In Farbgewittern

Dangast liegt weitab vom Schuß. Doch genau das war es, was einst zwei junge Maler aus Dresden gesucht haben. Denn wenn sie mit ihrer Staffelei in der Umgebung der Elbmetropole loszogen, trafen sie an jeder Ecke Kreative, die dort ebenfalls ihre Utensilien ausgepackt hatten. In dem kleinen Nordsee-Kurort am Jadebusen hatte man sich bis dato hingegen eher auf den Fischfang als auf den Farbauftrag konzentriert. Und so verwundert es nicht, daß Erich Heckel sowie sein Kollege Karl Schmidt-Rottluff mit ihren bunten Halstüchern nicht nur äußerlich auffielen. Auch ihre avantgardistische Art zu malen fand nicht sofortigen Anklang. Als die beiden ihre ersten Ergebnisse 1908 in den Räumen des Oldenburger Kunstvereins im Augusteum präsentierten, hielt sich die Begeisterung des Publikums in Grenzen. An dieses Ereignis vor einhundert Jahren erinnert die Stadt Oldenburg jetzt mit drei Ausstellungen im Augusteum, im Horst-Janssen-Museum sowie in der Landesbibliothek. Dazu gibt es zahlreiche Vorträge und Führungen, außerdem führt das Oldenburgische Staatstheater ein Stück über den expressionistischen Dichter Georg Heym auf sowie das Programmkino Casablanca drei Filme zum Thema vor. „Ich verstehe diese jungen Maler nicht“ Den Schwerpunkt der Präsentation „Expressionismus — Auftakt zur Moderne“ bildet die Ausstellung im Augusteum mit rund 200 Exponaten, darunter etwa 60 Gemälden von Angehörigen jener 1905 gegründeten und mittlerweile weltweit berühmten Künstlervereinigung „Die Brücke“ . Allen voran Ernst-Ludwig Kirchner, der intellektuelle und kreative Kopf der „Brücke“. Er zog es vor, seine Sommer auf der Ostseeinsel Fehmarn zu verbringen. Denn Kirchner war generell der Überzeugung: „Ich verstehe diese jungen Maler nicht, ich habe mir immer Gegenden ausgesucht, wo noch kein Maler gewesen war, während diese nur da etwas sehen, wo schon andere gemalt haben.“ Letzteres traf zwar nicht auf Heckel und Schmidt-Rottluff zu, ersteres aber auf ihn, weil er ihretwegen in Dangast eben nun nicht mehr künstlerische terra incognita vorfinden konnte. Von Kirchner hängen eine ganze Reihe von Arbeiten im Obergeschoß des Augusteums, darunter sein Titel der vierten Brücke-Mappe für Schmidt-Rottluff, ein Holzschnitt aus dem Jahre 1909. Er zeigt neben dem angeschnittenen Gesicht des Künstler-Kollegen mit der charakteristischen Brille und dem Spitzbart auch drei stilisierte Bilder auf dem von der Holzmaserung geprägten Grund. Seine in derselben Technik entstandene „Tänzerin mit gehobenem Rock“ hat es sogar als kleinteiliges Ornament auf die jeweils ersten und letzten Doppelseiten der beiden Kataloge geschafft. Von einem anderen, erst 1910 zur Gruppe hinzugestoßenen Kollegen hängen gleich nebenan eine Reihe von Lithographien. Otto Muellers Arbeiten zeigen immer wieder schlanke, südländisch anmutende Gestalten umrissen von deutlichen, dunklen Konturen. Auf den im Gegensatz zu seinen auch farbig sehr expressiv arbeitenden Kollegen sind Muellers Bilder vom Kolorit sehr zurückhaltend gestaltet, verträumte Mädchen sitzen in elegischen Landschaften, im Gras, im Schilf, Ruhe und der Einklang mit der Natur prägen die Stimmung. Mueller war sozusagen der schweigsame, fast schon mystisch anmutende „Romantiker“ unter den Expressionisten und hielt trotz des nicht nur künstlerischen, sondern auch charakterlichen Gegensatzes zu Kirchner ein Leben lang Kontakt zu ihm, noch lange nach Auflösung der Gruppe im Jahre 1913. Von Franz Nölken, einem eher unbekannten und ebenfalls erst später zur „Brücke“ gelangten Künstler, sind unter anderem zwei großformatige Akte aus dem Jahre 1916 vertreten. Auch sie sind, wie bei Mueller, eher verhalten in ihrer Farbigkeit, aber etwas expressiver im Duktus. Emil Noldes Aquarelle hingegen strotzen nur so vor Leuchtkraft, die weite Landschaft Schleswig-Holsteins tauchte er in den 1940er Jahren in ein Farbgewitter aus Dunkelblau, Rot und Gelb über einem tiefgrünen Grund. Im Hochparterre, den Räumlichkeiten, wo auch Heckel und Schmidt-Rottluff ausgestellt haben, sind jetzt die Bilder der Maler vertreten, welche tatsächlich in Dangast gemalt haben. Die Arbeiten des ersten Jahres von Schmidt-Rottluff und Heckel zeigen dabei noch deutliche Einflüsse des ausklingenden Impressionismus, durch Tupfen