Seelenballast

Wer seine Musikauswahl trifft, um sich der Erlesenheit seines persönlichen, gegenüber dem Massengeist des Mainstream resistenten Geschmacks zu vergewissern, ist davor gefeit, sich von guter Laune anstecken zu lassen. Er weiß, daß die Stimmungslagen, die der Wahrheit der eigenen Existenz und der Welt um sie herum gerecht werden, andere sind. Musiker, die sich der Tristesse verschreiben, bieten zudem die Gewähr, daß es sich bei ihnen um authentische Künstlerphilosophen und nicht bloß gerissene Schauspieler handelt. Man kennt zwar Stimmungskanonen zuhauf, hinter deren Lächeln sich Seelenabgründe und dramatische Schicksale verbargen. Melancholiedarsteller hingegen, die außerdienstlich eher dem Frohsinn verschrieben sind, dürften eine Rarität sein. Auch der in den Südstaaten der USA aufgewachsenen und in New York künstlerisch erwachten Entertainerin Chan Marshall alias Cat Power wird in diesem Sinne nachgesagt, daß sie mit ihren in zumeist recht minimalistische Arrangements verpackten Liedern ihren Hörern Seelenballast aufbürdet, den sie selbst wacker zu schultern weiß. Was hat diese Frau, die als Enddreißigerin noch immer den Charme einer Göre versprüht, nicht alles erlebt, seufzt das Feuilleton: eine von Verwahrlosung gekennzeichnete Kindheit als Ergebnis der flüchtigen Liaison von Hippie-Egomanen. Drogen, Alkohol, psychotische Anwandlungen, Liebeskummer, Bühnenskandale und -skandälchen. Lauter Belanglosigkeiten also, die eigentlich niemanden so recht interessieren müßten, wäre die autistische Darbietung von Cat Power nicht so erklärungsbedürftig. Dies gilt nicht zuletzt für ihre aktuelle CD „Jukebox“ (Matador), in der sie (mit zwei Ausnahmen) zur Abwechslung mal wieder keine eigenen Kompositionen präsentiert, sondern Cover-Versionen von Titeln unterschiedlichster Provenienz und Berühmtheit, die ihr irgendwie ganz persönlich etwas bedeuten müssen, da sie ansonsten keinen Zusammenhang erkennen lassen. Das Resultat ist allerdings kein disparates Stil-Potpourri aus den zurückliegenden Jahrzehnten der Popgeschichte. Cat Power versteht es vielmehr, die Originale in der Bandbreite von Hank Williams bis Nick Cave bis zur Unkenntlichkeit in einen homogenen Teppich schleppender Barmusik zu verwandeln. Selbst der Gassenhauer „New York“ von Frank Sinatra erfährt eine Interpretation, die sich ohne Schamesröte ertragen läßt. Die Maßstäbe für musikalischen Solipsismus haben jedoch andere schon vor langer Zeit gesetzt: 1994 debütierte die um die auratische Sängerin Beth Gibbons formierte Band Portishead mit ihrer CD „Dummy“, die nicht nur ein unverhoffter Verkaufserfolg wurde, sondern auch die professionellen Marktbeobachter vor begriffliche Probleme stellte. Man einigte sich darauf, diesen eigentümlichen, sehr gemächlichen, sehr melancholischen, manchmal harmonisch bis süßlich erscheinenden, dann aber auch wieder jäh aufgebrochenen Sound „Trip Hop“ zu taufen, ein Amalgam aus Hip Hop und Dub, doch ohne das, was für diese beiden jeweils eigentlich charakteristisch ist. Nach einer weiteren Studio-CD und einem Live-Mitschnitt verstummte die Band schon 1998, und andere Projekte ihrer Akteure ließen die Ankündigungen, es werde zu gegebener Zeit eine Fortsetzung folgen, als kaum glaubwürdig erscheinen. Nun, zehn Jahre später, hat es dann doch noch sein sollen, doch belegt „Third“ (Island), mit die Aufmerksamkeit anheizender Verzögerung erschienen, leider vor allem, daß sich „Warten“ nicht immer lohnt. Portishead hat seine Konturen aufgegeben und sich einem diffusen Sound elektronischer Allgemeinplätze geöffnet. Dies sollte wohl innovativ sein, ist aber lediglich belanglos und langweilig geraten.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles