Die Moral des Ruinösen

Am 19. Oktober erhält der Künstler Anselm Kiefer in der Frankfurter Paulskirche den mit 25.000 Euro dotierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Ein schöner Batzen Bares in Zeiten der globalisierten Kreditklemme. Doppelt merkwürdig freilich, daß die Wahl gerade auf ihn fiel, denn Kiefer ist in der langen, mit Historikern, Philosophen und Literaten, also Bücherproduzenten gespickten Preisträgerreihe der erste bildende Künstler, und es ist nicht evident, wie seine Werke zur „Verwirklichung des Friedensgedankens“ beigetragen haben könnten. Den Begründungskalamitäten entzog sich der Stiftungsrat nur halbwegs durch den Hinweis, daß der Erwählte zwar kein Autor sei, aber — nämlich in Gestalt seiner tonnenschweren Bleibücher — immerhin „das Buch selbst zum entscheidendsten Ausdrucksträger gemacht“ habe, das den Betrachter in einen Leser verwandle. Von dieser frommen Hoffnung war es dann nur noch ein Hüpfer zur verqueren Logik, wonach der 63jährige, vom Weltruhm umstrahlte Maler und Bildhauer mit seiner „moralischen Botschaft vom Ruinösen und Vergänglichen“ irgendwie „Frieden“ stifte. Tatsächlich gab also wieder einmal die „Moral“ den Ausschlag, die Kiefer faßweise aus seiner Konfrontation mit der deutschen Geschichte und dem Holocaust keltert. Die Auseinandersetzung mit der „dunklen Vergangenheit“ des Dritten Reiches war von Beginn an sein Karrierekatapult. In den 1980ern traute sich Petra Kipphoff, die Kunstkritikerin der Zeit, mit der Beobachtung hervor: Wenn Kiefers Arbeiten heute in Israel so begehrt seien wie in New York und Los Angeles, dann verdanke er dies jüdischen Sammlern, die die Hälfte seiner Arbeiten besäßen. Wie Robert von Berg in der Süddeutschen Zeitung ergänzte, hätten diese ein Faible für diesen Deutschen, der zum Volk zählt, das Hitler und den Holocaust gebar, und der ihnen ihr „Gruseln vor der nazideutschen Vergangenheit“ wachhalte. Kiefer, der zwischen 1987 und 1989 mit einem Triumphzug durch US-Museen den internationalen Durchbruch schaffte, reagierte gereizt: Nicht die Hälfte, sondern 95 Prozent seiner US-amerikanischen Sammler seien Juden (Art, 1/1990). Bis heute fuhr Kiefer konsequent fort, entsprechende Erwartungen bedienen zu wollen, um sich im Diskurs der „Vergangenheitsbewältigung“ profitabel zu plazieren. Nimmt man den Katalog zur Hand, der soeben zu einer smarten Kiefer-Schau im Schleswiger Schloß Gottorf erschien, springt dieser Opportunismus sofort ins Auge. Mit der Mystik des Kabbalisten Isaac Luria beschäftige er sich seit zwanzig Jahren, und die sei natürlich „interessanter als die christliche Philosophie“ und liefere „einen viel umfassenderen Zugang zu dem, was die Welt zusammenhält als die christliche Mythologie“. Seine Werke entstünden „im Dialog“ mit Paul Celan, dem jüdischen Lyriker, dem ausdrücklich seine neuen Gemälde und Skulpturen gewidmet sind. Kein Œuvre eines anderen lebenden deutschen Künstlers hat eine so unüberschaubare Fülle an Kommentarliteratur provoziert wie das Kiefers. Die Kölner Kunsthistorikern Sabine Schütz zählte 1996 dreißig Ausstellungskataloge und 350 Artikel, Essays und Rezensionen. Inzwischen dürften sich diese Papiermassen verdoppelt haben. Spitzen des Eisbergs bilden Studien wie die Lisa Saltz­mans, Assistenzprofessorin am amerikanischen Frauen-College Bryn Mawr: „Anselm Kiefer and Art after Auschwitz“ (1999). Das Niveau dieser ewigen Teestunde zum bundesdeutschen Thema Nummer eins paßt sich dabei ganz den generös gestreuten Selbstdeutungen des Meisters an. So schwadroniert er im Schleswiger Katalog amateurphilosophisch darüber, daß er keinen Sinn der Welt ausmachen könne, auch nicht wisse, „warum ich hier bin“, warum wir Menschen sind und was nach uns komme. Mit so unterirdisch trivialem Blech würde man sich plauschender Weise nicht einmal die Wartezeit in der Samstagmittagsschlange bei Aldi verkürzen wollen. Kiefer fabriziert aus den Versatzstücken seiner Sinnsucherei Kunstwerke für einen Rezipientenkreis, der ästhetisch unverwöhnt und intellektuell hinreichend genügsam ist, um sich davon „Zusammenhang“ und „Ordnung“ vermitteln zu lassen. Der Spaßmacher Harald Schmidt, Jahrgang 1957, vertrat kürzlich die Ansicht, daß seine Generation, in deren Elternhäusern Krieg, Bombenterror, Flucht und Vertreibung als „große Erzählung“ von den überlebenden Erwachsenen an die Kinder weitergegeben wurden, die definitiv letzte sei, in deren Weltbild, bis in manische Abwehrreaktionen hinein, sich das dritte Deutsche Reich einschrieb. Mit dem biologischen Ende dieser Alterskohorte, um 2035, ist der Wirkung Kiefers somit eine Frist gesetzt. Da hilft auch der verschwenderische Einsatz des gegen Ewigkeiten gewappneten Materials Blei nicht, das in Form von Schiffswracks und Düsenjägermodellen Kiefers Großformate ziert. Die Raumpflegerinnen, die das entsorgen werden, Enkelinnen jener Braven, die den Fettecken seines Lehrers Joseph Beuys zu Leibe rückten, die sind schon geboren. So ergeht es aller Kunst, die mit dem Zeitgeist verheiratet und eben deshalb bald Witwe ist (Kierkegaard). Obwohl erst im März 1945 in Donaueschingen geboren — „im Jahr der neudeutschen Götterdämmerung an der Quelle jenes Flusses, an dessen Ufer die Walhalla steht“ (Petra Kipphoff) —, will Kiefer uns für dumm verkaufen und weismachen, „die Bomben“ seien die „Sirenen meiner Kindheit“ gewesen. Was er als Angehöriger der „Generation Schmidt“ produziert, ist also in höchstem Maß „kontextabhängig“ — durchgängig vom „Narrativ“ des „Reiches“ strukturiert, insoweit wirklich mit einer „Überdosis an Teutschem“ gespritzt und nur von denen verstanden, die das Licht der Welt, seien wir großzügig, bis 1960 erblickten. Das „Wissenspensum deutscher Schulkinder“ (Sabine Schütz) dieser Jahrgänge braucht es eben schon, um die „moralische Botschaft“ der erdig-braunen, mitunter fotogestützten Leinwände Kiefers zu dechiffrieren. Wer sein Bild „Maikäfer flieg“ (1974) entschlüsseln möchte, muß halt den Fünfzeiler gelernt haben, der endet: „Pommerland ist abgebrannt“. Für die nach 1960 geborenen, zu schweigen von den „Migrationshintergründlern“, die den „Kanon“ nicht mehr verinnerlicht haben, ist das aber Hekuba oder simpel „Westpolen“. Eine Kunst, die — man fühlt sich an die Dechiffrierkartelle der Arno-Schmidt-Gemeinde erinnert — derart durch deutungstechnische Finessen aufbereitet werden muß, die sich aber zugleich in peinlicher Unterwerfung um die ästhetische Umsetzung bewältigungskonformer Codierungen bemüht, ist irritierend weit davon entfernt, über das Bestehende hinauszuweisen — wie Adorno das formuliert hätte. Fotos: Anselm Kiefer, Hero und Leander (2005): Kunst, die mit dem Zeitgeist verheiratet ist , Anselm Kiefer in seinem Atelier im südfranzösischen Barjac Die Ausstellung auf Schloß Gottorf in Schleswig ist bis zum 13. April 2009 täglich von 10 bis 19 Uhr zu sehen. Telefon: 0 46 21 / 813-222 Der von der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen herausgegebene Katalog („Anselm Kiefer. Objekte, Gemälde und Arbeiten auf Papier aus der Sammlung Großhaus“) ist im Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, erschienen. Er hat 220 Seiten, ist durchgehend illustriert und kostet 19,80 Euro.

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