Deutschlands schimmernde Wehr

Das Jahr 1848 ist in die Geschichte eingegangen als das Jahr der deutschen Revolution, getrieben von der Sehnsucht nach der Einigung aller Deutschen in einem nationalen Verfassungsstaat, der an die Stelle des Deutschen Bundes treten sollte, einer nur lockeren Vereinigung von 39 souveränen Staaten. Daß dieses Jahr auch das Gründungsjahr der Deutschen Marine war, wird von der historischen Forschung dagegen meist übersehen. Um so mehr ist es zu begrüßen, daß das Deutsche Marine-Institut einen repräsentativen und eindruckvollen Band mit dem Titel „Deutschland zur See – Illustrierte Marinegeschichte von den Anfängen bis heute“ vorgelegt hat. Autor ist Guntram Schulze-Wegener, Fregattenkapitän d.R., Chefredakteur der Zweimonatsschrift Militär und Geschichte sowie Autor mehrerer Bücher und Aufsätze zur deutschen Marinegeschichte. In sieben Kapiteln bietet der Band einen interessanten Überblick über die wechselvolle Marinegeschichte unseres Landes und seine militärisch-politischen Zeitläufe. Es begann am 14. Juni 1848 mit der Bewilligung von sechs Millionen Talern für den Bau einer deutschen Flotte. Als Sinnbild der Einheit des Reiches, die sie künftig unter den neuen Reichsfarben Schwarz-Rot-Gold nach außen sichtbar machen sollte, wurde die Reichsflotte trotz ihrer materiellen Schwäche vom Volk begeistert begrüßt. Reich und Flotte bildeten eine Einheit. Beide existierten zwar nur ganze fünf Jahre. Aber der Samen war gelegt, aus dem eine mittlerweile 160jährige deutsche Marinegeschichte erwachsen sollte. Es folgte 1867 mit der Gründung des Norddeutschen Bundes die Norddeutsche Bundesmarine, die vom 1871 gegründeten Deutschen Reich als Kaiserliche Marine übernommen wurde. Wie die Reichsflotte 1848 verkörperte die Kaiserliche Marine die Reichseinheit, im Gegensatz zu den Landstreitkräften, die föderal strukturiert blieben. Und wie 1848 war auch die Kaiserliche Marine – trotz ihres Namens – bürgerlich. Obwohl sich Deutschland innerhalb nur einer Generation vom Agrar- zum Industriestaat entwickelte und die Weltmeere für den Handel eine immer größere Bedeutung erhielten, ging der Aufbau der Flotte nur zaghaft voran, weil die Vorstellungen darüber, wie diese Flotte beschaffen sein sollte, weit auseinandergingen. Erst unter der Führung des Admirals v. Tirpitz, seit 1897 Staatssekretär des Reichsmarineamtes, begann nach dem Vorbild der anderen Länder der systematischer Aufbau einer Flotte, die bei Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 die zweitstärkste Schlachtflotte der Welt war. In der größten Seeschlacht der Weltgeschichte, der Skagerrakschlacht am 31. Mai 1916, erfocht sie einen unerwarteten Sieg über die überlegene britische Flotte, für die Engländer die erste Seeschlacht nach Trafalgar 1805. Schon 1914 war es einem Geschwader unter Admiral Graf Spee gelungen, vor der chilenischen Küste ein britisches Geschwader zu vernichten, bevor es selbst vor den Falklandinseln von einem überlegenen Gegner besiegt wurde. Die Kaperfahrten des Kreuzers „Emden“ wie des zum Hilfskreuzer umgebauten Seglers „Seeadler“ unter Felix Graf Luckner wurden geradezu legendär. An der britischen Suprematie zur See konnte das alles indes nichts ändern. Mit dem U-Boot führte Deutschland aber eine neue Waffe des Seekrieges ein, dessen Angriffe auf die lebenswichtigen britischen Überseeverbindungen im Atlantik das Inselreich zeitweilig an den Rand einer Niederlage brachten. Nach Kriegsende, der Selbstversenkung der Flotte in Scapa Flow 1919 und der von der Marine ausgehenden Revolution stand die Marine – jetzt Reichsmarine genannt – vor einem Scherbenhaufen. Im Versailler Vertrag auf ein Minimum reduziert, von der Bevölkerung