Knochenmann

Seit Ernst Jüngers Tod vor über zehn Jahren hat sein Werk erschreckend viel Klassikerstaub angesetzt. Es wurde kanonisiert und durch Interpretationen mumifiziert. Dem will der Germanist Alexander Pschera mit der Herausgabe eines Essaybandes entgegenwirken, den Staub der Werkausgabe aufwirbeln lassen — bunten Staub wohlgemerkt, der schön glitzert. Wie in einem Lexikon hat er Stichworte um Jüngers Werk versammelt, zu denen 31 Autoren Texte beisteuerten, die dem Klassiker wieder Leben einhauchen sollen. Jeder Beitrag ist mit einer Einleitung des Herausgebers versehen. Allein — das Ergebnis ist nicht gerade geeignet, um Tote zu erwecken. Mangelnde Originalität und Dynamik sowie problematische Deutungen verhindern eine überzeugende Aktualisierung. So behauptet Pschera im Vorwort zum „Inneren Erlebnis“, daß Jünger die „innere“ Kriegserfahrung der Simulationskultur der Weimarer Republik gegenüberstelle. Dabei ist der „Kampf als inneres Erlebnis“ (Jünger) seinerseits nur literarische Konstruktion. Ein Vergleich zwischen den Tagebüchern aus den Grabenkämpfen und den späteren Kriegsbüchern zeigt, daß die Fakten lediglich den Rohstoff für eine fiktive Mystik lieferten. Das „Erleben“ ist seinerseits nachgelieferte Simulation. In ihm ist kaum Authentisches zu finden. Pscheras Irrtum rächt sich im Detail: zählt er doch das Kino zu der — von Jünger abgelehnten — Simulationskultur. Dabei hat der Kriegsschriftsteller in der ersten Auflage vom „Wäldchen 125“ (1925) dem Kino die Schaffung eines „dämonischen Glaubens“ zugetraut. Die Simulation des Films war ihm geeignet, mentale Abgründe zu öffnen. Überzeugender thematisiert Sophie Wennerscheid diese Dialektik in ihrem Beitrag über „Myrdun. Briefe aus Norwegen“ (1935). Sie erkennt deren mythische Dimension als literarisches Konstrukt, dank dessen die „nordische Bergwelt in ihrer Mächtigkeit (erst) erfahrbar wird“. Das heißt, die fiktionale Zutat macht innere Erfahrung überhaupt erst möglich — einer der besseren Beiträge in dieser Sammlung. Der Jünger-Biograph Heimo Schwilk versucht gar nicht erst, Ernst Jüngers Kriegsmetaphern für heutiges Erleben zu deuten, sondern zieht — als Berichterstatter — lieber selbst nochmal in den ’91er Golfkrieg („Mein abenteuerliches Herz. Mit Ernst Jünger im Golfkrieg“), obwohl er weiß, daß diese Kriegsform bald vorbei ist, daß er „in der Wüste den letzten Schatten seiner Wirklichkeit geschaut“ hat. Auch Laszlo Földenyi, sonst ein hervorragender Essayist, hat diesmal die (intellektuellen) Waffen gestreckt. Seine Frage „Wer hält die Schere“ zielt auf Jüngers späte Metaphysik, die den Menschen in die Spanne von empirischer Zeit und Schicksalzeit positioniert, zwischen dem Unbekannten vor der Geburt und nach dem Tod. Was liegt einer „modernen“ Interpretation näher, als diese Schere zum Bestandteil der Psyche zu erklären: Die Schere „befähigt den Menschen, das, was er früher ‘Gott’ nannte, nun als innere Kraft in sich selbst zum Leben erwachen zu sehen“ (Földenyi). Seit der Aufklärung wurde aller metaphysischer Sondermüll — etwa Dantes‚ Himmel, Hölle, Fegefeuer — als Psychosymbol (oder als Projektion) gedeutet, ins Innere endgelagert. Nun schmeißt Földenyi auch noch die „Schere“ dazu. Von ihm hätte man Originelleres erwartet. Keine Originalität, aber immerhin Mut zum Absurden beweist der Sloterdijk-Schüler Cai Werntgen: Mag Jünger den Nihilismus mit Heroismus bekämpft haben, in der Hoffnung, irgendwann mal „über die Linie“ zu gelangen, eine wirkliche Überwindung des nihilistischen Zeitalters sei erst dem westlichen „Endverbraucher“ gelungen. Der habe sich ein hedonistisches Paradies errichtet, und auf der Grundlage von Coolness, Ironie und Popkultur lassen sich „intelligente Unterbrechungen“ bewerkstelligen, die vor den Abgründen der Konsequenz bewahren. Werntgen sollte bei Gelegenheit die Vorschau der Weltgesundheitsorganisation WHO für das Jahr 2020 lesen: Darin wird die Depression als demnächst häufigste Erkrankung prognostiziert. Womöglich greift die Überwindung des Nihilismus durch den Endverbraucher doch nicht so tief. Neben zahlreichen Essays umfaßt der „bunte Staub“ auch Belletristisches. So präsentiert Thor Kunkel die Differenz von Skrupelanten und Posaunisten in einem Dialog zwischen zwei Verlierern, die auf einer Party über Anmach-Strategien debattieren. Lustig, hat aber mit Jünger wenig zu tun. Ulricht Schacht publiziert zum Thema „Autor und Autorschaft“ seine Tagebuch-Aphorismen von 1990 bis 2008 über Themen wie Gott, Peter Greenaway, Poesie, Erotik usw. Darunter finden sich kleine Perlen wie: „Jerusalem. Eine Stadt als Welt-Grund. Jeder betritt sie, wo auch immer er ankommt.“ Ein Satyrspiel liefert der Dramatiker Tom Peuckert. In seinem Kurzdrama treibt der greise Ernst Jünger den Tod in die Verzweiflung, weil er sich weigert, die Augen zu schließen. Statt dessen möchte er dem Knochenmann bei der Arbeit zuschauen. Ernst Jünger möge weiter in Frieden ruhen. Der Wiederbelebungsversuch mit „buntem Staub“ würde in seinem abenteuerlichen Herzen nur einen Infarkt auslösen.

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