht entschließen kann, endlich anzufangen. Nicht aufhören können sei im Grunde schlimmer als nicht anfangen können.

Es geht also beim Rammstedt-Syndrom nicht darum, daß dem Autor nichts mehr einfällt, daß er unterwegs die Puste verliert und auf halbem Wege verröchelt. Auch die gegenteilige Situation ist nicht gemeint, wo ein Schreiber vor Einfällen schier überquillt und immer noch etwas zu verbessern, zu ergänzen oder zu komprimieren sucht. Sondern das Problem ist dies: Die Geschichte, so schön sie ausgedacht und so sorgfältig sie erzählt sein mag, will sich nicht „runden“, d. h. der Schlußakkord läßt auf sich warten, die „Coda“.

Coda“ ist das italienische Wort für „Schwanz“. Jedes in der Zeit sich entfaltende Kunstwerk, ob Sprache oder Musik, braucht nach Auffassung guter Ästhetik einen Schwanz, einen aus mehreren oder wenigstens aus einem Takt bestehenden Schlußakkord, der das Vorangegangene zusammenfaßt, das Motiv, das „Anliegen“, noch einmal aufklingen läßt, es knapp kommentiert, rechtfertigt und mit Anstand beerdigt. Ohne gelungene Coda kein gelungenes Kunstwerk.

Moderne Popgesänge oder Schlager ignorieren das bekanntlich, zu ihrem eigenen Schaden. Sie hören — im Gegensatz zu Beethoven-Sonaten oder klassischen Volksliedern — nicht wirklich auf, sondern brechen häufig einfach ab, zur Überraschung des Publikums, das einen Moment lang wartet, ob es nicht doch weitergeht, und dann erst Beifall spendet. Es ist dies stets ein spürbar peinlicher Augenblick, denn jeder Zuhörer, selbst der harmloseste, spürt momentan, daß hier etwas fehlt, vielleicht das Köstlichste.

In der Literatur verhält es sich letztlich nicht anders, gerade bei Romanen und anderen Erzählungen. Ihnen fehlt etwas, wenn sie keinen schönen Schwanz haben. Einige Spezial-Genres können das kaschieren, zum Beispiel Kriminalromane, wo erst ganz am Ende die Auflösung des Knotens geschieht, der Spitzbube entlarvt, die Gerechtigkeit wiederhergestellt und die Welt irgendwie ins Lot gebracht wird. Der Gesamttext erhält da erst vom Ende her seinen Sinn, und das ist eine sich aus der Sache selbst ergebende, gleichsam natürliche Coda, um die sich der Verfasser gar nicht extra kümmern muß.

Normalerweise aber, gerade bei anspruchsvollen Texten, muß die Coda sorgfältig konstruiert werden, und tatsächlich zeigt sich darin der wahre Meister. Wie schwierig das Geschäft ist, merkt man ja sogar an einigen der dicken Romane von Thomas Mann, am „Zauberberg“, an der Josephstetralogie. Deren Schlüssen fehlt unübermerkbar die gloriose Coda. Mann war im Grunde ein Novellenschreiber, seine großen Romane sind zusammenkomponierte Einzel-Piècen, und bei manchen von ihnen ließ sich eben nur mühsam ein gemeinsamer Schlußakkord finden.

Thomas Mann, der große Musikliebhaber, mag innerlich darunter gelitten haben. Die meisten heutigen Schreiber empfinden die Schwierigkeit mit der Coda gar nicht mehr, darin den Popsängern vergleichbar. Oder sie halten es für besonders avantgardistisch, das Problem bewußt zu ignorieren, genauso, wie sie oft das Problem mit dem richtigen Anfang ignorieren. Sie „beginnen“ mitten in der Handlung und liefern deren Voraussetzungen und Bedingungen erst später nach, am liebsten häppchenweise, so daß der Leser niemals weiß oder erfährt, was hinten und was vorne ist.

Fast noch ignoranter verfahren sie mit der Coda. Sie brechen den Schreibprozeß, wenn sie Schluß machen wollen, einfach ab, ohne die geringste Erklärung, und provozieren damit allerdings den Zorn des Lesers. Beispiele ließen sich leicht aufzählen, und sie sprechen eindeutig für die Empfindlichkeit des Lesepublikums. Dieses weiß spontan: Literarische Texte sind wie musikalische Partituren, sie brauchen eine Coda, und das heißt auch: Letzte Sätze sind noch wichtiger als erste Sätze. Romanschlüsse verraten viel mehr über den Gesamttext als Romananfänge, seien diese auch noch so originell.

Insofern wirken die Angst des Romanautors Tilman Rammstedt vor letzten Sätzen und seine Schreibschwierigkeiten beim Zustandebringen der Coda für den „Kaiser von China“ ungemein sympathisch und nehmen für ihn ein. Leider weiß man nicht, ob die Sache wirklich ernst gemeint oder doch nur ein Reklametrick war. So wie das Ding vom Literaturbetrieb aufgezäumt wurde, muß man eher an Reklame denken. Den Roman selbst samt Schlußakkord und Coda kannte man bis dato ja gar nicht. Man hat sich wieder einmal, wie mittlerweile üblich, mit ungelegten Eiern aufgehalten. Dem Verkauf muß das nicht unbedingt nützen.

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