Niemand weiß, was das soll

Das Werk Gerhard Richters ist zum Inbegriff dessen geworden, was eine an sich selbst und ihrem Auftrag zweifelnde Nach-Moderne trotz aller Utopieverluste, aller Ideendefizite und programmatischen Einbußen zu leisten in der Lage ist.“

Wenn Götz Adriani diese Worte an den Anfang seiner Laudatio zu Gerhard Richter stellt, ist das mehr als entlarvend, weil damit eingestanden wird, daß eine exaltierte Kunstszenerie nicht mehr weiß, wofür sie eigentlich noch steht und wie sie sich noch eine gesellschaftliche Legimitation geben kann. Das ist tatsächlich das Eingeständnis der völligen Sinnentleerung durch „Utopieverluste“ und „Ideendefizite“.

Werk als letzter Fels im Sturm

Aber der Verlust der Rolle der Kunst als Sachverwalterin ideologischen und utopischen Gutes und schöner Imaginationen einer anderen Welt darf nicht betrauert werden, nachdem die utopischen Ideologien des 20. Jahrhunderts die Welt so grausam zugerichtet haben. Zurückgeblieben ist in der Kunst – wenn man der Apologie Adrianis glauben darf – das Werk Gerhard Richters als letzter Fels im Sturm und Eismeer zerbrochener Hoffnungen. Sieht es danach aus?

Richter, 1932 bei Dresden geboren, Theatermaler in Zittau, ab 1961 Studium in Düsseldorf, dort dann auch Professor an der Kunstakademie, ist mit allen denkbaren Stilrichtungen, Moden und Modernismen konfrontiert gewesen und hat ihnen auf seine Art geantwortet: Neo-Dada, Popart, Op, Concept, Minimal, Fluxus, Zero, Foto, Happening, Film und Video und natürlich all jene ressentimentgebundenen Zertrümmerungs- und Aufbaueuphorien mit ihren Irrlichtern, das ganze dumpfe, tiefe Donnern und Grollen, das alle jene Schübe und Wellen begleitete, haben ihm Horizonte erschlossen.

Aber nie hat er deren Gewißheiten restlos geteilt. Vielmehr bekunden sich seine Selbständigkeitsbestrebungen in unzähligen Versuchen, Strategien oder erneuten Schwenkungen – wechselnd nach jeweiligen Eingebungen, Intuitionen, Stimmungen, Launen, Affektentladungen –, die eigene Linie zu finden.

Schließlich gibt es Wichtigeres als Inhalte

Er hat sich dabei in allen möglichen Bildgattungen versucht: vom Expressionismus über trivialen Fotorealismus bis zu den exzessiven Formen der Abstraktion, dann Stadtbilder, Landschaften, Seestücke und Stilleben – Versatzstücke, zum Teil in der Tradition alter Meister. Seine Experimente zur Farbigkeit reichen von Bildern mit höchster farblicher Intensität und manierierter Opulenz über Farbschlieren und verwischte Schattenbildern bis zu radikalem Minimalismus Grau in Grau. Seine Domäne ist die Abklatschtechnik, mit deren Hilfe er anfallsweise durch immer neue Rezepturen seine prätentiösen Formen und Strukturen hervorbringt, das meiste ebenso feierlich wie trivial.

Am radikalsten scheint der Minimalismus auf den vier düster inszenierten, pompösen monotonen Graubildern verwirklicht zu sein, die gleich hinter dem Eingangsbereich, nebeneinander hängend, mit ihrer finsteren Riesenpracht schon deshalb Eindruck machen, weil niemand im Saal sich getraut zuzugeben, daß er nicht weiß, was das soll.

Die Lust an der Pression ins Extreme erreicht auch einen abstrusen Gipfel mit dem plakativen Ölbild in schlierigem Grau-Weiß, das mit „Canaletto“ betitelt ist. Grotesk-heiter wirken indes die achtzehn bunten Farbtafeln, die den ahnungslosen Betrachter wie die Farbpalette im Prospekt eines älteren VW-Golf anmuten.

Malerei mit fehlender Persönlichkeitssubstanz

Wichtiger als alle Inhalte ist Richter allerdings das experimentelle, prozeßorientierte Arbeiten. In diesem mit so vielen stilistischen Entschiedenheiten operierenden Werk geht es weniger um Gedanken, Botschaften, Chiffren, Gründe, Visionen oder Erzählstrukturen. Auch ist die Malerei Richters mit ihrer fehlenden Persönlichkeitssubstanz nur rudimentär von biographischem Interesse. Vielmehr fällt die artifizielle Umsetzung der Wirklichkeit viel stärker ins Gewicht, um eine andere Sicht auf die Alltäglichkeit zu geben.

Am deutlichsten wird dies, wenn Ausschnitte aus der Lebenswelt – etwa Schnipsel aus Zeitungen, Illustrierten, Werbung, Fotoalben – in skurrilen Bildprogrammen, Skizzen, Collagen zu Kunst aufgemotzt werden. Denn oft sind diese aus einfachen, kaum originell zu nennenden Reproduktionen banaler fotographischer Vorlagen hervorgegangenen grauverschwommenen Bilder in ihrem steifen, sterilisierenden Ernst seltsam substanzleer.

Ein merkwürdig beengender, antiquierter Zug haftet ihnen an, so daß den Betrachter inneres Unbehagen befällt. Richter gibt sich hier als nuancierter Beobachter, der sich in den diffusen Zonen zwischen Figürlichem und Abstraktem bewegt, aber wer kann sich ganz dem Urteil verschließen, daß die dargestellten blutleeren Personen genauso wie die ordinären Gebrauchsgegenstände – zwei nicht identifizierbare Fiat, das Fragment eines Alfa Romeo – nur Material verstiegener künstlerischer Ambitionen sind.

Mitunter platter Empirismus

Daneben findet man als versprengte Stücke auch sehr detailgetreue, konventionelle Darstellungsmuster, etwa das Stilleben „Schädel mit Kerze“. Die Bildsprache dieses Gemäldes gehört zum Allgemeingut. Es lassen sich in der Barockmalerei ungezählte Bilder gleicher Objektwahl finden. Der Symbolgehalt ist offensichtlich: Gedanken an Tod und Vergänglichkeit werden wachgerufen und geben Anlaß, über das menschliche Leben und das Glück zu meditieren.

Auch der symmetrische Aufbau wurde von herkömmlichen Stilprinzipien übernommen. Das Anknüpfen an Altvertrautem und Festhalten an akzeptierten Formen, das sich auch in einigen Seestücken Richters bekundet, bleibt jedoch wie alles in seinem Werk ohne poetische Emphase und merkwürdig statisch in seiner Gefühlsarmut. Es ist mitunter platter Empirismus ohne jene „innere Wahrheit“, die Goethe einst als Merkmal des Kunstwerks als einer kleinen Welt für sich bezeichnet hat.

Aus der Unterschiedlichkeit seiner Arbeiten, die in immer andere Richtungen gehen, hat Richter einen Großteil seiner Wertschätzung bezogen. Aber gerade dieses Disparate, das sicher nicht nur dem kalkulierenden Blick auf den Kunstmarkt geschuldet ist, läßt den Betrachter seines Werkes unwillkürlich an Georg Simmel denken, von dem der Satz stammt, daß die Vielheit der Stile geradewegs in die Stillosigkeit führt, die das Charakteristikum einer Verfallszeit ist.

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Die Sehnsucht nach dem grotesk Anderen

Sicher erlauben die unangefochtene Position Richters und das kanonische Urteil über ihn keine hämische Ironie. In seinem Œuvre kommen, das muß man zugestehen, das menschliche Bedürfnis nach exzentrischen Planspielen, nach provokantem Regelverstoß, nach mystischem Romantizismus und die Sehnsucht nach dem grotesk Anderen gewiß zum Ausdruck.

Er ist zudem technisch versiert und mit einem außerordentlichen Spürsinn für die psychologischen Befindlichkeiten und die narzißtischen Selbstansprüche des Kunstbetriebs begabt, weshalb es ihm – aller Tiefstapelei zum Trotz – unbedingt gelingt, die Selbstinszenierung seines Pathos in dem fest etablierten kommunikativen System aus Galeristen, Kunstkritikern, Preisrichtern, Publizisten, Mäzenaten, Auktionatoren und den Claqueuren in den besseren Kreisen virtuos zu betreiben. Die Ausstellung in Baden-Baden ist dafür allemal Beleg genug.

Gewiß ist es angenehm, wenn man von Richters Bescheidenheit hört, aber es ist nicht nur blanker Zynismus des Kritikasters, wenn ihm angesichts der selbststilisierenden Attitüden des Meisters der Vers von Wilhelm Busch entfällt: „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.“

Die Ausstellung „Gerhard Richter. Bilder aus privaten Sammlungen“ ist bis zum 27. April im Museum Frieder Burda, Lichtentaler Allee 8 b, in Baden-Baden täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr zu sehen. Telefon: 0 72 21 / 3 98 98-0

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