Orientalische Ansichten

Zwei Historiker wollen „Tatsachen und Meinungen“ bieten, die man „anderswo“ nicht finde, erliegen jedoch Denkblockaden und lösen ihr Versprechen nicht ein. Klaus Kreiser und Christoph K. Neumann betrachten die türkische „Gesellschaft“. Sie postulieren „Verbindungslinien zu umliegenden Gesellschaften“, vor allem „zur europäischen Geschichte“. Der schwammige Begriff „Gesellschaft“, den auch Türken gebrauchen, die kulturelle Integration ablehnen, verhüllt historische Traditionslinien. So entsteht keine Analyse der türkischen Geschichte, sondern ein in der Tendenz ideenarmes Handbuch. Das halbe Ganze steckt in den Anfängen; die lange vorislamische Epoche der Türken verdient Aufmerksamkeit. „Türk“ bedeutet „mächtig“ oder „Herr“. Ursprünglich saßen die Turkvölker in der Mongolei und zogen seit dem 6. Jahrhundert westwärts. Militarismus, Autokratie und Expansion galten als tugendhaft. Bloße Gewalt erklärt allerdings nicht, warum es die Türken verstanden, ein dauerhaftes Reich zu gründen. Das kriegerische Volk wußte sich anzupassen. Im 10. Jahrhundert übernahm die Dynastie der Seldschuken den Islam und erbte 1058 das Kalifat. Der Titel „Sultan des Ostens und des Westens“ verkündete unbegrenzten Machtanspruch. Obwohl das Osmanische Reich bereits im 16. Jahrhundert Geldwirtschaft und Handel förderte, blieb der orientalische Charakter des Staates erhalten, der weder Adel noch Stadtbürgertum kannte. Willkürlich unterjochte der Sultan zahlreiche Staats- und Militärsklaven, denen jederzeit die „seidene Schnur“ drohte, das gefürchtete Symbol türkischer Despotie. Bewunderung verdiene die „Leistung der Osmanen“, wehte doch in Mittelosteuropa der Halbmond genauso wie am Persischen Golf. Ökonomische Motive hätten den türkischen Imperialismus bedingt, schreiben die Autoren, und verbreiten damit sehr deutsche Irrtümer. Nach der Befreiung Wiens vom türkischen Würgegriff 1683 begann der lange Niedergang des Osmanischen Reiches. Fast hätten Rußland und Europa dieses Imperium aufgeteilt, aber Reformen gaben ihm neue Kraft. Seit 1839 wurde die türkische Staatsverwaltung modernisiert, westliches Recht eingeführt, die Despotie minimal gelockert, bis der Offizier Mustafa Kemal (Atatürk) das Sultanat abschaffte und 1923 die Republik proklamierte. Die wichtigste Frage, ob der Kemalismus die alttürkische Tradition beendete, verschweigen die Autoren. Faktisch vollzog Kemal nur eine Metamorphose. Atatürk regierte diktatorisch und vertrieb zwei Millionen Griechen aus Kleinasien: ein „anatolischer Befreiungskrieg“, behauptet Kreiser. Sogar die Armenier-Massaker des Ersten Weltkriegs verharmlost er. Türkische Rekruten hätten ebenso gehungert und gefroren! Trotz des heutigen von wenigen Oligarchen dominierten Mehrparteiensystems sitzen Militärs am längeren Hebel. Der Türkei fehlt ein „laizistisches“ System, denn die Religionen erhalten keine Gleichberechtigung. Der Staat dirigiert den Islam, bekämpft ihn aber nicht. Längst hat eine neue „türkisch-islamische Synthese“ begonnen. Der „gesellschaftliche“ Ansatz des Buches geht in die Irre; das orientalisch-islamische Fundament der Türken wird unterschätzt. Daher glauben beide Verfasser, daß nur wirtschaftliche Probleme entstünden, wenn achtzig Millionen Vorderasiaten der EU beitreten. Klaus Kreiser, Christoph K. Neumann: Kleine Geschichte der Türkei. Reclam Verlag, Stuttgart 2008, gebunden, 529 Seiten, 19,90 Euro

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