Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Kinderspiele für Erwachsene

Es trifft sich gut, daß die Eröffnung der 29. Olympischen Sommerspiele und der 125. Geburtstag von Joachim Ringelnatz (1883-1934) auf ein und denselben Tag fallen. Denn Ringelnatz war, neben manchem anderen, der Erfinder des neuzeitlichen Sport- und Turngedichts, und die jetzt ablaufenden Wettbewerbe in seinen Versen zu spiegeln, macht Spaß und liefert unerwartete Aufschlüsse. Vor Ringelnatz hatte es in der deutschen Lyrik in Sachen Sport nur feierliche Oden à la Pindar gegeben, und auch das nur über einige ganz wenige Sportarten, zum Beispiel über den Eiskunstlauf. Klopstock oder Novalis überschlugen sich geradezu im Lobpreis dieser Disziplin, und weder der eine noch der andere wäre je auf den Gedanken gekommen, auch einmal die negativen Seiten ins Auge zu fassen und etwa zu schildern, wie die „erhabenen“ Läufer manchmal ausrutschten und sich, plumps!, auf ihren erhabenen Hintern setzten. Bei Ringelnatz war das ganz anders. Ihn interessierte weniger das Erhabene als vielmehr das Komisch-Mechanische, weniger die gelungenen Pirouetten der Eisläufer als vielmehr die zermatschten Visagen der Boxer nach dem Kampf um die Goldmedaille. Hier einige Zeilen aus seinem Gedicht „Box-Kampf“ von 1920: „Bums! Kock, Canada: – Bums!/ Käsow aus Moskau: Puff! Puff!/ Kock, der Canadier: Plumps!/ Richtet sich abermals uff …/ Kurz: Es verlaufen die heit’ren/ Stunden wie Kinderpipi./ Sparen wir daher die weit’ren/ Termini technici.“ Man bekommt keinen hinreichenden Begriff von der Ringelnatzschen Lyrik, speziell von den Sportgedichten, wenn man nicht die Sprache ihres Autors und die Umstände ihres Vorgetragenwerdens mitdenkt. Alle Ringelnatz-Gedichte waren „Gebrauchsgedichte“, dazu bestimmt, so bald wie möglich und gegen Honorar im „Simpl“, dem Münchner Künstlerlokal der Kathi Kobus in der Türkenstraße, oder in anderen Kabaretts rundum im Reich vorgetragen, ja regelrecht vorgespielt zu werden. Ringelnatz war ein Allround-Künstler und in seiner Art ein Gesamtkunstwerk, ein Unikum. Am ehesten könnte man ihn eine Mischung aus Christian Morgenstern, Karl Valentin und dem jungen Bert Brecht nennen. Er dichtete, zeichnete und malte, er schauspielerte und parodierte, er verhöhnte sein Publikum und umschmeichelte es, er sammelte Geld ein und warf es sofort wieder in Form von Schnaps und Bier zum Fenster hinaus (die Inflation hätte es sonst ohnehin komplett aufgefressen). Der seinerzeit sehr geachtete Journalist Bruno E. Werner hat einen der damaligen Ringelnatz-Auftritte im „Simpl“ präzise überliefert: „Da trat ein Matrose aufs Podium, der sichtlich duhn war, ein kleiner, schmächtiger Kerl mit einem von Wind und Feuerwasser gegerbten Geiergesicht, und krähte auf sächsisch seine ‚Turngedichte‘ heraus. Es war die seltsamste Vereinigung von Sachse und Seemann, die man sich vorstellen kann, und dort oben stand und zappelte er nun im blauen Tabaksqualm. Nach Vorkriegsbegriffen waren seine Gedichte wie der ganze Auftritt hanebüchen und mußten jeden ordentlichen Menschen zum Erröten bringen – nur uns nicht, die wir aus dem Krieg heimgekehrt waren und nichts als Hunger und Demütigung vorgefunden hatten. Hier endlich war eine neue Heiterkeit, verbunden mit einer Wut, wie sie alle Veteranen zwischen 20 und 25 Jahren mit sich im Bauch herumtrugen. Wir grölten, wir jubelten.“ Heiterkeit und Wut – das traf den Grundton des Hans Bötticher, der sich Joachim Ringelnatz nannte, schon ziemlich gut; man sollte ergänzend die Melancholie und die Abenteuerlust hinzufügen. Dieser am 7. August 1883 in Wurzen bei Leipzig geborene Sohn aus bestem Bürgerhause, in seiner Erziehung mit Weimarer Klassik abgefüllt, war ein Abenteurer aus Melancholie, der es in keiner Position lange aushielt, der unbedingt zur See fahren wollte, als Leichtmatrose unter wechselnden Flaggen auf vielen Meeren diente und sich im Weltkrieg zu den gefährlichsten Marineeinsätzen meldete; zum Schluß war er Kommandant eines Minenleg- und -räumboots vor Cuxhaven im Range eines Marineleutnants. Den haltbaren Daueranker aber fand er in der Sprache. Auch hier war Abenteuer, man konnte mit der Sprache spielen und sie in tolle Kapriolen treiben, indes, sie bot auch Ankunft, Heimat, eben Heiterkeit. Der teils wütende, teils melancholische Seemann Joachim Ringelnatz gerann in ihr zu der unsterblichen Klabauterfigur „Kuttel Daddeldu“, seine Frau zu der nicht minder heiteren Märchengestalt „Muschelkalk“. Und auch die Kinder ließen sich am besten durch Sprache aufheitern. Man brauchte ihnen nur freche Abzählverse vorzulesen, „Himmelsklöße“ oder ein lustiges „Onkel-Doktor-Knochensplitter-Spiel“. Was nun aber den Sport betrifft, so sah ihn Ringelnatz von Anfang an als das, was er auch wirklich ist und immer schon gewesen ist: ein Kinderspiel, das mit Verbissenheit von Erwachsenen gespielt wird und dabei, aus der Distanz betrachtet, zu ungemein komischen Klimmzügen führt, auch zu höchst ärgerlichen, vor allem wenn sich Politik und Geschäft seiner bemächtigen: „Alter Knacker!/ Klimme, klimb/ Zum Olymp!/ Höher hinauf!/ Glückauf!/ Kragen total durchweicht./ Äh – äh – äh – endlich erreicht./ Das Unbeschreibliche zieht uns hinan,/ Der ewig weibliche Turnvater Jahn.“ Hermann Hesse hat Joachim Ringelnatz, in durchaus liebevoller Absicht, einen „Kindskopf“ genannt, „eine Art Don Quijote, mit Knabenidealen und einem kleinen Vogel im ritterlichen Gehirn“. Und er fügte hinzu: „Ich habe ihn im Alltag und nüchtern nicht gekannt, ich kannte ihn nur im Zustand halber Trunkenheit, etwas starr blickend wie ein Seiltänzer auf hohem Turnseil,  der todernst im bunten Kostüm über der bezauberten Menge seinen einsamen und lebensgefährlichen Weg schreitet.“ Dem Nachgeborenen bleibt kaum etwas hinzuzufügen, allenfalls dies: Auch Seiltänzer sind Sportler, sogar Hochleistungssportler. Wenn sie spöttische Sportlergedichte schreiben, so spotten sie nicht zuletzt über sich selbst. Und diese Art des Spotts ist die vornehmste und vielleicht einzig erträgliche auf der Bank der Spötter. Joachim Ringelnatz: Sämtliche Gedichte. Diogenes, broschiert, 856 Seiten, 12,90 Euro ders.: Daddeldus Seemannsgarn. Die schönsten Erzählungen. Mit einem Nachwort von Kurt Tucholsky. Insel Taschenbuch. Insel Verlag, Frankfurt am Main, broschiert, 206 Seiten, 8 Euro Das Gesamtwerk von Ringelnatz ist in sieben Bänden, herausgegeben von Walter Pape, bei Diogenes erschienen und kostet 152 Euro Abbildung: Joachim Ringelnatz: Wie ein Seiltänzer auf hohem Turnseil, der todernst seinen einsamen Weg schreitet

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