Gegenoffensive mit Tendenzen des Relativismus

In regelmäßigen Abständen werden immer wieder Vorwürfe gegen den Esoteriker und Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner (1861-1925) laut, er propagiere mit seiner Geisteswissenschaft eine latent rassistische und antisemitische Lehre. Jüngster Ausdruck ist der Ende letzten Jahres gescheiterte Versuch, zwei Schriften Steiners durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indizieren zu lassen (JF 37/07). Walter Kugler, der seit acht Jahren Leiter des Archivs der Rudolf-Steiner-Nachlaßverwaltung ist und diese auch beim Prüfverfahren mit vertrat, hat jetzt als Reaktion ein Buch veröffentlicht, welches in Grundzügen bereits vor sieben Jahren unter dem Titel „Feindbild Steiner“ erschien. Hier, in einer kleinen Auswahl von Dokumenten, läßt Kugler bekannte Geistesgrößen von Ernst Haeckel über Franz Kafka bis Joseph Beuys über ihre Begegnung mit Steiner oder der Anthroposophie erzählen. Zusätzlich berichtet er aus der weltweiten anthroposophischen Arbeit. Beispielsweise, wie sich eine Waldorfschule in Südafrika noch vor Ende der Apartheid im Jahre 1994 das Recht erkämpfte, schwarze und weiße Kinder in einer Klasse unterrichten zu dürfen. Trotz des knapp bemessenen Raumes gelingt es Kugler dabei, einen Einblick zu schaffen, der selbst für manchen Anthroposophen noch Neues enthalten dürfte. Vor allem will er damit eins verdeutlichen:  „Kurzum: Es gäbe die gesamte anthroposophische Bewegung nicht, wenn ihre Grundanschauung genährt werden würde von Rassismus, Antisemitismus oder Faschismus.“ Dies ist ohne jeglichen Zweifel richtig. Auch ist es richtig, wie Kugler schreibt, daß die Gestalt Steiners seit jeher als Projektionsfläche für allerlei Unbehagen herhalten mußte. „Jude“, „Kommunist“, „Freimaurer“, „Antichrist“ – abhängig von dem, was gerade als Verteufelung en vogue war, wurde schon auf sie angewendet. Mit entsprechender Modifikation für die Gegenwart: „Rassist, Faschist, Antisemit, das sind die Formeln, mit denen man heute jeden und alles abwürgen kann – auch Steiner und die Anthroposophen.“ Doch ist es fraglich, ob Kugler angesichts dieses Befunds die angemessene Antwort gefunden hat. So gibt Kugler zu, daß einige Textpassagen im äußerst umfangreichen Werk Steiners im ersten Moment „das Gefühl einer Diskriminierung aufkommen lassen können“. Diese Gefühle will er mit seiner Schrift ernst nehmen: „Denn ein spontanes Gefühl zu ignorieren oder gar zu mißachten, unterbindet von vorne­herein jeden weiteren sachlichen Erkenntnisvorgang.“ Erwartet Kugler wirklich ernsthaft den Wunsch nach einem „Erkenntnisvorgang“ bei Kritikern, die Steiner Antisemitismus vorwerfen? Dabei stützen sie sich auf ein, zwei Zitate, die, wie Kugler darlegt, in einer Weise verfälscht worden sind, daß man nur mit Mühe an Redlichkeit glauben möchte. Bei Leuten, die gänzlich ignorieren, daß Steiner über Jahre hinweg in der Zeitschrift Verein zur Abwehr des Antisemitismus publizierte – zu einer Zeit, als dies ganz sicher keine gesellschaftliche Anerkennung bedeutete? Im Versuch, es diesen Leuten recht zu machen, versteigt sich Kugler zu Aussagen, die in ihrer Absolutheit schlichtweg falsch sind: „In keiner der inzwischen viele Tausende zählenden Publikationen von anthroposophisch orientierten (…) Schreibenden wird man die Aufforderung zu antisemitischen, rassistischen Einstellungen oder gar Handlungen finden.“ Man mag ebendies dem ehemaligen Waldorflehrer und jetzigen NPD-Spitzenpolitiker Andreas Molau vorwerfen wollen. Ganz sicher kann man ihm aber keine die Anthroposophie ablehnende Haltung attestieren. Kugler hat ganz recht, wenn er schreibt, daß man diese „spontanen Gefühle“ ernst nehmen sollte. Doch ein großer Irrtum ist es anzunehmen, man müsse daher Rücksicht walten lassen und seine eigene Position relativieren, nur um nicht angreifbar zu werden. Dieses Unterfangen ist zwecklos, da diese Gefühle „Rassismus“ noch in den entlegensten Gegenden wittern können. Denn es ist kein Erkenntnisstreben, welches hinter diesem zeitgeschichtlichen Symptom als Triebfeder steht. Es wurde bereits an anderer Stelle in der JUNGEN FREIHEIT ausgeführt (JF 17/08), daß sich hinter dem „Antirassismus“ der Gegenwart etwas ganz anderes verbirgt – nämlich Furcht vor dem Geist. Diese Furcht muß eine Geisteswissenschaft im Sinne Steiners gewiß ernst nehmen. Aber sich von ihr beherrschen lassen, das darf sie ganz sicher nicht. Walter Kugler: Rudolf Steiner. Wie manche ihn sehen und andere wahrnehmen, erweiterte Neuausgabe. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart  2008, broschiert, 128 Seiten, 9,90 Euro

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