der Farbe wurde versucht, die flüchtige Lichtstimmung möglichst schnell einzufangen. Aber in der auch schon hier zu beobachtenden Entfernung von der natürlichen Farbigkeit kündigt sich bereits der immense Wandel in der Kunstauffassung an, welcher als Expressionismus weltweit seinen Siegeszug antreten sollte. Mit wenigen Strichen, übersteigerten Formen und reinen Farben bannten die beiden ihre Eindrücke von der Küste auf Papier und Leinwand — Ziegeleien, Bauernhöfe, Alleen, aber auch die Bewohner und Kollegen wurden so verewigt. Max Pechstein und Emma Ritter kamen in den folgenden Jahren immer wieder im Sommer nach Dangast, um zu malen und zu drucken. Denn die uralte Technik des Holzschnittes mit der zur Vergröberung zwingenden Maserung kam den Künstlern in ihrem Bestreben entgegen, sich auf das Wesentliche, Ursprüngliche zu konzentrieren. Von Emma Ritter sind so der „Hohe Giebel“, die „Werft“ oder „Schiffe im Watt“ zu sehen, von Pechstein Aquarelle wie „Bauernhäuser in Dangast“ oder Federzeichnungen wie „Boote am Strand“. Insgesamt vermittelt dieser Teil der Ausstellung ein friedliches, im Einklang mit den Elementen erscheinendes Bild des Menschen. Dämonen bevölkern den leergebrannten Himmel Ganz anders geht es im zweiten großen Ausstellungsort zu, dem Horst-Janssen-Museum. Hier sind unter dem Titel „Expressionismus — Auftakt zur Moderne in der Großstadt“ alles andere als idyllisch zu bezeichnende Arbeiten versammelt. Auf den beiden unteren Ebenen werden zum Beispiel die Arbeiten von Ludwig Meidner gezeigt. Meidner hatte bereits lange vor dem Ersten Weltkrieg apokalyptische Visionen; stürzende Perspektiven, düstere Farben und wie von Zerstörung zerrüttelte Fassaden erwecken den Eindruck des hereinbrechenden Chaos. Auch Käthe Kollwitz prangerte immer wieder das Elend der Massen an, Bilder mit Titeln wie „Hunger“, „Kindersterben“ oder „Erwerbslos“ aus der Mappe „Proletariat“ schildern die Not der einfachen Bevölkerung. August Macke, Mitglied der ebenfalls prominenten, expressionistischen Künstlervereinigung „Der Blaue Reiter“, malte das Aquarell „Ladenstraße unter Lauben“. Es ist zwar eine der wenigen hier vertretenen farbigen Arbeiten, aber auf ihr dominiert und kontrastiert die kühle Atmosphäre der elegant gekleideten Großstädter vor den reichen Auslagen der Geschäfte um so schärfer mit dem Leben der einfachen Arbeiter. Von Max Beckmann wurden Werke wie „Die Nacht“ ausgewählt, eine Szene, die Mord und Totschlag zeigt und aus der Mappe mit dem vielsagenden Titel „Die Hölle“ stammt. Denn kurz nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich der Expressionismus als „nationaler“ Stil der Weimarer Republik durchgesetzt, bot er doch mit seinem übersteigerten Formen- und Farbkanon die Möglichkeit, auf die erschütternden Erlebnisse dieser Zeit mit adäquaten künstlerischen Ausdrucksformen zu reagieren. Otto Dix beobachtete die Verlierer der Gesellschaft, seine „Strichdame“ oder „Puffmutter“ sind vom harten Leben gezeichnete Gestalten, ausgemergelt, faltig, eine fast schon zum Gerippe abgemagerte „Alte Dirne“ karikiert die Erwartung an eine schöne Liebesdienerin durch das Bild der Realität. Christian Rohlfs Tempera „Tanzende“ betört zwar durch die signalrote Farbe von Kleid und Hintergrund, doch auch ihre Augen bleiben leer, die Pose sucht nach Halt in einer aus den Fugen geratenen Welt. Die Dämonen steigen wie bei Beckmann als düsterer Schornsteinfeger den Leuten aufs Dach, sie kriechen aus allen Ritzen und bevölkern den leergebrannten Himmel. Das Vergnügen wird schal, selbst die leichte Welt des Tingeltangels wie auf den Bildern Conrad Felixmüllers ist bereits angekränkelt und verweist auf die nächste nahende Katastrophe der Geschichte. Die Ausstellungen laufen bis zum 16. November im Oldenburger Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Augusteum, Damm 1, täglich außer montags von 9 bis 17, Do. bis 20 Uhr, Sa./So. ab 10 Uhr; im Horst-Janssen-Museum, Am Stadtmuseum 4-8, täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr; in der Landesbibliothek, Pferdemarkt 15, wochentags von 10 bis 18, Do. bis 19 Uhr, Sa von 9 bis 12 Uhr. Bild: Karl Schmidt-Rottluff, Vareler Hafen: Entfernung von der natürlichen Farbigkeit

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