wegen ihrer Verwicklung in politische Skandale weitgehend abgelehnt, kämpfte die Marine um ihre Existenz. Die Machtergreifung Hitlers wurde daher anfangs von ihr begrüßt. Mit dem deutsch-britischen Flottenabkommen vom 18. Juni 1935 schuf er der Kriegsmarine – wie sie jetzt hieß – den erforderlichen politischen Freiraum für eine ungestörte Entwicklung, die mit dem Kriegsbeginn 1939 jedoch ein abruptes Ende fand. Obwohl so nur ungenügend gerüstet, ergriff die Marine trotzdem sofort nach Kriegsbeginn die Initiative, die sie bis Mitte 1943 – trotz großer Überlegenheit ihrer Gegner – mit viel Geschick, aber auch Glück behalten konnte. Die Invasion Norwegens 1940 zur Sicherung des schwedischen Eisenerzes, der atlantische Zufuhrkrieg mit Schlachtschiffen, Kreuzern, Hilfskreuzern und vor allem U-Booten, die, wie im Ersten Weltkrieg, die Hauptlast des Kampfes zu tragen hatten, waren militärisch herausragende Leistungen. Mit der Rettung von etwa zwei Millionen Flüchtlingen aus dem Osten über die Ostsee, der größten Rettungsaktion über See in der Geschichte, haben sich Kriegs- und Handelsmarine 1944/45 ein Denkmal besonderer Art gesetzt. Nach 1945 stand die Marine wieder einmal vor einem Neuanfang, und das gleich in doppelter Hinsicht, gab es doch zwei deutsche Staaten und damit auch zwei deutsche Marinen: die Bundesmarine und die Volksmarine der DDR, bis sie nach der Wiedervereinigung 1990 zur Deutschen Marine zusammengeführt wurden, die sich mittlerweile – gemeinsam mit ihren Bündnispartnern – in weltweiten Einsätzen befindet. Obwohl sie mit den Fregatten F 124, den Korvetten K 130 und den U-Booten 212 über Einheiten verfügt, die weltweit zu den modernsten ihrer Art gehören, hat die Marine mit einem Personalbestand von aktuell nur noch 18.000 Mann ein „existenzgefährdetes Minimum“ erreicht. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Alles in allem ist „Deutschland zur See“ ein eindrucksvolles Porträt der deutschen Marine, ihrer großen Siege und schweren Niederlagen, ein Standardwerk für den historisch interessierten Leser und den Liebhaber maritimer Sachbücher. Die Darstellung wird wirkungsvoll ergänzt durch eine ganze Reihe hervorragender Abbildungen, Karten, Gefechtsskizzen, Flaggen, Dienstgradabzeichen und Portraits. Besonders eindrucksvoll sind die Reproduktionen von Gemälden deutscher Kriegsschiffe und Schlachten bekannter Marinemaler. Das Werk befindet sich hinsichtlich der Rolle des deutschen Flottenbaus unter Tirpitz allerdings nicht auf dem neuesten Forschungsstand. Anders als dargestellt wurde dieser von London nie wirklich als Bedrohung empfunden. Kräftemäßig deutlich unterlegen, ohne Stützpunkte außerhalb der Deutschen Bucht, war die deutsche Flotte zu keinem Zeitpunkt in der Lage, die britische Hegemonie zur See „wirklich in Gefahr“ zu bringen. Auch die britische Entscheidung zum Kriegseintritt 1914 ist durch die Existenz der deutschen Flotte nicht entscheidend mitbestimmt worden. Aber das ist ein derart komplexes Thema, daß es einer anderen Untersuchung vorbehalten werden kann. Abbildung: Willy Stöwer, Selbstversenkung der in Scapa Flow internierten Flotte, Öl auf Leinwand 1926: Zu keinem Zeitpunkt in der Lage, die britische Hegemonie zur See zu gefährden   Guntram Schulze-Wegener: Deutschland zur See. Illustrierte Marinegeschichte von den Anfängen bis heute. Herausgegeben im Auftrag des Deutschen Marine-Instituts. Verlagsgruppe Koehler/Mittler, Hamburg 2008, gebunden, Großformat, 254 Seiten, Abbildungen, 29,90 Euro Foto: Kampfschwimmer der Bundeswehr bei einem Absetzmanöver: Existenzgefährdetes Minimum

EIKE-Konferenz Wissenschaftlich gegen den Klimairrsinn!
Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles